Corona-Pandemie "Schwimmende Petrischalen": Kreuzfahrt-Konzerne stecken in ihrer größten Krise

Riesengroß und normalerweise voller Menschen: Das Coronavirus lähmt die Kreuzfahrtbranche.
Riesengroß und normalerweise voller Menschen: Das Coronavirus lähmt die Kreuzfahrtbranche.
© Axel Heimken/ / Picture Alliance
Kreuzfahrt-Konzerne verkauften jahrelang eine bonbonbunte Welt auf hoher See. Das Coronavirus ließ diese Blase nun platzen. Die Schiffe dürfen nicht mehr fahren, die Aktien rauschen in den Keller. Experten glauben, die Branche werde sich nie mehr davon erholen.

Das Coronavirus hat die Welt in kürzester Zeit schockgefroren. Die Folgen sind dramatisch, für die Menschen und die Wirtschaft. Besonders hart getroffen hat es den Tourismussektor: Hotels bleiben leer, Sehenswürdigkeiten geschlossen, Flugzeuge am Boden. Die Lufthansa sah sich etwa gezwungen, 95 Prozent der Flüge zu streichen.

Doch das Elend der Airlines ist nichts gegen das, was die Kreuzfahrt-Konzerne derzeit erleben: Weltweit ruhen die Schiffe bis mindestens Ende April, vermutlich länger. Sämtliche Reisen werden beendet oder sind bereits abgebrochen worden, weil fast alle Häfen dichtgemacht wurden. Lediglich 6.300 Passagiere befinden sich immer noch an Bord von insgesamt acht Schiffen, die nicht andocken können, da die Regierungen befürchten, die Passagiere könnten in den jeweiligen Ländern das Coronavirus weiterverbreiten. Mitunter werden die Passagierschiffe als "schwimmende Petrischalen" verunglimpft.

Schiffe irren durch die Meere

Die Sorgen der Regierungen nicht sind unbegründet: Die australischen Behörden leiteten diese Woche eine strafrechtliche Untersuchung ein, um festzustellen, warum Passagiere auf der "Ruby Princess" in Sydney von Bord gehen durften, obwohl einige von ihnen grippeähnliche Symptome aufwiesen. Mehr als 600 Menschen auf dem Schiff wurden später positiv auf das Coronavirus getestet, elf sind seither gestorben - mehr als ein Fünftel der bisherigen Todesfälle in Australien. Der Polizeikommissar von New South Wales beschuldigte den Kreuzfahrtkonzern Carnival, einer der größten Big Player der Branche, gegen die Biosicherheitsgesetze verstoßen zu haben und das Virus in Australien eindringen zu lassen.

Das Schicksal der "Ruby Princess" ist kein Einzelfall. Auf mehreren Schwesterschiffen gab es ebenfalls bestätigte Covid-19-Fälle. Zuvor hatten die "Zaandam" der Holland America Lines im Hafen von Fort Lauderdale in Florida angelegt. Auch dort waren Passagiere positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Reederei hatte mitgeteilt, mehrere Passagiere seien gestorben, einige in Lebensgefahr.

Die Aktienkurse stürzten ab

Der Kreuzfahrtbranche ist es in den vergangenen Jahren wiederholt gelungen, sich von Katastrophen zu erholen, ja sogar gestärkt daraus hervorzugehen. Ob das Kentern der Costa Concordia vor der toskanischen Küste im Jahr 2012 oder diverse Norovirus-Ausbrüche auf hoher See - alle Rückschläge waren nur von kurzer Dauer. Das grundlegende Erfolgskonzept - mehr und immer größere Schiffe - wurde von den Passagieren nie infrage gestellt. Zu praktisch, zu bequem waren die Dauerbespaßungs-Schiffe.

Doch die Vorstellung, tage-, womöglich wochenlang in Quarantäne auf einem Kreuzfahrtschiff eingepfercht zu sein, ist selbst für Kreuzfahrt-Fans ein Horror. Einige Experten der Reisebranche befürchten, dass sich das Kreuzfahrt-Urlaubsgeschäft nie mehr vom Coronavirus erholen wird. Das sieht man auch an den Börsen: Aktien von Kreuzfahrtgesellschaften sind erdrutschartig abgesackt. Die Wertpapiere der Carnival Corporation brachen zwischen Februar und dem Höhepunkt der Börsenpanik Mitte März um 80 Prozent ein.

Die Aktien haben sich in dieser Woche etwas gefangen und um bis zu 60 Prozent zugelegt, nachdem sich das Unternehmen eine Rettungsfinanzierung in Höhe von 6,25 Milliarden Dollar gesichert hatte und der Staatsfonds Saudi-Arabiens enthüllte, dass er eine Beteiligung von 8,2 Prozent an dem Unternehmen aufgebaut hatte.

"Es wird großartige Angebote für Verbraucher geben"

Doch Experten sind sich unsicher, ob das ein gutes Investment war: "Die Leute sagen, sie haben ein großes Geschäft gemacht und werden ein Vermögen verdienen. Das mag zwar zutreffen, aber ich sehe nicht, dass Kreuzfahrten sich schnell erholen werden", sagt etwa Ross Klein, Professor an der Forschungseinheit für Seefahrt an der Memorial University of Newfoundland, im Gespräch mit dem britischen "Guardian".

Er glaubt, dass Kreuzfahrtunternehmen hart arbeiten müssen, um das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen. "Es wird einige großartige Angebote für die Verbraucher geben, um sie zu überzeugen, eine Kreuzfahrt zu buchen", sagte er. "Aber es wird eine schwierige Aufgabe sein, die Menschen davon zu überzeugen, dass Kreuzfahrtschiffe sicher sind."

Ehemalige Kunden werde man mit saftigen Preisnachlässen zurückgewinnen, ist Klein überzeugt. "Aber die Branche ist auf Wachstum eingestellt, es kommen immer mehr größere Schiffe, und um sie zu füllen, werden sie neue Kunden brauchen. Es wird äußerst schwierig sein, Menschen, die noch nie eine Kreuzfahrt gemacht haben, davon zu überzeugen, jetzt eine Kreuzfahrt zu machen - egal wie viel Geld Sie ihnen anbieten".

Abstand auf hoher See? Schwierig

Ob sich die Kreuzfahrt-Konzerne von den jüngsten Rückschlägen erholen hängt auch davon ab, wie sich der Umgang mit dem Virus verändert. Bislang verfolgen die meisten Nationen einen einigelnden Kurs: Grenzen werden dichtgemacht, Veranstaltungen abgesagt, es herrschen strikte Kontaktverbote. Zustände, wie sie in der bonbonbunten Kreuzfahrt-Welt nicht vorgesehen sind.

"Kreuzfahrtschiffe sind per Definition eine Masse von Menschen, die auf engem Raum zusammengepfercht sind, und es gibt nicht viel, was man strukturell daran ändern kann", sagt der Analyst Robert Cole. Vor allem die Kontaktverbote, also ein Sicherheitsabstand von anderthalb bis zwei Metern, dürfte zur unlösbaren Herausforderung werden.

Hinzu kommt: Ein Drittel der Kreuzfahrtpassagiere ist 60 Jahre oder älter. Diese Altersgruppe hat das höchste Risiko, ernsthaft an Covid-19 zu erkranken oder gar an dem Virus zu sterben. Heißt im Klartext: Lange Schlangen am Buffet, bei der An- und Abreise oder beim Warten auf die Reisegruppen am Hafen dürfte es nicht geben, bis es einen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt. Und das kann dauern. Experten schätzen, dass frühestens in einem Jahr, womöglich erst in 18 Monaten ein Impfstoff für die Massen bereitsteht.


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