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Dorf an der Westküste : Banyalbufar - In Mallorcas wildem Westen

Steil geht's bergauf in den Gassen von Banyalbufar, und waghalsige Pfade führen hinab in die Badebucht. Das 500-Einwohner-Dorf auf Mallorca, das zwischen Weinterrassen aus dem Fels wächst, gibt ein gemächliches Tempo vor.

Von Sebastian Kretz

Banyalbufar

Das Dorf Banyalbufar am Tramuntana-Gebirge sitzt in der Loge – ein Vorzug, wenn am Ende des Tages der goldene Vorhang fällt.

Wer sich darauf einlässt, einen Tag lang durch Banyalbufar zu spazieren, muss zunächst eines wissen: Das Dorf, 25 Kilometer und eine gute Handvoll Serpentinen nordwestlich von Palma, dürfte zu den dreidimensionalsten Orten der Welt zählen. Zum einen wurde es in die steil zum Meer abfallenden Berge der Serra de Tramuntana gemauert, weshalb jede Straße nicht nur nach Norden, Süden, Osten oder Westen führt, sondern immer auch nach oben oder unten.

Zum anderen liegt Banyalbufar nicht einfach nur schräg am Hang wie zum Beispiel San Francisco oder Lissabon. Die Mauren, die das Dorf im 10. Jahrhundert gründeten oder übernahmen, gruben vielmehr Hunderte Terrassenfelder in den Hang, was dazu führte, dass jede Ansicht des Orts denselben Eindruck erweckt: als hätte eine Bande von Riesen sich den Spaß erlaubt, eine Treppe vom Meer in die Berge zu hauen.

Das Weinbau Start-up von Banyalbufar

Fangen wir sachte an, mit dem leichten Gefälle, das dorfauswärts hinunter zu den Terrassen führt, auf denen Toní Darders Reben wachsen. Was selbstverständlicher klingt, als es ist: 1891 kam die Reblaus über Mallorca. Und: "Einst schmeckte der Malvasier aus Banyalbufar beinahe wie Sherry", sagt der Winzer. Die schwere, süße Note hat sich verändert: "Heutzutage ist unser Wein eher fruchtig."

Toní Darder drückt sich vor seiner kleinen Bodega Son Vives in den Schatten, die mallorquinische Sonne hat auch hier, an der bergigen Westküste, vom Frühling bis in den Herbst hinein wesentlich mehr Kraft, als der deutschen vergönnt ist.

Ein Päuschen gönnt sich der Besitzer und Küchenchef des Restaurants "Pegasón y el Pajarito Enmascara­do". 

Ein Päuschen gönnt sich der Besitzer und Küchenchef des Restaurants "Pegasón y el Pajarito Enmascara­do". 


Was er und die Handvoll anderen Weinbauern des Orts treiben, ist eher ein Start-up als ein Château. Die Reben, die er bewirtschaftet, bringen 9000 Liter pro Jahr. Das ist nicht einmal ein Prozent dessen, was die großen Güter im Osten der Insel schaffen. "Aber es ist ein Anfang", sagt Toní Darder.

Steigen wir steiler aufwärts, mit einer Flasche von seinem Malvasier im Rucksack. Auch wenn es schweißtreibend ist, lohnt sich der etwa 15-minütige Spaziergang zum höchsten und ältesten Viertel Es Penyal, und zwar gleich doppelt: weil er über uraltes Pflaster führt, vorbei an blühenden Sträuchern, an weiß getünchten Häuschen mit bunten Fensterläden, die man hier persianas nennt. Und weil, ist man oben angekommen, der Blick übers ganze Dorf fällt und übers Meer.

In herrlichem Blau leuchtet es, getupft mit türkisfarbenen Flecken, in denen die Jollen der Hobbyfischer schaukeln. An den flachen Stellen angeln sie raons, kleine, rote Fische, die sich im Sand eingraben. Mitsamt ihrer Haut werden sie gegrillt. Auf dem bekanntesten Markt von Palma, Mercat de l'Olivar, sind sie notorisch begehrte Köstlichkeiten.

Richard Branson wollte ein Hotel bauen

"Du brauchst hier nicht viel, um dir ein kleines Boot zu kaufen und den Sommer auf dem Meer zu verbringen", sagt Francesca Amorós. Es ist ihr einundfünfzigster Sommer in Banyalbufar, und sie hat ihr Heimatdorf nie für längere Zeit verlassen. Auf einer unteren Terrasse, auf dem Niveau der Küstenstraße, führt sie das Hotel "Sa Baronia" in einem alten pastellfarbenen Gebäude. An einer Seite klebt ein jahrhundertealter Wehrturm und an der anderen ein pragmatisch geplanter Trakt für die Gästezimmer.

Schwindelerregend ist der Blick vom Wachturm Torre des Verger, einem beliebten Fotomotiv. 

Schwindelerregend ist der Blick vom Wachturm Torre des Verger, einem beliebten Fotomotiv. 


Womit die Haltung Banyalbufars zum Tourismus ganz gut abgebildet wäre: Besucher sind jederzeit willkommen, aber besonders umworben werden sie nicht. Weder werden die Terrassen für einen Golfplatz abgetragen noch wird ein künstlicher Strand aufgeschüttet, wo die Natur eine felsige cala vorsieht. Diese Haltung bekommt im Übrigen auch der Milliardär Richard Branson zu spüren, der seit Jahrzehnten vergebens versucht, in der Gemeinde ein Luxushotel zu bauen. "Wir wollen aus Banyalbufar keinen Freizeitpark machen", sagt Francesca Amorós.

Flach abfallendes Wasser: Cala Banyalbufar

Der letzte Weg des Tages führt weiter abwärts, sehr steil abwärts sogar. Zunächst noch auf der Straße, dann über eine in den Berg gehauene Treppe, gelangt man zur Cala Banyalbufar. Die Felswände, die sie umgeben, ragen beinahe senkrecht auf, ihre Ränder leuchten rotgolden in der tiefstehenden Sonne.

In einem Wettbewerb um den schönsten Strand der Insel wäre die steinige Bucht chancenlos. Was nicht bedeutet, sie sei ohne Reiz. Da liegen die Jugendlichen Banyalbufars, die ihr erstes Bier des Tages öffnen und schwatzen und lachen. Da tasten sich zwei alte Damen Schritt für Schritt ins badewannenwarme, flach abfallende Wasser, schwimmen in gemächlichen Zügen Richtung Horizont. Und ein paar Dutzend Meter weiter schaffen die Hobbyfischer ihre raons an Land.

Jetzt ist der Moment gekommen, den Malvasier zu probieren. Und, ja, da gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen dem Dorf und seinem Wein: Beide erfrischen, indem sie sich dem Mainstream mit einer gewissen Kantigkeit verwehren. Dem Wein geschähe kein Unrecht, wenn er ein wenig runder würde. Banyalbufar aber möge bitte seine heutige Gestalt bewahren.

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