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Billigreise in die Sonne Türkisch für Rechenkünstler


Großes Fernweh plus kleine Reisekasse ergibt Billigferien. "Geo Saison"-Autorin Martina Wimmer hat mit ihrer Nichte vier Tage lang die türkische Riviera zwischen Antalya und Alanya erkundet und dafür 399,20 Euro pro Person ausgegeben - ein Selbstversuch.

Das schönste Erfolgserlebnis bei schnellen Flügen in die Sonne: wenn diese tatsächlich scheint. Alles andere hätte die fragile Versuchsanordnung schon im Ansatz bedroht: Vom Berliner Wetter gequälte Tante flieht mit klimatisch noch härter geprüfter Teenager- Nichte aus Irland ein paar Tage für wenig Geld in den Süden der Türkei. Sie verreisen zum ersten Mal gemeinsam. Der Kleinbus, der uns Billigtouristen vom Flughafen in Antalya auf die Hotels der Region verteilt, ist innen mit Plüsch verkleidet, draußen: staubige Straße, flirrende Hitze, hohe Berge, Lastwagen voll mit Wassermelonen am Wegesrand. Das hilft schon mal, All-inclusive- Ängste etwas zu verdrängen.

Die schlechte Nachricht: Unsere Unterkunft liegt nicht in Side mit hübscher Altstadt und antiken Ruinen, sondern an einem längeren Abschnitt der von Hotels verbauten Küste zwischen Antalya und Alanya. Ein zweigeschossiges Haus mittleren Alters, im Karree um den belagerten Pool gebaut. Die Bar vor dem Treppenaufgang zur Dachterrasse, wo täglich drei Mal Essen serviert wird, heißt "Schluckspecht". Das ist insofern vor allem für mich interessant, als unser Arrangement freie alkoholische Getränke enthält. Die Dame im Reisebüro hatte das so empfohlen, man spare dabei unterm Strich viel Geld.

Deko-Figuren aus Wassermelonen

Wir kommen zur Mittagszeit an, eine Menschenschlange wartet bereits vor der Absperrung des Restaurantbereichs. Das Buffet ist reichlich, aber nicht das, wofür man in die türkische Ferne reist. Kein Fisch, kein Lamm, kein Lahmacun, wir essen Salat, Käse und Melone. Die Nichte beschließt schnell: Sie mag das alles nicht, und die handgeschnitzten Deko-Figuren aus Wassermelonenhälften beeindrucken sie auch nur beim ersten Anblick. Immerhin: Von der Dachterrasse erspäht man einen blauen Streifen Meer, das stimmt uns gnädig. Wir folgen seiner Anziehungskraft, laufen vorbei an Ramschläden und überdrehten Verkäufern, es sind keine 500 Meter zum Wasser.

Doch am ersten Strandabschnitt weist man uns ab, auch am zweiten und dritten. Auf unseren neonfarbenen Plastikarmbändern steht der falsche Name: "Sun Club Side". Dessen Terrain ist weit entfernt, zu erreichen über eine kahle Uferpromenade vor Brache und Beton. Auf dem schmalen Streifen Strand stehen Liegen und Schirme enger als im Billigflieger die Sitze, für uns reserviert sind die letzten drei Stuhlreihen. Das Meer ist kaum zu sehen, doch wir sind müde und lassen uns fallen. Es ist heiß, aber windig, zu windig, befindet der Bademeister und klappt aus Sicherheitsgründen den Sonnenschirm über uns zu.

Ausflug mit dem Mietwagen

Die gute Nachricht: Mietautos sind billig. Dass der Wagen morgens nicht wie vereinbart bereitsteht, ist weniger schlimm, denn die Teenager-Nichte schläft bis mittags. Wir fahren zu einem Wasserfall nahe der sieben Kilometer entfernten Kleinstadt Manavgat. Er ist mit seinen zwei Metern Höhe kein Niagara, aber: Die Besucher sind türkische Familien und erkunden mit größtem Vergnügen das Gelände. Wir ziehen Schuhe und Strümpfe aus, waten wie sie mit spitzen Schreien in eiskaltem Wasser, versuchen stillzuhalten für ein Foto vor den Schwärmen von Schwalben in der grünblauen Gischt. Kameras machen die Runde, jeder fotografiert jeden, sprachlose, fröhliche Verständigung in einem endlich fremden Land. Im Schatten der Olivenbäume sitzen zwei Frauen und bereiten Pide zu, gefüllt mit Käse, Kartoffeln, Kräutern, Tomaten. Mit einem Stock rollt die eine Teig auf einem niedrigen Holztisch, die andere backt Fladen über einer Flamme, belegt sie und faltet sie wie Crêpes. Ein Festmahl.

Auf der Rückfahrt verfahren wir uns hoffnungslos, weil es von Side und Umgebung kein verlässliches Kartenwerk zu kaufen gibt. Wir irren motorisiert durch Manavgat und am Fluss entlang, fragen vergeblich nach dem Weg, weil keiner uns verstehen kann, gerade mal sieben Kilometer vom "Wir sprechen Deutsch"-Hotelland entfernt. Die Nichte fotografiert fröhlich Wohnblocks und Wäscheleinen, Angler und Automechaniker und wird später sagen, die Irrfahrt durch eine türkische Kleinstadt sei eines ihrer schönsten Ferienerlebnisse gewesen.

Das Auto hat auch seine Nachteile. Als wir den Weg gefunden haben, nach Side, zur Altstadt, will der Teenager keinen Meter mehr als nötig laufen, und der nächstgelegene Parkplatz ist unverschämt teuer. Sie würdigt auch die antiken Bauten keines Blickes, dafür ist sie beim knallharten Handeln um Trash mit Markenzeichen äußerst begabt. Für den nächsten Auftritt am Strand kaufen wir uns coole Sonnenbrillen.

Kontraste zwischen Hochebene und Küste

Unser zweiter Ausflug führt uns noch weiter ins Hinterland, in die Höhen des Köprülü- Kanyon-Nationalparks bis nach Selge, tausend Meter über dem Meer. Das Frühstück liefert ein Markt auf dem Weg, wir kaufen Brot, Obst und Getränke. Das Bergland ist gewaltig, Oleander, Zypressen, zirpende Grillen, tief unter uns ein schäumender Fluss. Dort, wo eine Brücke aus der Römerzeit bis heute alle Wagen über das Wasser führt, kehren wir ein und lassen uns frisch gegrillte Forellen servieren. Am anderen Ufer posiert ein junges Hochzeitspaar in vollem Ornat. Unser Wirt verkauft uns zum Sonderpreis ein Spezialangebot: Viel schöner als den Fluss wie die anderen Touristen im Rafting-Boot hinunterzusausen, sei es, gegen seinen Lauf anzukämpfen. An gespannten Seilen zieht die Muskelkraft unserer Bootsführer uns mit "bir"- (eins) und "iki"- (zwei) Rufen durch die Schlucht, zwischen den Steilwänden entlang. Wir trinken glasklares Quellwasser, all inclusive. Bevor wir uns verabschieden, fotografiert die Nichte die Stehtoilette des Lokals, so etwas hat sie noch nie gesehen.

Je höher wir den Berg hinauffahren nach Selge, umso tiefer dringen wir vor in die fremde Welt. An einem Aussichtspunkt tanzt ein betrunkenes Paar zu Musik aus dem Autoradio, sie bieten uns Schnaps und getrocknetes Johannisbrot an. Zwei alte Bäuerinnen schleppen Reisigbündel, größer als sie selbst, die Passstraße hinauf, wir laden die beiden und ihre Last ins Auto.

Selge besteht nur aus ein paar ärmlichen Häusern, die sich in die Landschaft ducken, unsere Ankunft bleibt nicht unbemerkt. Ein kleiner Junge verfolgt uns auf dem Fahrrad, wir kaufen ihm Glasperlenketten ab und ein Nazar-Amulett gegen den bösen Blick. Hinauf zum antiken Theater begleitet uns eine Gruppe aufgeregter Dorffrauen, sie zeigen uns den Weg zur schönsten Aussicht auf die untergehende Sonne, die die Berge des pamphylischen Taurus golden färbt. Die Gesichter sind ausgezehrt, die Haut ist ledrig. Einige sprechen gut Deutsch und erzählen von der Mühsal des Lebens auf der Hochebene. Die Sprache haben sie von den Besuchern gelernt. Unten in der Touristenwelt, wo das Abend-Buffet wieder ohne unser Beisein meterlange Tische füllen wird, waren sie noch nie.

Pommes, Eis und Sonnenbrand

Aber auch dort gibt es ein einfaches Mittel, der lokalen Bevölkerung nahezukommen. Man stellt sich an den Straßenrand und wartet auf einen Dolmus, ein Sammeltaxi. Jede Strecke kostet einen Euro pro Person, es fährt zur Schule, zur Arbeit, zum Strand. Östlich von Side gibt es einen, der den Namen verdient, eine weite Sandfläche mit Platz genug für alle, auch ohne passendes Armband. Für demokratische drei Euro mieten wir uns Liegen plus Schirm, für einen letzten Tag faules Sommerurlaubsgefühl, inklusive Pommes, Eis und Sonnenbrand. Wir bleiben, bis der Vollmond aufgeht, klettern die Treppen hinauf zur menschendurchströmten Altstadt, suchen uns ein einfaches Lokal und freuen uns über frisch gebackenes Brot und Kebab.

Unser letzter Spaziergang steht unter besonderen Sternen. Auf dem Weg zum Apollo-Tempel am Hafen von Side fällt der Strom aus in der ganzen Stadt. Kein grelles Licht mehr fällt auf billige Ware, keine plärrende Musik, die Säulen des Tempels sehen wir, so wie sie kaum einer sieht: im Mondlicht. Unser Geld sollte noch reichen für ein Taxi zum Hotel, doch wir verpassen den Stand. Also gehen wir weiter am Meer entlang und tauschen wichtige Gedanken über die Kunst des Urlaubmachens aus. Im Speicher meines Telefons bewahre ich bis heute eine SMS auf, die die Nichte aus der Türkei an ihre Oma schrieb: "Wir sitzen vor dem blauesten Meer, das ich jemals gesehen habe."

Von Martina Wimmer

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