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Crews und Corona 100.000 Besatzungsmitglieder sind seit Wochen auf Kreuzfahrtschiffen gefangen

Liegt  seit dem 28. April am Steubenhöft in Cuxhaven und steht unter Quarantäne: das Kreuzfahrtschiff "Mein Schiff 3" von Tui Cruises
Liegt  seit dem 28. April am Steubenhöft in Cuxhaven und steht unter Quarantäne: das Kreuzfahrtschiff "Mein Schiff 3" von Tui Cruises
© Sina Schuldt / DPA
Fast alle Passagiere sind von Bord. Doch für die Crews der Kreuzfahrtschiffe spitzt sich die Lage teilweise dramatisch zu: Die Abreise in die Heimatländer verläuft schleppend, Schiffe stehen unter Quarantäne, es kommt zu tumultartigen Szenen an Bord.

Die Dramen um Kreuzfahrtschiffe im Zusammenhang mit dem Coronavirus wollen kein Ende nehmen. In den letzten Wochen infizierten sich mindestens 2700 Menschen an Bord von 57 verschiedenen Kreuzfahrtschiffen. Ihre medizinische Versorgung und der Rücktransport der übrigen Passagiere erwiesen sich als schwierig, da die Schiffe aufgrund der restriktiven Einreisebestimmungen nirgendwo mehr einen Hafen anlaufen durften.

Jetzt gibt es ein weiteres Problem, das kaum der Öffentlichkeit bewusst ist, weil es nur die Crews betrifft. "Wir haben keinerlei Informationen erhalten, wann wir heimreisen werden oder was sie vorhaben, um uns Besatzungsmitglieder nach Hause zu bringen", sagte kürzlich ein Crew-Mitglied eines vor der Küste Südamerikas liegenden Kreuzfahrtschiffes der Zeitung "The Guadian". Aus Angst vor Repressalien durch seine Reederei möchte die Person anonym bleiben. "Wir sind alle Gefangene in unseren Kabinen."

Zwar sind die Passagiere fast aller Kreuzfahrtschiffe nach dem vorzeitigen Ende ihrer Reisen wieder an Land. Das Personal kommt aber nicht von Bord. Vier Dutzend Schiffe liegen zum Beispiel in den Gewässern bei den Bahamas mit ihren Crews auf Reede. Andere haben in Häfen festgemacht und stehen dort unter Quarantäne.

An die 80.000 Personen hängen allein nach Schätzungen des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Washington auf Kreuzfahrtschiffen vor der Ost-, West- und Golfküste fest. Nach Angaben des "The Guardian" sitzen mehr als 100.000 Crew-Mitglieder weltweit in der Falle. Eine Reederei habe nach Unterlagen, die der britischen Zeitung vorliegen, sogar die Gehaltszahlungen für ihre Crews eingestellt.

Ausharren im Niemandsland auf See

"Einige dieser Besatzungen befinden sich in einem Niemandsland“, sagt John Hickey, ein auf Seerecht spezialisierter Rechtsanwalt. Das Problem: Viele der Besatzungsmitglieder können sich nicht auf die Rechte ihrer Staatsbürgerschaftsnationen berufen und seien außerhalb der Gerichtsbarkeit der Länder, in denen die Schiffe registriert sind. Denn um Steuern zu sparen und Arbeitsrechte zu umgehen haben die Reeder ihre Schiffe in Heimathäfen von Panama, Liberia oder Malta angemeldet.

Erschwerend kommt hinzu, dass der weltweite Luftverkehr seit April fast zum Erliegen gekommen ist. Die Arbeitgeber können nicht mehr einfach Flüge buchen, um ihre Mitarbeiter zurück in die Heimatländer zu ihren Familien reisen zu lassen.

Betroffen sind vor allem die Servicekräfte aus Billiglohnländern wie Indonesien, Indien und den Philippinen, die als Stewards, Reinigungskräfte und Küchenpersonal an Bord der Kreuzfahrtschiffe schuften. Auf einem Mega-Liner wie die "Allure of the Seas" von Royal Caribbean International arbeiten bis zu 2100 Menschen aus 50 Nationen.

Lange Zwangspause für die Branche

Wann die ersten Kreuzfahrtschiffe wieder mit Passagieren in See stechen werden, weiß niemand. Die zur Carnival-Gruppe gehörenden Reedereien Aida Cruises und Costa Crociere haben inzwischen alle Reisen bis zum 30. Juni abgesagt. Cunard verlängert die Kreuzfahrt-Pause für ihre Queen-Schiffe sogar bis zum 31. Juli 2020. Tui Cruises musste nach eigenen Angaben bisher 80 Reisen mit allein 120.000 Vorgängen stornieren.

Aida Prima
Eines von acht Kreuzfahrtschiffen, die Anfang Mai im Hafen von Dubai festgemacht haben: Hinter der "Aida Prima" liegen die "Horizon" und "Norwegian Jade"
© Karim Sahib / AFP

Die in Hamburg ansässige Reederei hatte auf einen früheren Neustart gesetzt, was sich als Trugschluss herausstellte. Nachdem in Teneriffa Mitte März alle Passagiere die "Mein Schiff 3" verlassen hatten, übernahm der Oceanliner zunächst die Besatzungen dreier weiterer Schiffe aus der Flotte und wartete ab.

Quarantäne in Cuxhaven

Nach vier Wochen legte das Schiff in den Kanaren mit Kurs Elbmündung ab und erreichte mit knapp 3000 Kreuzfahrt-Beschäftigten, die in Crew- und Gästekabinen untergebracht sind, am 28. April Cuxhaven. Vom Steubenhöft in Cuxhaven sollen die meisten von ihnen die Rückreise in ihre Heimatländer antreten.

Doch einige hatten sich schlecht gefühlt, 15 wandten sich mit "leichten grippeähnlichen Symptomen" an das Bordhospital. Erst wurde eine Person positiv auf das Coronavirus getestet und auf die Isolierstation einer Klinik in Cuxhaven gebracht. Im Laufe dieser Woche stieg die Anzahl auf neun positiv getestete Besatzungsmitglieder, die nach Angaben der Reederei keine schweren Symptome zeigen.

Durch die verlängerte Quarantäne und eine unzureichende Kommunikation muss sich die Stimmung an Bord enorm verschlechtert haben. Viele von ihnen befinden sich bereits seit Monaten auf dem Schiff und durften seit 50 Tagen nirgendwo an Land gehen.

Der Kapitän soll die Crew gebeten haben, sich nicht an Spekulationen auf den Social-Media-Kanälen zu beteiligen. Dennoch gelangten Videos und Fotos in die Öffentlichkeit, die den von aufgebrachten Crew-Mitgliedern demolierten Rezeptionsbereich zeigen.

Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi haben die Besatzungsmitglieder kaum Zugang zum Internet. Zigaretten und Hygieneartikel für Frauen seien angeblich knapp gewesen. In einem auf Youtube hochgeladenen Clip sind deutlich die Worte zu hören: "Enough is enough. Send people home!"

Die Presseabteilung der Reederei verbreitete am Donnerstagmorgen die Nachricht, dass "im Großen und Ganzen die Situation an Bord ruhig" sei. "Tui Cruises ist mit allen neun (Infizierten, Anmerkung der Redaktion) Besatzungsmitgliedern in Kontakt und versorgt sie unter anderem mit SIM-Karten, um den Kontakt in die Heimat sicherzustellen."

In Abstimmung mit den Behörden vor Ort werden im Laufe des Donnerstags die auf das Coronavirus positiv getesteten Personen auf die Quarantänestation eines Klinikums in der Nähe von Bremerhaven gebracht.

Die ersten Rückflüge für 1200 Personen an Bord der "Mein Schiff 3" stehen endlich fest: Am 8. Mai geht es nach Kiew und Jakarta. Charterflüge werden einen Tag später weitere Crew-Member nach Tunesien, Mauritius und in die Türkei bringen. Anfang nächster Woche sollen 369 Besatzungsmitglieder nach Indonesien geflogen werden.

Was mit den übrigen mehr als 1500 Mitarbeitern passiert, bleibt offen. Vier Kreuzfahrtschiffe von Hapag-Lloyd Cruises haben bereits im Hamburger Hafen festgemacht. Elbaufwärts ist die Situation an Bord entspannter.

Die "Europa" und die "Europa 2" sowie die beiden neuen Hanseatic-Expeditionsschiffe bleiben "betriebsbereit", wie die Reederei auf Anfrage mitteilte. Dafür sei eine Mindestbesatzung an Bord notwendig. Je nach Schiffsgröße reichen dafür 50 und 80 Crew-Mitglieder.

Quellen: "The Guardian"Centers for Disease Control and Prevention, Tui Cruises

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