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Mallorca: Autobahnkrach statt Frühlingsidyll

30 Kilometer sollte sie lang werden und die Städte Inca und Manacor verbinden: Der Autobahnwahnsinn auf Mallorca ist zwar gestoppt worden, doch das Idyll ist auf der Insel noch nicht zurückgekehrt.

Von Oliver Jacobi

Auf Mallorca kündigt sich, anders als in heimischen Gefilden, mit Temperaturen um 15 Grad und Sonnenschein bereits der Frühling an. Die Mandelbäume haben die Landschaft in ein Blütenmeer aus weißen und rosa Farbtupfern verwandelt. Es könnte alles so friedlich sein auf der Deutschen liebsten Insel. Wenn da nicht das leidige Dauerthema Autobahn wäre.

Nach monatelangen Protesten von Anwohnern und Umweltschützern ist jedoch Bewegung in den Streit um den Bau der Trasse gekommen: Die Autobahn wird nicht gebaut. Die umstrittene 30 Kilometer lange Strecke sollte die Städte Inca und Manacor im Innern des Eilands verbinden. Umweltschützer hatten das 130 Millionen Euro teure Projekt als einen "Anschlag auf das grüne Herz der Insel" bezeichnet. Spaniens größte Zeitung "El País" warf der Inselregierung vor, die Balearen "asphaltieren" zu wollen. 50.000 Menschen hatten schon vor zweieinhalb Jahren gegen den Bau protestiert, die Zentralregierung in Madrid verweigerte zudem die Finanzierung.

Grund für die Planung der Autobahn war der steigende Verkehr zwischen der Hauptstadt Palma und dem Landesinneren. "Die hohen Grundstückspreise in Palma haben dazu geführt, dass immer mehr Bauprojekte auf dem Land verwirklicht werden", erklärt ein in Mallorca ansässiger Immobilienmakler. So sollen in Llucmajor, Campos, Porreres, Consell, Montüiri und Algaida in den kommenden Jahren rund 30 Prozent aller Neubauten entstehen. Pläne für gehobene Wohnviertel in Calviá, Manacor und Marratxí liegen in der Schublade.

Peter Maffay sorgt für Unmut

Als wäre die Lage nicht schon angespannt genug, gibt der bei Pollença lebende deutsche Musiker Peter Maffay auch noch seinen Senf dazu: "Die Autobahn ist ein Synonym für eine völlig entgleiste Vision einiger weniger auf Mallorca. Zu Lasten der Umwelt und zu Lasten der Gesamtbevölkerung. Es gibt ein paar Gewinner in diesem Prozess und viele Verlierer." Manche gaben Maffay recht, andere forderten Redeverbot für den Sänger. Auch diskriminierende und ausländerfeindliche Haltungen brachen wieder auf. Juliano Montalbán Valls in einem Interview mit der lokalen Presse: Die Baupolitik auf Mallorca sei ausschließlich Angelegenheit der Mallorquiner und Spanier. "Ausländer haben sich hier herauszuhalten. Auch die hier lebenden Deutschen", sagte Valls. Maffays Haltung sei gleichermaßen arrogant wie impertinent, so Montalbán weiter. Der Musiker habe aus eigenem Entschluss seinen Wohnsitz auf der Insel genommen. Ergo sei es logisch wieder zu gehen, wenn es ihm nicht mehr gefalle. "Herrn Maffay steht sicherlich seine alte Heimat offen. Rumänien soll ja noch recht rustikal sein", erboste sich Valls weiter.

Das macht deutlich: Es geht nicht nur um Straßenbau, es geht um Emotionen und um offensichtliche Probleme im Zusammenleben von Kulturen. Meinungsfreiheit, Mitwirkung und Integration heißen die Schlagwörter. Haben die Deutschen auf Mallorca das Recht, die Pflicht, sich in Angelegenheiten der Insel einzumischen? "Die Deutschen sollen sich einmischen", stellt dazu Josep Moll Marquès, Ehrenpräsident des Deutsch-Mallorquinischen Vereins und früherer Balearen-Politiker unzweifelhaft fest. "Wir sind in Europa. Wer sich hier niederlässt, ist Bürger und hat das Recht, mitzureden."

Umweltschützer bleiben sachlich

Den Umweltschützern auf der Insel geht es unberührt von derartigen Streitereien in erster Linie um die Sache. Die Vorteile eines weiteren Ausbaus von Straßen und Autobahnen müssen den Nachteilen möglichst objektiv und ohne Emotionen gegenübergestellt werden, fordern sie. Die Bewahrung der Insel-Idylle solle dabei im Vordergrund stehen. Ob eine Autobahn die Insel für Touristen attraktiver macht, ist ebenfalls umstritten. Die einen behaupten, es sei wichtig, dass Besucher schnell von A nach B kommen können. Die anderen, es sei doch herrlich, dass gewisse Plätze auf der Insel regelrecht mit Ausdauer, Zeit und Schweiß erkämpft werden müssten. Wer zum Beispiel das Castel d'Alaró erklimmen möchte, kann zwar auf der bereits fertiggestellten Autobahn von Palma ruckzuck in Alaró Stadt sein, von da an aber geht es weiter wie vor 100 Jahren. Die meisten nehmen den zirka zwei Stunden langen Fußmarsch auf sich, denn Autofahren wird auf der kleinen Gebirgsstraße zum Nervenkrieg. Die Straße wird zum Ende hin so schmal, dass entgegenkommende Fahrzeuge nicht ausweichen können, sondern auf den steilen Serpentinen im Rückwärtsgang jonglieren müssen. Leitplanken oder ähnlich Beruhigendes fehlen. Zur Belohnung erwartet Gipfelstürmer ein unglaubliches Panorama - ganz ohne Autobahn.

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