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Ausspannen: Eine Oase in den Bergen

Nur zu Fuß oder per Seilbahn gelangt der Gast ins Vigilius Mountain Resort auf 1500 Meter Höhe in Südtirol. Ein Traum für alle, die grandiose Ausblicke, puristisches Design und sanften Sport schätzen.

Hier unten sagen einige, es sei ein "Schweinestall". Und wie sie es sagen, klingt es nach Neid und Missgunst. Bei manchen im Südtiroler Ultental hört man, dass "die da oben" mit den Leuten "merkwürdige Sachen" machten. Und seit die Hoteliers am Ort wissen, dass der "Bau" unglaubliche 24 Millionen Euro gekostet hat, fürchten sie, dass die beste Kundschaft nicht mehr bei ihnen absteigt. Der "Schweinestall" hat fünf Sterne, heißt Vigilius Mountain Resort und liegt auf 1500 Meter Höhe unterhalb des Vigiljoches, das zur Ortlergruppe gehört. Das italienische Hotel ist eines der spektakulärsten in den Alpen. Und unter denen, die Natur, Design und Sport lieben, gilt es als Traumziel in Europa.

Zwei Wege führen nach oben: ein dreistündiger, strammer Fußmarsch durch Bergwälder und über Almwiesen (verbrennt je nach Gewicht der Reisetaschen mindestens 1380 Kalorien). Und die Fahrt mit einer klapprigen Seilbahn, Baujahr 1913, in sieben Minuten (Gepäck egal, verbrennt etwa 20 Kalorien). Am Ziel dann dieser Anblick: Wie ein vom Sturm mit der Wurzel aus der Erde gerissener Baum liegt das Vigilius da. Ein 96 Meter langer Holz- und Lehmbau, der zwischen Lärchen ruht. Ein Hotel wie eine Skulptur. Der Besitzer Ulrich Ladurner sagt: "Ich wollte keinen Bergkitsch mit Geranien davor."

Entworfen hat das Vigilius Stardesigner Matteo Thun. Er ist Jahrgang 1952, Spross eines Grafengeschlechts mit Keramiktradition und Mitbegründer der legendären Designer-Gruppe "Memphis". Thun war auch mal Creativ-Director beim Uhrenhersteller Swatch. Ladurner sagt: "Wenn einige im Tal vorher gewusst hätten, was wir planten, hätten sie das alte Hotel, das hier noch stand, sofort unter Denkmalschutz gestellt. So aber bekamen wir freie Hand."

Der stolze Besitzer führt Gäste gern durch sein von puristischem Design geprägtes Hotel. Das Eingangsgebäude, das so genannte Stadl, gebaut aus 300 Jahre altem Lärchenholz, ist die Wurzel und verkörpert die Tradition. Hier sind Gaststube, Restaurant und Empfang untergebracht. Im Stamm liegen die 35 Zimmer und sechs Suiten. Am Ende der SpaBereich mit Sauna, Sonnenterrasse, Pool, Kosmetikstudio und großem Fenster mit Dolomiten-Panorama. Besucher lernen im Vigilius auch Thomas rasch kennen. Er ist der "Personal Trainer" und verführt die Gäste zu all den Sachen, über die man im Tal tuschelt. Er geht barfuss über getrocknete Tannenzapfen ("Das sticht sakrisch"). Jagt die Leute mit Stöcken als Nordic Walker berg- und wieder talwärts ("Super für die Oberarme") und lässt sie mit Pfeil und Bogen schießen ("Das macht dich konzentriert"). Seine Kundschaft, sagt er, mache dabei gern mit. "Nur die Italiener sind faul", sagt er.

Einen Fitnessraum mit Trimmrädern, Laufbändern und Gewichten gibt es nicht. "Hier ist die Natur unser Trainingsplatz", sagt Thomas, ein gelernter Heilmasseur. Wer Kondition bolzen will, steigt auf die Hochwart in 2608 Meter Höhe (grandiose Wanderung, Gehzeit knapp vier Stunden), fährt mit dem Mountain-Bike ins Tal und zurück (rasante Bergfahrten, Fahrzeit etwa drei Stunden) oder schwebt im Doppelpack mit Thomas am Paraglider die 1200 Höhenmeter ins Tal (geniale Weitsicht, blaue Flecken nicht ausgeschlossen, Rückfahrt mit der Bahn, Reisezeit etwa eine Stunde).

Für die, die lieber den Italiener geben, hat Thomas die so genannte Anwendungsbalance im Programm. Der Fachbegriff dafür ist Kinesiologie (entwickelt vom amerikanischen Chiropraktiker George Goodheart Mitte der 60er Jahre, seit etwa fünf Jahren im Trend). Diese Lehre sieht den Menschen als ganzheitliches Objekt und funktioniert, wie Thomas erklärt, nach folgender Methode: "Ich zeige dir ein Foto und teste an deinem ausgestreckten Arm, wie du darauf reagierst." Zum Beispiel das Bild eines Radfahrers am Berg. "Kann ich den Arm nicht nach unten drücken, empfehle ich dir, Rad zu fahren. Geht er nach unten, müssen wir weiter testen, was gut für dich ist."

Am Ende der 40-minütigen Prozedur hat Thomas durch Drücken auf verschiedene Stellen am Körper außerdem alle Energiebahnen gecheckt und kann ein individuelles Trainingsprogramm vorschlagen. Für den einen ist es eine lange Bergtour, für den anderen ein entspannendes Heubad. Manchmal rät er auch nur, sich mit einer leicht wippenden Hüfte auf ein Kissen mit Tannenzapfen zu setzen. "Denn der Baum ist der Ursprung des Lebens und gibt die Kraft im Körper wieder frei." Egal, ob der Gast an die Kinesiologie glaubt oder nicht, es ist auf alle Fälle großartig, sich in einer wunderbaren Berglandschaft mit klarer Luft und Vogelgezwitscher zu bewegen.

Dass Ladurner sein Resort ausgerechnet unterhalb des Vigiljoches errichten ließ, hat mit seinen liebsten Erinnerungen zu tun. Als Kind war er mit seinen Großeltern häufig Gast im alten Berghotel, das hier oben stand. Sein Geld macht der 55-Jährige jedoch im Tal. Die Drogerie des Vaters hat er zur Dr. Schär GmbH ausgebaut, einem internationalen Unternehmen für glutenfreie Nahrungsmittel mit mehr als 120 Mitarbeitern. Das Geschäft läuft glänzend. Seine PR-Frau Ruth Gamper sagt: "Herr Ladurner hat Geld ausgeben müssen. Das ist in Italien, wie in Deutschland, gut für die Steuer."

Und vor allem für die Gäste. Zum Beispiel, wenn es im Vigilius hell wird. Dann ist es still, irritierend still. Ab und zu knackt leise Holz. Ein Morgen, an dem man nur den eigenen Atem hört. An dem man liegen bleiben und der Sonne dabei zuschauen möchte, wie sie langsam über dem schroffen Bergkamm des Rosengarten-Massivs aufsteigt. Licht und Schatten vermischen sich vor dem großen Fenster in einem unendlichen Spiel. Hier oben muss man auch allein sein können. Es gibt lediglich die Ablenkung, die man sich sucht. In der Bibliothek, in roten Ledersesseln versinkend, nachmittags wird Tee gereicht, abends brennt Lärchenholz knisternd im Kamin. In den Zimmern steht kein Fernsehapparat. Stattdessen richten sich Bett, Badewanne und Dusche dem Fenster und den Bergen entgegen. Davor zwei Sessel und anstelle eines Tisches ein grober Holzklotz mit einem Korb grüner Äpfel. Ladurner sagt zum Abschied: "Wir wollten einen einzigartigen Ort auf dem Berg schaffen." Das ist ihm und Matteo Thun wirklich gelungen. Die alte Gondel schwebt talwärts, hinab nach Lana. Langsam weicht die Stille. Autos dröhnen, Stimmen werden lauter, eine Tür schlägt zu. Wenn jetzt jemand fragte, wie es oben im "Schweinestall" war, würde ich geheimnisvoll lächeln und sehr leise sagen: "Gut, saugut sogar."

Alexandra Kraft / print

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