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Abstieg in die Katakomben: Feiern zwischen Totenschädeln: Die illegale Partywelt der Pariser Unterwelt

Die Katakomben unter Paris sind das Reich der Toten, eine Touristenattraktion. Und ein geheimer Festplatz der Lebenden: In den Tunneln wird trotz Verbots gefeiert, getrunken, gesucht und sich verirrt. Ein Abstieg ins Dunkle.

In den Katakomben von Paris

Die Pariser Katakomben sind für Fans der Finsternis ein Ort zum Feiern und zum Abtauchen.

Paris, Du Stadt des Lichts, der Liebe und der Eleganz, du bist ein Aas. Erschlägst den Reisenden mit deiner Schönheit, dem Glanz der Boulevards und Galerien. Louvre, Notre-Dame und Eiffelturm? Kennt jeder. Doch unter Tage gibt es Sehenswürdigkeiten, die kein Tourist je zu Gesicht bekommt: Stollen, Säle und Brunnen, ein kleines Schloss sogar und viele, viele Knochen. Daneben, drunter und drüber ruhen die Gebeine von sechs Millionen Parisern. Die schweigende Mehrheit, dreimal so viele wie oben.

Die Toten stört es nicht, wenn mal Besuch von oben kommt. Und der Besuch will sich vergnügen: da unten gibt es Bars und Strände und sogar eine Bücherei. Man lebt nur einmal, und hier unten lebt man ganz besonders intensiv.

Abstieg in die Katakomben : So sieht es in der verbotenen Unterwelt von Paris aus

Das Tor zur Unterwelt

Ein Gullideckel bei der Porte d’Orléans, kurz vor zehn Uhr abends. Die Nacht beginnt gerade. Ein Blick nach rechts, einer nach links: keine Polizei in der Nähe. François reißt die Luke auf, wir klettern rasch hinab an einer Eisenleiter. Die Luft hier unten ist angenehm kühl. In 20, 30 Meter Tiefe gibt es keine Tages- und Jahreszeiten mehr. Die Temperatur liegt im Sommer wie im Winter bei 14 Grad, nur unsere Stirnlampen erleuchten die Finsternis.

Es ist dreckig in diesem Loch und wahnsinnig unromantisch: dicke Kabelbündel laufen an der Wand entlang, aus dem Beton ragen ein paar rostige Stahlträger hervor. Kein Tunnel weit und breit, nur ein winziger Durchbruch, den jemand links durch den Beton gehauen hat, da müssen wir durch wie die Katzen.

Tiefer und tiefer geht es, bis wir am Eingang eines Stollens stehen. Hier gibt es keine Tiere, nicht mal Ratten, aber das Wasser reicht uns bald bis an die Hüfte, während wir uns durch den Tunnel vorantasten. François holt eine Karte für das unterirdische Labyrinth aus seiner Fototasche. Vor über 200 Jahren hat der Bergbauinspektor Guillaumot einen Plan des Pariser Untergrunds angefertigt, der verlässlicher war als jeder oberirdische Stadtplan. Hier unten gibt es die gleichen Straßennamen wie oben, Guillaumots Leute haben sie in Stein gemeißelt für ihre Inspekteure und Grubenleute. Noch heute dient seine Karte den Abenteuer- und Vergnügungssüchtigen, den Hobby-Archäologen und Spurenforschern als Orientierung.

„Cataphiles“ nennen sich die Freunde der Unterwelt

Dunkelpariser mit Untertage- Blues. Ein- bis zweihundert soll es geben, die regelmäßig hinabsteigen und sich einrichten in dieser eigentlich unwirtlichen Welt. Eine eingeschworene Gemeinschaft mit eigenen Regeln und Gebräuchen. Sie entfliehen dem Glanz der Lichterstadt, die über ihren Köpfen tobt, um in der Finsternis die Freiheit zu finden und die alten Steinbrüche zu erforschen, die den Pariser Untergrund durchlöchern wie einen Termitenbau.

Sie nennen sich Amok, Tako, Dameus, Drakael oder Babounet. Einige von ihnen sind legendär, etwa La Taupe, der Maulwurf, der immer wieder neue Durchgänge und Verbindungstunnel gräbt. Oder der Künstler Psy, der hier unten Skulpturen schafft und oben in seinem Studio einen bunt bemalten Schädel als Souvenir ausgestellt hat.

30 Meter unter den Straßen von Paris liegt Toto mit seinen Freunden in einer Höhle und dreht sich einen Joint. Mein Gott, der Junge ist erst 15 und schon gelangweilt vom Leben auf der Erde – ein Goldfischchen, das sich in die Tiefsee verirrt hat. Sein Kumpel erhitzt auf einem Spiritusbrenner eine Dose Ravioli. Auf einer Steinplatte in der Mitte sind Bierdosen und Chips angerichtet. Von der niedrigen Höhlendecke hängt ein gusseiserner Leuchter mit Grablichtern. Wonniges Gefühl hier in den Eingeweiden der Stadt, warm und gemütlich wie im Mutterleib.

Und dann geht man über Knochen

Mit einer „riesenhaften Buschkoralle“ verglich Victor Hugo vor 150 Jahren den Untergrund der Metropole: „Ein Schwamm besitzt kaum mehr Öffnungen und Gänge als die sechs Meilen im Umkreis messende Erdscholle, auf der die uralte große Stadt ruht“. Die Stollen liegen 20 bis 30 Meter unter der Straße – tiefer noch als Kanalisation und Metro. Jahrhundertelang trieb man hier Bergbau. Schon die Römer schätzten den Kalkstein von Lutetia. Später lieferten die Steinbrüche das Material für Prachtbauten wie Notre-Dame und den Louvre, aber auch für viele Stadthäuser der rasant wachsenden Metropole.

Hinter einer Biegung stoßen wir auf einen Mann mit Karbidlampe, der sich über eine Wand beugt. David hat eine Malerei gefunden, die noch auf keiner Karte verzeichnet ist. Früher, erklärt der Hobby- Archäologe, sei er jeden Monat nach unten gestiegen. Heute komme er noch fünf bis sechsmal pro Jahr. Er zeigt uns im Licht seiner alten Grubenlampe einen Gang, in dem vor 150 Jahren Bergarbeiter Graffiti an die Wand gekritzelt haben: einen Mann mit Schnauzbart, Ochsenkarren, Arbeiterparolen. Dann verschwindet David so plötzlich, wie er aufgetaucht ist.

Von fern lärmt eine Gruppe singender Teenager heran. Kann man nicht mal hier unten seine Ruhe haben? Die Augen werden müde unter Tage, auch wenn der Körper rastlos weitermacht. Auf einmal knackt es unter den Füßen. Es sind Knochen: kleine und große, Bruchstücke von Schädeln und Zähnen, verstreut eingebacken in den Boden.

Millionen Tote im Labyrinth

Als im 18. Jahrhundert die Pariser Friedhöfe überquollen, boten sich die Stollen als idealer Ort für die Endlagerung der lästigen Knochen an. Damals wohnten die Lebendigen und die Toten so eng beieinander, dass viele Pariser behaupteten, ihr Wasser und Brot schmecke nach Leichen. Innerhalb weniger Monate wurden die Friedhöfe aufgelöst, die Gebeine der sechs Millionen Toten stopfte man einfach in das unterirdische Labyrinth.

Heute ist nur noch der zwei Kilometer lange Trakt der Katakomben offiziell zugänglich, der schon im 19. Jahrhundert als touristische Attraktion eingerichtet wurde. Damals galt es in Paris als schick, am Wochenende mit der ganzen Familie Ausflüge in die Unterwelt zu machen; es gab Katakomben-Konzerte und Lesungen inmitten der liebevoll dekorierten Knochenstapel. Heute sind die Katakomben eine der am häufigsten besuchten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Der genießerische Kitschpostkarten-Grusel gehört zum Paris-Besuch wie Sacré-Coeur und Café au Lait. Längst wird auch die Totenruhe gnadenlos vermarktet. Vergangenes Jahr vermietete die Stadt Paris die Katakomben zu Halloween an das Reiseunternehmen Airbnb, das dort ein Bett für Gruselfans aufstellte. Für echte Cataphiles ist diese Kommerzialisierung der wahre Horror.

Schicht im Schacht

Immer wieder kam es durch den porösen Untergrund zu Einstürzen mit Todesopfern. Als 1774 ausgerechnet in der Rue d’Enfer (Höllenstraße) eine ganze Häuserzeile in die Tiefe krachte, reagierte die Stadtverwaltung und gründete die Inspektion der Steinbrüche, die seitdem für die Sicherung der Stollen zuständig ist. Die Bergwerksingenieure befestigten und kartografierten die Tunnel, die sich vor allem auf dem linken Ufer der Seine im 14. Arrondissement befinden. Mitte des 19. Jahrhunderts war endgültig Schicht im Schacht, seitdem dienten die Bergwerke unter anderem als Kühllager für Bierfässer und zur Champignonzucht. Im Zweiten Weltkrieg bauten die deutschen Besatzer einen Teil als Bunker aus, ohne zu ahnen, dass sich unweit von ihnen auch die französische Résistance unter Tage einquartiert hatte. Noch 1961 stürzten sechs Straßenzüge in die Tiefe, 21 Menschen starben bei dem Unglück.

Seit Beginn des algerischen Bürgerkriegs in den 50er Jahren ist das Betreten der Pariser Unterwelt offiziell verboten. Damals befürchtete man, dass Terroristen die Hauptstadt unterwandern würden. Ironie der Geschichte: Heute fühlt man sich nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo und das Bataclan unter Tage fast beschützter als oben.

Polizei erkennt man an den Helmen

Früher konnte man leicht hinabsteigen in dieses dunkle Reich, das wie geschaffen für die Partys der hedonistischen 80er Jahre war. Als das Treiben überhandnahm, begann die Stadtverwaltung auf Geheiß des damaligen Bürgermeisters Jacques Chirac damit, Hunderte Gullideckel zu verschweißen und immer mehr Verbindungsgänge mit Beton aufzufüllen.

Es gibt eine eigene Sondereinheit der Pariser Polizei, die Jagd auf Eindringlinge macht. Die Flics erkennt man daran, dass sie Helme tragen – unter echten Cataphiles gilt Kopfschutz als verpönt.

Es muss gegen zwei Uhr morgens sein, als uns plötzlich in einem der Gänge dichter Nebel entgegenquillt. Die Rauchbomben gehören zum Arsenal erfahrener Cataphiles, um Neugierige und Anfänger in die Irre zu führen. Wir tasten uns Meter für Meter durch den Stollen und gelangen schließlich an den Grabstein eines Verirrten: Philibert Aspairt, Pförtner des Hospitals Val-de- Grâce, verlief sich vor über 200 Jahren hier unten und wurde erst nach elf Jahren gefunden. Man identifizierte das Skelett aufgrund des Schlüsselbunds, das seine Fingerknochen umklammert hielten. Er ist der Schutzpatron der Cataphiles.

Vier Uhr morgens, bald könnte man frühstücken

Wir streifen noch immer umher auf der Suche nach einer Bar, von der François schwärmt. Auf einmal riecht es nach Zigarren, und englische Verse dringen an unser Ohr. Um die Ecke ist ein Streit entbrannt um „Macbeth“, die Argumente fliegen hin und her, während auf einem Bunsenbrenner Kaffee blubbert. Dazu: Foie gras und Champagner. Die unterirdische „Bar“ mag nicht das erste Haus am Platz sein, aber das Publikum kann sich sehen lassen. Ein junger Mediziner und ein britischer Börsenmakler um die 60 überbieten sich mit Shakespeare-Zitaten. „Völlig überschätzt“, raunzt der eine. „Der Größte“, jubelt der andere.

In einem sind sie sich einig: ziemlich exklusiver Klub hier unten, den nur ein paar Hundert Pariser kennen. Und wo finden hier die legendären Orgien statt, von denen immer wieder berichtet wird?

„Orgien?“, ruft der Mediziner. „Geh nach Berlin, wenn du Orgien suchst.“ Natürlich gibt es hier unten jede Menge Drogen: LSD, Ketamin, Ecstasy. „Du ziehst dir das Zeug rein“, sagt François, „und es hat keine Bedeutung mehr, ob du dich verläufst.“ Aber in Wahrheit geht es um etwas anderes: die Dunkelheit, die absolute Stille. Den Rausch der Tiefe.

An einer Gabelung verschwindet François durch einen Gang, ich warte allein und schalte die Stirnlampe aus. Ich kauere in dem unterirdischen Loch wie in einer Faust, die mich sofort zerquetschen könnte, kein Ton, kein Schimmer weit und breit, und lausche dem einzigen Geräusch: dem langsamen Klopfen meines Herzens.

Um fünf Uhr morgens steigen wir aus der Unterwelt auf. Als der Gullideckel hochklappt, ist der Morgenhimmel noch dunkel. Wir klettern über einen Zaun in den Jardin du Luxembourg, ziehen unsere verschlammten Anglerhosen aus und frühstücken auf einer Parkbank.

Selten so lebendig gefühlt. Heute Nacht werden wir wieder nach unten gehen. Paris, du bist ein Aas.

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