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"Queen Elizabeth": Die kleine Schwester der "Queen Mary 2"

Staub, Lärm und Gestank - das Bordleben der "Queen Elizabeth" erinnert derzeit wenig an einen Luxusliner. Der Neuzugang der Cunard-Flotte wird im italienischen Trieste gebaut. Im Oktober wird der Flottenneuling der britischen Cunard-Reederei getauft - natürlich von adligen Händen.

Von Swantje Dake

Die Sonne knallt auf das Pooldeck, brennt auf der Haut. Man sehnt eine leichte Brise herbei - oder zumindest einen Liegestuhl. Aber auf Deck 9 der "Queen Elizabeth" gibt es weder Schatten noch kühlenden Wind. Auch das Teakimitat vermisst der geübte Kreuzfahrer unter seinen Füßen. Auf nacktem Beton steht der Bordbesucher. Diese himmlische Ruhe, die sich auf Kreuzfahrtschiffen über alles und jeden legt, wird zerstört von kreischenden Sägen, Hämmern, die auf Metall schlagen und lauten Arbeitskommandos. Die "Queen Elizabeth" ist noch ein Rohbau. Aber der entstehende Luxusliner schickt sich an, ein würdiger Thronfolger für die "Queen Mary 2" zu werde.

Die "Queen Elizabeth", von Liebhabern kurz QE genannt, liegt am Ausrüstungskai der Fincantieri-Werft im italienischen Trieste. Der Name prangt bereits am Bug, Die charakteristischen Reederei-Farben - der dunkle Rumpf, das strahlende Weiß und der rot-schwarze Schornstein - sind zu erkennen. Vier Monate noch, dann soll der neue Luxusliner der britischen Cunard-Reederei auf Jungfernfahrt gehen. Davon scheint das 294 Meter lange Schiff derzeit seemeilenweit entfernt zu sein. "Aber nein, nicht doch", wehren Werft- und Reederei-Mitarbeiter ab. "Wir sind absolut im Plan", so eine Werftsprecherin. Der Innenausbau nehme stets erst in den letzten Wochen Gestalt an. Im Juli 2009 begannen die Arbeiten an der "Queen Elizabeth". Seitdem wurde auf dem Werftgelände nicht vom Kiel bis zum Schornstein gearbeitet. Das Schiff wird in Blöcken gefertigt, die anschließend wie Legosteine zusammengesetzt werden.

Die Sparvariante der "Queen Mary 2"

Rein äußerlich wird die "Queen Elizabeth" der "Queen Victoria" stark ähneln. Etwas länger und breiter ist sie, aber der so viel bewunderte ausladende Hinter der "Queen Mary 2" fehlt an der QE. Zu teuer sind die Proportionen des Flaggschiffes heutzutage, nach Dollarverfall und Wirtschaftskrise. Die kleinere Ausgabe des Ozeanliners kostet 416 Millionen US-Dollar. Bis zu 2000 Arbeiter werkeln gleichzeitig an dem Schiff. Ab Oktober werden ebenso viele Menschen über die Decks wuseln, dann aber in Bermudashorts und Sandalen oder Abendkleid - auf dem Weg zum Bridgeturnier, zum Lunch oder zum Theaterbesuch. In mehr als 50 verschiedenen Sprachen verständigen sich die Arbeiter, wo noch geschweißt oder schon gemalert werden kann. Die Werft vergibt Aufträge an Subunternehmer, die vielfach mit den günstigeren asiatischen und afrikanischen Arbeitern anrücken. Ähnlich international dürfte auch die Crew der "Queen Elizabeth" sein, wenn sie am 12. Oktober auf Jungfernfahrt geht. Das Publikum ist dann überwiegend britisch, amerikanisch und westeuropäisch.

Das war bereits so, als die erste "Queen Elizabeth" Anfang der 30er Jahre auf Reisen geschickt wurde. Ihre Nachfolgerin "Queen Elizabeth 2" wurde 1969 in Dienst gestellt. Im Dezember 2008 fuhr sie ein letztes Mal und liegt seitdem in Dubai, wo das Schiff zu einem Hotel umgebaut und an The Palm festmachen sollte. Bislang kann man noch nicht wieder als schlafender Gast einchecken und die Pläne, das Schiff als schwimmendes Hotel bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika einzusetzen, verliefen im Wüstensande.

Männerschweiß im Spabereich

Aber an der Nachfolgerin wird mit Hochdruck gearbeitet. Sie hat wenig mit der ersten QE und der QE2 gemein. Nichtsdestotrotz gab das Königshaus den Segen für den Namen. Das dreistöckige Theater im Heck des Schiffes hat schon Gestalt angenommen. Die Bühne wird bereits von Stuck umrahmt und ist zur Hälfte mit goldener Farbe bemalt. Die Logen sind bereits fertig. Die kunstvollen Verzierungen und Stoffe werden von Matten aus blauem Schaumgummi und Plastikfolien geschützt.

In der Tanzbar baumeln grüne und orangefarbene Stromkabel wie Diskokugeln von der noch unverkleideten Decke. Auf dem Pooldeck werden unter weißen Zelten die Wasserbecken gebaut. In der Grand-Lobby kann man die elegant geschwungenen Treppen erkennen, jedoch sind Stufen und Geländer noch nicht mit feinstem Material verkleidet. Dünne Bretter auf dem Eisenstufen biegen sich unter klobigen Arbeiterschuhen. Am Fuße der Treppenstufe legen zwei Arbeiter die Fußbodenelemente. In einigen Kabinen stehen schon Bettgestelle, liegt bereits fein säuberlich abgedeckter Teppich.

Taufe zur Lunchzeit

Im Spa schimmern ein paar Mosaiksteinchen an den Wänden in Grün-Gelb-Ocker-Tönen. Die Temperatur passt zum Saunabereich. Es riecht allerdings nicht nach erfrischenden Ölen und Cremes, sondern nach harter Arbeit. Und es ist düster. Die Fenster sind verhängt, abgeklebt oder mit weißer Farbe zum Schutz vor Sonnenlicht bemalt. Nur ab und zu erhascht man einen Blick auf das glitzernde Wasser der Adria.

Darin muss sich die "Queen Elizabeth" ab Mitte August beweisen, dann wird die Seetüchtigkeit des neuen Schiffs auf die Probe gestellt. Am 11. Okotber wird der Flotten-Neuling in Southampton getauft. Zur Lunchzeit. Man munkelt, das wäre ein Indiz dafür, dass die Queen persönlich zur Taufe bittet. Die britische Königin hat vor sechs Jahren die "Queen Mary 2" getauft und selbst eine neuerliche königliche Taufe wird die QE nicht zum Flaggschiff der Cunard-Reederei adeln. Das ist und bleibt die QM2. Aber die "Queen Elizabeth" mausert sich in den kommenden Wochen sicherlich zum würdigen Mitglied des schwimmenden Hofstaates.

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