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Hoch und heilig: Armenien - das letzte Abenteuer am Rande Europas

Wo Schluchten und Flüsse das Hochland durchschneiden, Straßen plötzlich enden und prächtige Kloster stehen, da kann der Glaube Berge versetzen. Die Armenier erhoben als Erste das Christentum zur Staatsreligion. Reise durch ein Land, das die meisten nur mit der Tragödie vor 101 Jahren verbinden. 

Von Bernd Schwer

Abenteuer Armenien

Spontan fährt Bauer Varuj im Lada zum Platz mit dem besten Blick aufs Kloster Tatev und die Worotan-Schlucht

Auch heute wird es wieder spät werden. Wer würde so eine Einladung ausschlagen? „Genatzed!“, rufen die Männer im Chor – „Prost!“ Wir kippen Wodka aus Plastikbechern, dann bekommen Matthieu, der Fotograf, und ich ein Bier in die Hand gedrückt.

Es ist Nachmittag, wir stehen unterhalb des Vardenyats-Passes im Südosten Armeniens, auf rund 2400 Meter Höhe. Das Gebäude am Rand des schlammigen Parkplatzes ist eine alte Karawanserei, eine Raststation aus den Zeiten der Seidenstraße. Das kunstvolle Gewölbe über der Pforte erinnert an den Eingang einer Stalaktitenhöhle, so etwas sieht man sonst in maurischen Palästen. Darüber wachen, als Halbreliefs in der Fassade, ein Stier und ein geflügeltes Fabelwesen – ein Adelswappen aus dem Mittelalter.

In die lange Halle fallen dünne Lichtstrahlen durch sternförmige Öffnungen in der Decke. Alles ist noch intakt: die Steinplatten auf dem Boden, die Tröge für die Tiere, die Nischen, in denen die Händler schliefen. Um 1332 wurde das Schutzhaus im Hochgebirge gebaut; im 16. Jahrhundert, als die Handelsstraße wegen der wachsenden Seeschifffahrt verfiel, gab man es auf.

Drei Monate für einen Stein

Eigentlich stehen wir hier in einem Architekturdenkmal. Doch keiner scheint sich darum zu kümmern. Für Avo, Avetik, Meshug und ein Dutzend Freunde ist das Steinhaus im Hochgebirge genau richtig, um einen Geburtstag zu feiern. Mit mitgebrachten Grillhähnchen, Tomaten, Zwiebeln, Brot. Und mit reichlich Wodka. Die Männer zwischen 30 und 40 stammen aus einem Dorf in der Nähe und sind alle Steinmetze. Avetik, der mithilfe von Susanna, unserem Guide auf dieser Reise, die Kommunikation übernimmt – ein kräftiger, untersetzter Mann – berichtet stolz von seiner Arbeit: „Drei Monate sitzen wir an einem Stein. Ich habe schon 70 Kreuzsteine geschnitzt.“

Statt Fragen zu stellen, müssen wir selbst Auskunft geben: Woher? Ah, Germanski! Verheiratet? Kinder? Fotos? Als Matthieu und ich unseren Nachwuchs auf dem Smartphone vorzeigen, muss das natürlich begossen werden. Dann zückt einer nach dem anderen sein Telefon. Wir posieren für Selfies, tauschen Mailadressen aus – „komm, lass uns noch einmal anstoßen!“. Hätten wir uns nach zwei Stunden nicht freundlich, aber bestimmt verabschiedet, wären wir wohl irgendwann vollkommen abgefüllt in einer Ecke gelandet. Sie winken uns, sagen wir, sehr enthusiastisch nach, bis wir um die nächste Kurve verschwunden sind.

Eine Tagesfahrt für 50 Kilometer

Der Vardenyats-Pass liegt nur gut 50 Kilometer südöstlich von Eriwan, allerdings Luftlinie. Auf der Straße bedeutet das eine Tagesreise. Armenische Straßen verschwinden gern mal plötzlich. Eben war da noch das Asphaltband, jetzt ist es eine Schlammpiste. Bei Regen wird daraus ein See. Oder wir fahren Slalom um Schlaglöcher. Diese Passstraße ist jedoch recht neu, wie auch der Tunnel, der den Gipfel durchsticht. Ein stolzes Bauwerk, mit einer großen Ampelanlage davor, allerdings außer Betrieb. Während Artak, unser Fahrer, vorsichtig in die schwarze Öffnung hineinsteuert, erfahren wir von Susanna, dass ein reicher Exil-Armenier den Tunnel gespendet hat. Wie viele Bauwerke im Land. Wo immer ein neues Hotel, eine Brücke, eine Straße steht, kommt unweigerlich der Hinweis: bezahlt von einem erfolgreichen Mann, dessen Name auf „-ian“ endet. Hier im Tunnel reichte das Geld zwar für die Röhre, nicht aber für Beleuchtung und Straßenbelag.

Wer Zeit und Muße hat, kann dieses unfreiwillig gemächliche Herumgondeln genießen. Armenien, etwa so groß wie das Bundesland Brandenburg, besteht fast ausschließlich aus Gebirge. Im Norden bedecken weite Wälder die Landschaft, und Schluchten durchziehen sie. Hier im Südosten sind die Berge kahler und rauer. Nur vereinzelt stehen Dörfer und Höfe in den Tälern. Unser Weg führt an sattgrünen Almen vorbei, über denen in dunklem Rot das Gipfelgestein leuchtet.

Wir durchqueren einen Canyon mit Hunderten Meter hohen Felswänden. An ihnen trainieren junge Bergsteiger das Klettern. Irgendwo in diesem Tal verbirgt sich die Höhle Areni-1, die „Vogelhöhle“, wo Archäologen vor Jahren den ältesten Lederschuh der Welt gefunden haben. Hergestellt etwa 3500 vor Christus, im trockenen Klima ziemlich gut erhalten.

Gekürzte Fassung aus: "Geo Saison", Heft 12/2016. Ab sofort am Kiosk für 6,50 Euro.

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