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Burgenland: Im Reich des Winzerkönigs

Mehr Sonnentage gibt es nirgends in Österreich als rings um den Neusiedler See. Die Früchte von Baum, Strauch und Stock gedeihen prächtig. Erst im späten Herbst werden die Trauben für die Beerenauslesen geerntet - goldgelbe Gaumenschmeichler zum Nachtisch.

Von Ludwig Moos

Die Wiener haben es gut. Ihre Stadt ist vom Wein umgeben, und einige der edelsten Tropfen gedeihen knapp eine Autostunde südöstlich, im Burgenland. Österreichs kleinstes Bundesland, wie die Hauptstadt lange im Schatten des Eisernen Vorhangs, hat mit ihrem wichtigsten Gut in den letzten 20 Jahren mächtig aufgeholt und weltweit Anerkennung gefunden. Geholfen haben dabei sicher die Schleckschmecker und Weinwisser aus der nahen Metropole, die als erste die Qualitätsoffensive der Burgenländer honoriert haben.

Nach dem Supergau in den 80er Jahren, als Zwischenhändler ihre burgenländischen Weingebinde mit Frostschutzmitteln getrimmt hatten, haben die Winzer Transparenz geschaffen. Konsequent und mit Leidenschaft gewinnen gut hundert von ihnen, meist im Familienbetrieb, gepflegte Basisweine und Spitzenprodukte aus ihren Weingärten. Die besondere Lage am Rand der ungarischen Tiefebene, mit dem Neusiedler See als Wärmespeicher und Feuchtespender, schafft dafür beste Bedingungen.

Zum Weltkulturerbe genobelt

Hans Feiler ist ein bescheidener Mann. Der Senior des weltberühmten Weingutes Feiler-Artinger in Rust mag es nicht besonders, wenn die Kameras auf ihn gerichtet sind. In der Fernsehserie "Der Winzerkönig" aber hat er gerne eine Statistenrolle übernommen. Denn es war seine Idee, der Welt auf diese Weise die Vorzüge seiner Heimat zu zeigen, und über einen Freund des Hauses kam er damit an die richtige Adresse. Sein Gutshof mitten im Ort, ein staatliches Anwesen mit bunter Barockfassade, ist einer der Drehorte. Über 600 Jahre hat Hans Feiler die Baugeschichte zurück verfolgt und beim Renovieren immer gehofft, verborgene Weinschätze zu finden. Einige seiner besten Flaschen hat er für kommende Generationen eingemauert.

Die Ruster vermarkten ihr reiches Erbe schon lange geschickt. Die Saga vom Winzerkönig, deren dritte Staffel ÖRF und ARD vorbereiten, bietet da nur eine weitere Möglichkeit. Österreichs kleinste Stadt hat die höchste Dichte an Lokalen pro Einwohner und jede Menge malerischer Winkel, einschließlich der Störche auf den Dächern. Hinter einem kilometerbreiten Schilfgürtel idyllisch am See gelegen, von sanft ansteigenden Weingärten gerahmt, hat sie mit ihrem historischen Kern viel dazu beigetragen, dass die Region um den Neusiedler See zum Weltkulturerbe genobelt wurde. Im imposanten Seehof schult die Weinakademie Österreich Fachleute und Weinfreunde gleichermaßen, denn nur die Kennerschaft bringt Nachfrage nach höherpreisigen Produkten.

Flüssiges Gold

Für viele Winzer am See bestimmt der Dreiklang von Weiß, Rot und Süß die Arbeit. In allen Disziplinen sind die Feilers Meister, doch am nachhaltigsten haben sie ihr internationales Ansehen mit ihren Süßweinen gefestigt. Mit Spätlesen, Auslesen oder Beerenauslesen, bei denen vollreife Trauben mit unterschiedlichen Anteilen edelfauler Beeren gemischt werden, oder mit dem "Ruster Ausbruch", der sich voll der Edelfäule verdankt.

Das besondere Mikroklima sichert den Gemeinden rings um den See ihren Ruf als eine der besten Regionen für edelsüße Weine weltweit. Der wundersame Pilz Botrytis, der die Trauben des Welschrieslings, Chardonnays oder Weißburgunders rosinenartig schrumpeln lässt, gedeiht prächtig, wenn sich im Spätherbst die feuchtwarmen Dunstschleier auf die Weinstöcke legen. Es braucht viel Fingerspitzengefühl, um die Beeren zum richtigen Zeitpunkt einzeln zu verlesen. Aber wenn dann die Balance von Süße, Säure und Frucht stimmt, möchte man nur noch die goldgelben Schmeichler zum Nachtisch kosten.

Die Ruster hat ihr flüssiges Gold, dessen Genuss einst den Kaisern, Königen und Fürsten vorbehalten war, früh reich gemacht. Schon Ende des 15. Jahrhunderts bauten sich die Bürger prachtvolle Häuser. Und 100 Jahre später erwarben sie von Kaiser Leopold die für den Handel höchst einträglichen Rechte einer Freistadt, mit viel Geld und zehn Jahrgängen Ruster Ausbruch.

Zurück auf Rot

Keiner der anspruchsvollen Winzer verzichtet auf die Pflege charakterstarker Weißweine. Beim hoch prämierten Weingut Velich in Apleton, mitten im Nationalpark am Ostufer des Neusiedler Sees, bestimmen sie sogar ausschließlich das Angebot. Doch der Trend geht eindeutig in Richtung des Roten, wie schon einmal zu Anfang des letzten Jahrhunderts.

Den neuen Rotweinboom löst Mitte der Achtziger Anton Kollwentz in Großhöflein aus. Der Altmeister unter Österreichs Winzern setzt als erster auf Cabernet Sauvignon. Andere Pioniere sind zur gleichen Zeit mit heimischen Sorten erfolgreich, so der legendäre Ernst Triebaumer in Rust mit dem Blaufränkisch und Josef Umathum in Frauenkirchen mit dem Zweigelt. Mit manchen Fremdlingen haben die Weinbauern danach experimentiert, inzwischen gewinnen die autochthonen Reben weiter an Boden, allen voran der St. Laurent.

Einige Spitzenwinzer wie Albert Gesellmann in Deutschkreutz oder die Aufsteiger Birgit Braunstein in Purbach und Claus Preisinger in Gols haben sich auch in den kapriziösen Pinot Noir vernarrt, der schon lange vor Ort ist, viel fordert und viel gibt. Doch die meisten Toprotweine verdanken sich der Kunst des Verschnitts. Mit den Cuvées aus den heimischen Leitsorten, mitunter mit Beigaben von Exoten wie Merlot oder Syrah, finden die Winzer auch in schlechteren Jahren zu ihrem Stil.

Das Mittelburgenland um Horitschon und Deutschkreutz hat den Blaufränkisch zur Marke gemacht. Kontrollierte Qualitätsweine aus der gebietstypischen Traube weisen sich mit dem DAC-Siegel aus. Einen eigenen Weg der Zusammenarbeit geht die Gruppe Pannobile, die aus einem Stammtisch um die begnadeten Weinbauern Hans Nittnaus und Gernot Heinrich in Gols entstanden ist. Jedes der neun Mitglieder bewirtschaftet Weingärten auf einem vergleichbaren Terroir an den Hängen der Parndorfer Platte nordöstlich des Neusiedler Sees, alle verwenden die gleichen Sorten. Doch in jedem der neun roten und einigen weißen Pannobiles pro Jahr bleibt die eigene Handschrift erhalten. Kaum anders machen es die 14 Winzer des Labels Leithaberg. Auch ihre Hanglagen westlich des Sees, am letzten Ausläufer der Alpen, haben einen starken regionalen Charakter.

Wein und Design

Bis den Verkoster die Tiefe der Farbe im Glas, das Spiel der Aromen in der Nase und die Fülle der Geschmacksnoten am Gaumen entzücken kann, braucht der Wein viel Pflege. Gerade die jüngeren Winzer, die ihr Wissen in aller Welt komplettiert haben, setzen auf natürliche Methoden. Jede Menge Handarbeit, Verzicht auf Chemie und zuviel Mechanik. Immer mehr Betriebe wechseln zum biologischen Anbau. Sie sehen darin den sichersten Weg, die Kraft ihrer Weinstöcke und die Wirksamkeit der Lage zu stärken.

Unterstützt von der Europäischen Union haben die ambitionierten Winzer in den letzten Jahren mutig in ihre Produktionsstätten investiert. In kantig-klare Neubauten oder in Ausbauten der traditionellen Weingüter. Neben alten Hofhäusern wachsen lichterfüllte Gebäude empor, auf Stahl und Glas geht es hinab in die Gewölbe der Vorväter. Überall blitzt modernste Technik. Hohe Aufmerksamkeit genießt die Präsentation der Weine: ihre Verpackung und das Ambiente für die Verkostung.

Paradeiser, Wollschwein und Steppenrind

Am Neusiedler See endet die Puszta. Genauer: Sie beginnt gerade wieder. Erst die Einrichtung des Nationalparks hat die Kultursteppe vor der Intensivierung der Landwirtschaft gerettet. Inzwischen weidet im Seewinkel am Südostufer wieder das graue Steppenrind. Mit seinen schilfigen Feuchtgebieten ist der Park ein Paradies für Vogelkucker, im See und auf den Weideflächen wächst manches, was die pannonische Küche bereichert. Auch Mangaliza, das ungarische Wollschwein, gehört wieder dazu. Einst ernährte das freilaufende Specktier Österreich-Ungarn, dann fiel es fast dem Trend zum Schlankschwein zum Opfer.

In Österreichs wärmstem Winkel besinnen sich manche Landwirte wie die besten Weinbauern auf mehr Nähe zur Natur. So gewinnt Erich Stekovics, der bei Frauenkirchen neben Chili, Paprika und Zucchini mehr als dreitausend Tomatensorten unter freiem Himmel kultiviert, dem Paradeiser seinen Geschmack zurück. Josef Lentsch vom Gasthof zur Dankbarkeit in Podersdorf lässt Scharen von Gänsen alter Rassen frei aufwachsen. Kulinarisch ist die Weinregion Burgenland also bestens unterfüttert. Ein gutes Dutzend Spitzenköche kann seine anspruchsvolle Klientel auch mit heimischen Produkten verwöhnen. Selbst das Zwölf-Gänge-Menü mit Innereien, das der junge Haubenkoch Max Stiegl im Gut Purbach mitunter auftischt, ist ein Genuss ohne Reue.

Das Burgenland im Internet:
Informationen für Besucher: www.burgenland.info
Wege zum guten Wein: www.weinburgenland.at
Übernachten mit Stil: www.pannonischwohnen.info

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