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Arbeitslose Kreuzfahrtschiffe: Zwangsaufenthalte für Luxusliner: Milliardenwerte parken im Hamburger Hafen

Noch nie lagen im Hamburger Hafen gleichzeitig so viele Kreuzfahrtschiffe. Die Coronakrise stellt die Reedereien beim Rücktransport der Crews in ihre Heimatländer vor enorme Herausforderungen. Wir geben einen Überblick, wo die Schiffe gestrandet sind.

AidaPerla in Steinwerder

Bild 1 von 10 der Fotostrecke zum Klicken: Das mit 300 Metern zurzeit in Hamburg größte Kreuzfahrtschiff, die "Aida Perla", hat am 15. Mai nach einer langen reise aus der Karibik über die Kanaren am Terminal in Steinwerder festgemacht.

Eigentlich sollten in diesem Jahr 210 Kreuzfahrtschiffe den Hamburger Hafen anlaufen. Doch ab Mitte März wurden fast alle Reisen abgesagt. An den drei Hamburger Kreuzfahrtterminals haben dennoch Luxusliner festgemacht. Sie nehmen keine Passagiere auf und dürften noch länger in der Hansestadt bleiben.

Teilweise haben die acht Schiffe, die hier Mitte Mai liegen, sehr lange und höchst unkonventionelle Fahrten hinter sich. So sammelte die "Aida Perla", nachdem die Kreuzfahrtgäste von Bord waren, in der Karibik einen Teil der Besatzung der "Aida Luna" auf und überquerte den Atlantik mit Kurs auf die Kanaren.

In Teneriffa stiegen die Crew-Mitglieder von "Aida Nova" und "Aida Mira" zu, und anschließend wurden in Gran Canaria die Mitarbeiter der "Aida Stella" abgeholt, ehe das Schiff bis nach Hamburg fuhr, um von hier aus die Rückreisen vieler Seeleute in ihre Heimatländer zu organisieren.

Crew Cruises nach Hamburg

Ebenso mussten andere Reedereien improvisieren. "Aufgrund der Einstellung des Flugbetriebes und der Reisebeschränkungen war dies logistisch herausfordernd", sagt Karl J. Pojer, der Chef von Hapag-Lloyd Cruises. "Daher haben wir die Rückreise selbst in die Hand genommen und die Fahrt unserer 'Hanseatic Nature' zur 'Crew Cruise' werden lassen."

So übernahm das Expeditionsschiff in Bridgetown auf Barbados die Crew der Schwesternschiffe "Hanseatic Inspiration" und "Europa", ehe es in Richtung Heimat ging. Zuvor hatte Kapitän Ulf Wolter an Bord der "Hanseatic Inspiration" noch ungewöhnliche Amtsgeschäfte durchgeführt: Er traute zwei Mitglieder des Küchen-Teams – in Anwesenheit der gesamten Crew als Familienersatz.

Bis auf die "Bremen", die von Auckland unterwegs nach Rostock ist, hat die gesamte Flotte von Hapag-Lloyd Cruises inzwischen den Weg nach Hamburg zurückgelegt. Auch die 14 Schiffe von Aida Cruises "haben sichere Liegeplätze gefunden oder befinden sich auf dem Weg zu einem geeigneten Hafen", teilte die Reederei in Rostock auf Anfrage mit. Neben den Schiffen in Hamburg befinden sich mehrere auf Reede bei den Kanaren oder wie die "Aida Luna" in der Karibik. Die "Aida Prima" hat den Hafen von Dubai inzwischen in Richtung Singapur verlassen.

1500 Seeleute noch immer an Bord der "Mein Schiff 3"

Die Luxusliner sind riesige Investitionsgüter. So werden für die Baukosten zum Beispiel der "Aida Nova" ungefähr 800 Millionen Euro veranschlagt. Allein die Schiffe an den Kais im Hamburger Hafen summieren sich auf einen Wert mehrerer Milliarden Euro. Jetzt fahren sie keine satten Gewinne mehr ein und werden aufgrund der Coronakrise nicht einfach "geparkt".

Bei den ungeplanten langen Aufenthalten in den Häfen handelt es sich um sogenannte "Aufliegeprozesse", eine Rumpfmannschaft bleibt immer an Bord. In den meisten fällen reichen 80 bis 100 Besatzungsmitglieder für den nautisch-technischen Betrieb. Die Liegezeit wird von den Crews auch für Weiterbildungsmaßnahmen und Instandhaltungsarbeiten genutzt.

Ein Kreuzfahrtschiff von MSC liegt vor Ocean Cay, Bahamas.

Kopfzerbrechen bereitet den Reedereien nach wie vor die Rückführung der Crews. Denn bis zu 80 verschiedene Nationen arbeiten an Bord. Besonders Tui Cruises, von deren sieben Schiffe mehrere auch in der Deutschen Bucht und in Bremerhaven pausieren, arbeitet noch immer "an weiteren Ausstiegen": An Bord der "Mein Schiff 3" befinden sich noch immer 1500 Crew-Mitglieder.

Das in Cuxhaven liegende Kreuzfahrtschiff war Anfang Mai in die Schlagzeilen geraten, nachdem der Covid-19-Erreger bei neun Personen nachgewiesen worden war und das Schiff unter Quarantäne gestellt wurde.

Probleme mit Einreisebestimmungen

Zwar konnte die Hälfte der 3000 Mitarbeiter inzwischen von Bord. So wurden viele Indonesier mit Charterflügen von Hamburg nach Jakarta und Denpasar ausgeflogen. Das Problem sind nach wie vor die restriktiven Ein- bzw. Ausreisebestimmungen der verschiedenen Länder. Nach Auskunft der Hamburger Reederei zeigt sich die Botschaft der Philippinen wenig kooperativ und lässt ihre Landsleute im Ungewissen, wann sie ihre Rückflüge antreten können.

Nicht nur Tui Cruises kämpft mit bürokratischen Hürden. Zum Beispiel lässt Nicaragua die eigenen Bürger zurzeit nicht einreisen. Seeleute aus dem mittelamerikanischen Land müssen weiter an Bord der Schiffe verbleiben.

Alle drei genannten deutschen Reedereien können ihre Schiffe angeblich schnell reaktivieren. Doch dazu müssen allerdings auch neue Crews wieder eingeflogen werden. Die Veranstalter vertrösten ihre Kreuzfahrtgäste, deren Reisen ausfallen sind, derweil mit Gutscheinen, Rabatten und Umbuchungen auf das kommende Jahr.

Im Hintergrund wird fieberhaft an Programmen mit Routen ab deutschen Häfen ausschließlich mit Seetagen gearbeitet. Noch sind bis Ende Juni alle Kreuzfahrten abgesagt.

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