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Ibiza: Der größte Club der Welt

... heißt "Privilege" und liegt auf Ibiza. Rund 10.000 Menschen pilgern jeden Freitag zur legendären Manumission-Party, die ein paar englische Hippies zur wildesten Veranstaltung der Insel machten. Ein Streifzug durch eine lange Nacht.

Von Andrea Ritter

Im letzten Licht der Sonne ist der Himmel so bonbonrosa, wie er sein soll, nur vom Klo weht wieder dieser säuerliche Geruch rüber. Das liegt an Vivienne, Lulu, Kiki und all den anderen Mädchen mit Fantasienamen und hochtoupierten Haaren, die sich mit einer gigantischen Fressorgie auf die Nacht vorbereiten. In winzigen Bikinis sitzen sie auf der Terrasse der "Bar M" am Strand von Sant Antoni, stopfen viel zu große Hähnchen in die streichholzdünnen Körper, kippen einen Liter Wasser hinterher und verschwinden dezent auf die Toilette.

"Get wasted!", hat jemand an die Wand gekritzelt. Und genau deshalb sind sie hier. Sich verschwenden, einen Sommer lang. Tanzen, trinken, feiern, den Körper zeigen und ihn gleichzeitig auszehren, nachts leben und den Tag verschlafen - das geht in Europa nirgendwo so gut wie auf Ibiza. Immer noch.

Tänzerinnen und Teilzeitaussteiger

Die Mädchen sind Mitarbeiterinnen in dem Kreis aus Tänzerinnen, Hippies und Teilzeitaussteigern, die unter der Regie von vier Engländern jeden Freitag eine der legendärsten Partys der Welt auf die Beine stellen: Manumission. Los geht's in kleiner Runde in der Bar M - später wird im Privilege-Club bei Sant Rafel gefeiert, mitten im sandigen Inneren der Insel. Das Guinness Buch der Rekorde verzeichnet das Privilege als größten Club der Welt. Bis zu 10.000 Leute passen in die 25 Meter hohe Halle mit den Ausmaßen eines Flugzeughangars - und wenn Manumission ruft, ist der Laden voll.

Wie fast alles auf Ibiza begann auch Manumission mit einem Urlaub. Vor rund 15 Jahren kamen Dawn Hindle, die Brüder Mike und Andy McKay und Mikes Ehefrau Claire nach Ibiza. Studenten Anfang zwanzig waren sie damals, und nach ein paar Wochen auf der heimeligen Hippie-Insel war ihnen klar: Scheiß auf Uni, wir bleiben hier und machen unser ganz eigenes Ding.

Mike und Claire sind die Urerfinder von Manumission und auf der Insel inzwischen so berühmt wie die Party selbst. Dawn und Andy kamen ein wenig später dazu. Doch für alle war von Anfang an klar: Manumission ist mehr als eine Party. Ein Lebensgefühl. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bezeichnet die Sklavenbefreiung - im alten Rom wurde ein Sklave mit einem symbolischen Handschlag in die Welt entlassen.

Sklaven, die den Geist befreien

Die Sklaven von heute wollen ihren Geist befreien, das Hirn abschalten und sich in der Masse auflösen - dazu brauchen sie keinen Handschlag, sondern treibende Bässe und ein paar Substanzen (die offiziell natürlich draußen bleiben!).

Früher waren Manumission-Partys unter anderem so berühmt, weil es auf der Bühne und auch sonst überall Sex gab. Freizügig und greifbar, so wie sich die Kinder der 68er die wilde Zeit ihrer Eltern vorstellen. Ende der 1990er Jahre schwappten Massen-Raves und Mainstream-Techno über die Insel und verklappten ihre Anhänger in die zahlreichen Clubs. Ibiza drohte uncool zu werden - auch Manumission.

Rocker auf die Insel

Um das zu verhindern, wagten Dawn und Andy im vergangenen Jahr etwas für Ibiza ganz Unglaubliches: Sie holten Rockbands auf die Insel. "Jeder hat uns davon abgeraten", sagt Andy. "Gitarren und Ibiza, das passe einfach nicht zusammen. Und elektronische Dance-Music und Rock schon mal gar nicht." Inzwischen haben Bands wie die Editors bei den Manumission-Nächten gespielt, die Kaiser Chiefs, The Futureheads, Kasabian - also fast alles, was sich in England einen Namen gemacht hat. "Ibiza rocks", heißt das Erfolgsrezept, das im kommenden Jahr fortgesetzt wird.

Oasis-Bruder Noel Gallagher, der ein Haus auf der Insel hat, kommt mit seinem Schlagzeuger Zak Starkey auf ein Bier vorbei, und Skin, die ehemalige Frontfrau von Skunk Anansie, hört sich mal an, was die Jungs von den Klaxons so können. Manumission ist für Promis eine Ruhezone. Statt von hundert kreischenden Mädchen umringt zu werden, wird Noel hier höchstens mal freundlich die Schulter getätschelt. Schonzeit für den Rocker auf Urlaub.

Ihren Hippie-Geist haben die Party-Betreiber sich bewahrt, und vielleicht ist das ihr Geheimnis. Dawn und Andy (sie: eine dezente Blondine mit sanftem Lächeln; er: ein freundlicher Brit-Popper mit lustigem Schlumpfgesicht; beide zusammen: der Inbegriff des von Liebe beseelten Paares) reden viel von guten und schlechten "Vibes" und vom familiären "Spirit".

Tatsächlich ist das, was sie hier Woche für Woche tun, eine logistische Höchstleistung: 250 Leute arbeiten an einer Manumission-Nacht, vielleicht auch 300, das wissen sie nicht so genau. Tänzer, Seilkünstler, Techniker, Sound-Experten, DJs, Musiker, Bandbetreuer, Busfahrer, Security - Das alles läuft so vor sich hin, ohne Hektik, ohne Geschrei.

Messehalle, Gewächshaus und Wellnessterasse

Um drei Uhr morgens hat sich die Party warmgelaufen. Von innen sieht das Privilege aus wie eine Mischung aus Messehalle, Gewächshaus und palmenbewachsener Wellnessterrasse. Bei 50 Euro für den Eintritt und zehn fürs Bier muss schon was geboten werden, klar.

Drei verschiedene Tanzflächen hat der Laden, eine davon mit Konzertbühne - eine Mischung aus Disney World und Las Vegas, ein Themenpark der Jugendkultur. In der Mitte des größten Dancefloors glitzert ein Pool, darauf eine Insel: das DJ-Pult. Von hier aus werden die Massen bewegt, an diesem Abend von DJ Norman Cook alias Fatboy Slim. Mehr als 4000 Leute im selben Rhythmus. Jeder für sich. Alle zusammen. Es riecht nach Schweiß, Caipirinha, Sonnenmilch. Überall zucken Körperteile zu den vibrierenden Beats. Sogar auf den Toiletten. Die haben eigene DJs.

Die meisten im Publikum sind Engländer Mitte 20. Viele von ihnen kommen einfach nur wegen der Superlative - wildeste Party, größter Club - muss man gesehen haben, wenn man auf Ibiza war. Es gibt Eltern, die auf der Terrasse stundenlang Weißweinschorle trinken, während die halbwüchsige Tochter auf der Tanzfläche ein bisschen wildes Leben schnuppert, es gibt aufgestylte Silikonprinzessinen, brave BWL-Studentinnen und selbstverliebte Bodybuilder. Es gibt Leute, die angestarrt werden wollen, und andere, die ihnen diesen Wunsch gern erfüllen.

Urlaub vom üblichen Selbst

Was sie alle verbindet, ist: Sie machen Urlaub. Auch von ihrem üblichen Selbst, das sie für ein paar wilde Nächte zurücklassen. Wer schon häufiger hier war, weiß: Irgendwann kommt der Punkt, an dem alles möglich erscheint. Das ist das große Versprechen von Manumission. "Wenn du dann eine Frau ansprichst, kann es sein, dass sie dir eine knallt - oder dir direkt in die Hose greift. Jede Reaktion ist ungefiltert, ganz direkt", fasst Stammgast Alister das Gefühl zusammen.

Der Punkt kommt gegen halb sieben, nach dem großen Finale im Konfettiregen. Wer jetzt geht, hatte eine gute Party. Wer bleibt, erlebt den kollektiven Rausch. Exzess, Euphorie, Exhibitionismus - die drei großen "E"s, denen mancher bestimmt noch ein viertes hinzugefügt hat.

Die Coco Loco Bar, einer der kleineren Räume des Privilege, ist jetzt der Platz der Stunde. Billy Idols "White Wedding" dröhnt aus den Boxen. Auftritt für Polly, die sich auch die "Weiße Lady" nennt, am ganzen Körper rasiert, gepierct und tätowiert ist und nie ohne Lichtschutzfaktor 40 aus dem Haus geht. Ihre Haut ist bleich wie ein Laken. Auch sie gehört zur Manumission-Familie, wie die halbnackten Transsexuellen und die anorektischen Tänzerinnen.

Gemeinsam entern sie den Tresen, winden ihre Körper um Stangen aus Stahl. Eine von ihnen hat bis auf die Stiefel längst alle Kleider abgeworfen und gewährt mit kreisenden Bewegungen tiefe Einblicke. Undisziplinierte Hände werden allerdings sofort bestraft. Die Absätze ihrer Stiefel sind immer noch ein bisschen spitzer als die Männer unter ihr.

Die Blicke der Partygäste sind starr geworden, scannen höchstens noch Alter, Geschlecht und Größe ihres Gegenübers, während draußen schon wieder die rosa Sonne aufgeht. Morgens um halb zehn fliegen Luftschlangen und Ballons durch den Raum. Die größte Party der Insel endet wie ein Kindergeburtstag. Morgens um halb zehn denkt man auch, dass das jetzt einzigartig war. Doch am kommenden Freitag geht es wieder von vorn los. Bis zum Oktober. Dann ist auch auf Ibiza der Sommer vorbei.

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