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Niederrhein: Kunst kennt keine Grenze

Schlösser, Parklandschaften und zeitgenössische Kunst: Am Niederrhein laden deutsche und niederländische Museen zur Tour de Kultur.

Von Bernhard Lill

Selbst die Gärtner von Versailles sind hierhergekommen, um zu schauen, wie man so eine Parkanlage hinkriegt", sagt Roland Mönig und zeigt auf den nahen Barockgarten. Mönig ist Kurator am Museum Kurhaus Kleve. Begeistert erzählt er von der Kulturgeschichte der niederrheinischen Stadt. Von der Sammlung seiner kleinen und feinen Kunsthalle. Und wie der Statthalter Johann Moritz von Nassau-Siegen hier seit 1653 den Garten anlegen ließ - der Kleve damals zu einer der bedeutendsten Parkstädte Europas machte.

Kunst und Natur, das ist das Motto, unter dem sich zehn kleinere Museen zwischen Düsseldorf und Arnheim zum Verbund "Crossart" zusammengeschlossen haben. Ihr Spezialgebiet: die klassische Moderne und zeitgenössische Kunst. Und alle liegen auf kulturhistorisch bedeutsamem Boden, in grandioser Landschaft oder in Parkanlagen. Wie das Museum in Kleve. Wir haben uns für einen Wochenendtrip den nördlichen Teil der Crossart- Route vorgenommen - zwischen Xanten und dem niederländischen Apeldoorn.

Da lässt sich's philosophieren

Den besten Blick über den Klever Garten mit seinem Kanal und den von Linden umsäumten Inseln hat man vom kleinen Amphitheater aus. Schade nur, dass heutzutage ausgerechnet eine Straße den Park durchschneidet. Doch wenn man die Autos ausblendet, kann man verstehen, warum der Philosoph Voltaire während seiner Kur im Jahr 1750 hier so gern Mineralwasser getrunken hat. "Man kann die kleinen Eisenatome an keinem schöneren Ort herunterschlürfen", schwärmte er.

Reisen Sie am Niederrhein durch die Museen, indem Sie mit der Maus auf die Ortsnamen kilcken.
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Das Museum, das im ehemaligen Kurhaus untergekommen ist, zeigt neben wechselnden Ausstellungen Werke des deutschen Bildhauers und Grafikers Ewald Mataré. Er hat Türflügel für den Kölner Dom geschaffen und für die Friedenskathedrale in Hiroshima. Auch Holzschnitte, Kreidezeichnungen und eine Reihe abstrakter, sehr schöner Tierplastiken aus poliertem Holz und Bronze, die im Museum ausgestellt sind.

Alter Bau, neue Kunst

Wir folgen der Crossart-Route zehn Kilometer nach Südosten, zum neugotischen Schloss Moyland. Das beherbergt die Kunstsammlung der Brüder van der Grinten, zu der auch etwa 5000 Arbeiten des berühmten Mataré-Schülers Joseph Beuys gehören. Die Brüder waren mit Beuys befreundet, seit er 1957 einige Monate auf ihrem Hof lebte, um sich von einer psychischen Krise zu erholen. Zum Schloss gelangt man durch die Gartenanlage - mit Alleen, weiten Rasenpartien, uralten Eichen, Hainbuchenhecken und einem Skulpturengarten. Im Jahr 2006 ist sie von Landschaftsexperten zum schönsten Park Nordrhein-Westfalens gekürt worden. Besonders idyllisch ist es hier im Frühling und Sommer: wenn die Rosen blühen, in den Gräften die Wasserpflanzen grün schimmern und der Duft von den 16 Beeten des Kräutergartens in der Luft liegt. Im Herbst dann, wenn Nebel um das Schloss wabert, oder im Winter, wenn eine weiße Schneedecke den Park, die Bäume und die Zinnen bedeckt, ähnelt Moyland einem Märchenschloss.

Drinnen werden die Besucher fast überwältigt von der Fülle an Beuys-Werken: Plastische Bilder mit Alltagsgegenständen hängen Rahmen an Rahmen dicht gedrängt an den Wänden - bis unter die Decke. Dazu Öl- und Aquarellbilder, geritzte Schieferplatten, Arbeiten aus Ton, Eisenblech, Filz und Schokolade. Allein diese Vielfalt macht auch solche Besucher neugierig auf Beuys, die sich vorher nie mit dem Künstler beschäftigt haben. Mit seinen Werken wollte Beuys die Kreativität jedes Einzelnen freisetzen. Vor 40 Jahren sagte er den legendären Satz: "Jeder Mensch ist ein Künstler."

Die Nacht verbringen wir auf Burg Boetzelaer nahe Kalkar. Das kleine Hotel ist als Tipp in der sogenannten Travelbox aufgeführt, einem Informationspaket, das man kostenlos bei Crossart bestellen kann. Am nächsten Morgen: Im backsteinernen Gewölbesaal prasselt ein Feuer im Kamin, das Frühstück wird in drei Varianten angeboten - für Knappen, Ritter und Fürs- ten. Wobei die kleinste Variante mit Brot und Brötchen, Eiern, Salami, kaltem Braten, Schinken, Rohkost, Konfitüre und Honig, Frischkäse, Kaffee und Orangensaft schon umfangreich genug ausfällt.

Glas, Stahl und ein futuristisches Treppenhaus

Nur 40 Kilometer von Boetzelaer entfernt liegt im niederländischen Nijmegen das nächste Museum unserer Crossart-Route: Het Valkhof. Mit viel Glas und Stahl und einem futuristisch anmutenden Treppenhaus, das zu den weitläufigen Sälen führt. Schon am frühen Vormittag ist das Museum gut besucht: Eine Schulklasse erkundet die archäologische Abteilung mit Funden aus der Römerzeit - als Nijmegen die bedeutendste Stadt in dieser Gegend war. Zwei Jungen fachsimpeln über ein Gladius, das Schwert der römischen Legionäre, während die Mädchen sich für die Götterstatuetten aus Bronze und Ton interessieren und für den Goldschmuck. Es folgen Säle zur Stadtgeschichte, Werke mittelalterlicher und experimenteller Kunst, Arbeiten im Stil der Pop-Art sowie Ausstellungsstücke des japanischstämmigen Malers, Bildhauers und Fotografen Shinkichi Tajiri. Dessen Objekte "Maschinen" sehen aus wie monströses Kriegsgerät aus einem Science-Fiction-Film.

Nach einem Imbiss im Museumscafé, auf der Terrasse im Schatten der Kastanienbäume, fahren wir acht Kilometer aus der Stadt hinaus, in Richtung des Örtchens Ooij. Und sind mitten in einer richtig hübschen Deich- und Flusslandschaft. Fette, weiße Wolken ziehen träge über den strahlend blauen Himmel und über die reetgedeckten Häuser auf den Wiesen. Ganz so wie auf alten holländischen Ölgemälden. Im Gasthaus Oortjeshekken nahe Ooij kann man sich bei einem Heineken und belegten Broten entspannen oder bei Kaffee und selbst gemachtem Kuchen.

Eines der beeindruckendsten Museen des Crossart-Verbunds lässt sich bequem noch am selben Tag besuchen, das Kröller- Müller-Museum. Es liegt nördlich von Arnheim, mitten im wunderschönen Nationalpark De Hoge Veluwe. Am Parkeingang lassen wir das Auto stehen und leihen uns kostenlos zwei der 1700 weißen Fahrräder, um auf Radwegen bis zum Museum zu fahren - durch eine urwüchsige Landschaft aus Wäldern, Heide und Flugsandfeldern. Mit etwas Glück kann man dabei sogar Hirsche, Mufflons und Wildschweine beobachten. Das Museum selbst ist ein schlichter Bau des belgischen Stararchitekten Henry van de Felde aus dem Jahr 1938. Doch innen präsentiert die ehemalige Privatsammlung zahlreiche Künstler von Rang und Namen: darunter Picasso, Renoir, Manet, Monet, Mondrian, Seurat - und 272 Werke von Vincent van Gogh. Allein vor den "Zypressen mit zwei weiblichen Figuren" möchte man ewig stehen bleiben, die ausdrucksstarken Linien van Goghs bewundern und die Zeit vergessen. Und wenn man dann am Ende völlig beseelt nach Hause fährt, kommt der Gedanke: Wie toll, dass es noch einen südlichen Teil der Crossart-Route gibt - zwischen Duisburg, Venlo und Grevenbroich. Und weitere freie Wochenenden.

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