HOME

Frankreich: Helft dem Adel: Schlaft in seinen Schlössern!

Mehr als 1000 alte Gemäuer dienen in Frankreich heute als Hotels. Hier kann man fürstlich übernachten und sich aufs Komfortabelste um Jahrhunderte zurückwerfen lassen.

Von Tilman Müller

Unter dem Grün mächtiger Linden leuchten weithin sichtbar unendlich viele Blumen, weiße und purpurrote. "Die Alpenveilchen", sagt Comtesse Estrella de Cordon und öffnet das Fenster ihres Salons, "hat einst meine Großtante gesetzt, deren Büste hier unten in unserem Park steht." Die hieß Anne de Montesquiou, ihrer Familie gehörte das 1685 erbaute Château de Bourron im Wald von Fontainebleau seit Ende des 19. Jahrhunderts, und weil Madame de Montesquiou keine Kinder hatte, gab sie die 42 Hektar große Adelsimmobilie an Estrellas Mutter weiter. Und die wiederum schenkte sie vor sieben Jahren kurz entschlossen ihrer Tochter - zu Weihnachten.

Die Comtesse, vor 33 Jahren als Estrella de La Bédoyère geboren, erzählt all dies in Jeans und T-Shirt putzmunter am Frühstückstisch; zuvor hat sie schon Carl und Amicie, ihre beiden Kinder, in die Schule gebracht, Croissants geholt und eine Kostbarkeit aufgetragen, mit der wohl keine andere Herberge im Land aufwarten kann - eine Orangenmarmelade, die Guy de Cordon, ihr Gatte, nach altem Familienrezept mit Vanille, Zimt und reichlich Whisky selbst geköchelt hat.

Das junge Grafenpaar ackert ganz schön hart. "Ihr bekommt das Château nur, wenn ihr sofort zu arbeiten beginnt", hatten Estrellas Eltern vor der Schlüsselübergabe gemahnt. Also ließen der Comte und die Comtesse die Wälder aufforsten, illuminierten zauberhaft die Wassergräben und sorgten auch sonst dafür, dass jede noch so edle Bürgerresidenz gegen ihr Anwesen wie eine erbärmliche Hütte wirkt. Doch irgendwo musste auch Geld herkommen. Also entschlossen sich der Comte und die Comtesse, im Château einige Gästezimmer einzurichten. Die "chambres d'hôte" zu bewirtschaften fiel den Cordons nicht schwer: Schließlich hatten sie als gelernte Eventmanager schon Prinzenhochzeiten organisiert.

50 bis 500 Euro pro Nacht

"Alle Räume sind unseren Ahnen gewidmet", sagt Guy im Gäste-Lift zu einer frisch hergerichteten Suite, die nach seinen Großeltern benannt ist: Félix und Colette Montgolfier, Nachfahren der berühmten Montgolfier-Brüder, die den Heißluftballon erfanden. Aus dem vollkommen ruhigen Zimmer mit der warmen, rot-goldenen Stofftapete und dem Eichenparkett hat man einen schönen Blick auf einen Schwan, der unten im Wassergraben seelenruhig seine Bahnen zieht. Der Kamin stammt aus der Zeit Ludwigs XV., und natürlich gibt es hier keinen Fernseher, wohl aber WLAN für den Laptop. Und vom Pariser Gare de Lyon ist dieser perfekte Ort zum Ausspannen mit dem Zug in gerade mal 50 Minuten zu erreichen!

Ein Geheimtipp, der sich in einem neuen deutschen Château-Führer findet, der quer durch Frankreich 444 Schlösser, Burgen, Herrenhäuser, Abteien, Klöster und Gutshöfe beschreibt, in denen man besonders romantisch übernachten kann. Das Buch ist ein prima Begleiter für jeden Frankreichausflug. Der Autor Jens Brandenburg, ein Unternehmensberater aus Düsseldorf, hat viele der alten Gemäuer selbst besucht, war fasziniert von ihrem Charme, ihren außergewöhnlichen Übernachtungsmöglichkeiten und ihrer oft illustren Geschichte. Überall in der dem angenehmen Leben zugewandten Republik hat sich in den vergangenen Jahren so mancher Schlossherr entschlossen, seine Kasse durch die Vermietung von Gästezimmern aufzubessern. Die Preise, die sie verlangen, liegen zwischen 50 und 500 Euro pro Nacht für das Doppelzimmer.

Exquisite Absteigen gibt es zuhauf. Vom reetgedeckten Fachwerk-Palast mit ausgedehntem Wellnessbereich in der Normandie bis zum Palmen-Schlösschen im maurischen Stil auf Korsika, überall sind die Pforten offen fürs zahlende Publikum. Die Interieurs bieten Ledertapeten, Renaissance- Fresken oder Barock-Diwane. Der Marquis de Sade, Romy Schneider, Napoleon, sie alle tummelten sich dereinst in diesen Boudoirs, in denen sich heute jedermann für ein paar Stunden glamourös fühlen darf. Und stets ist ein Weinkeller im Haus, in dem Raritäten lagern.

Château d'Artigny

"Die hier kostet 1900 Euro", sagt Thierry Pageault, Manager im Château d'Artigny, und zieht aus einem ewig langen Weinregal mit 20.000 Flaschen eine "Richbourg" aus dem Jahr 1937, die allerdings bereits verkauft ist - an einen Russen, der kürzlich mit einer Freundin zwei Richbourgs dieses Jahrgangs leerte und sich die dritte schon mal für den nächsten Besuch reservieren ließ. Das Lustschloss, von dem schwerreichen Parfümeur François Coty im Neorenaissance- Stil um 1920 erbaut, ist südlich der Loire wunderschön am Indre-Fluss gelegen und seltsam exzentrisch ausgestattet. In den Küchen weißer Marmor, im Souterrain ein Kühlraum für die Damenpelze, in den beiden Obergeschossen 140 Kleidervitrinen aus Zitronenholz. Und direkt neben dem Château noch ein Palast, der genauso aussieht wie die Königskapelle im Schloss von Versailles.

In dieser Kapelle ließ sich der leicht größenwahnsinnige Coty eine Krypta einrichten, in der er einmal bestattet werden wollte (er starb 1934 in einem anderen seiner vielen Schlösser). Erhalten blieb der gut 100 Meter lange unterirdische Tunnel, der die Kapelle mit dem Haupthaus verbindet. "Coty wollte unbemerkt von Gästen von einem Gebäude ins andere wandeln", sagt Thierry Pageault beim Gang durch die Katakomben, in denen nun Fitnessräume und Saunen untergebracht sind.

Für die Superreichen der heutigen Zeit ist das Château d'Artigny ein idealer Ort, um im großen Stil zu feiern. "Erst kürzlich", verrät Pageault, "hat ein sehr bekannter deutscher Unternehmer das ganze Schloss eine Woche lang gemietet." Immerhin über 65 Suiten und Appartements gibt es hier. Abends sitzen die Gäste in Cotys ehemaliger Bibliothek zwischen prachtvollen Vitrinen, in denen längst keine Bücher mehr stehen, sondern uralter und unglaublich teurer Armagnac. Schon ein winziges Gläschen kostet bis zu 125 Euro. Gratis ist dafür der Spaziergang am nächsten Morgen durch die umliegenden Wälder, vorbei an Esskastanien, unter denen Alpenveilchen sprießen, weiße und purpurrote.

print
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity