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Offline in die Alpen : Auf Entzug auf der Alm

In einem stillen Tal des Bregenzer Waldes verbringt ein 21-Jähriger eine Woche auf einer einsamen Berghütte – ohne Internet, Smartphone und Facebook. Kann das gut gehen? Ein Selbstversuch.

Von Nick Scheunemann

Die Almhütte im Bregenzer Wald

Nah der Baumgrenze: die Alm ohne Internetanschluss als Ort des Selbstversuchs

Ich erwache im ersten Licht des Morgens. In der Küche setzte ich die Espressokanne auf den rostigen Gasherd. Wenige Minuten später sitze ich mit meiner Tasse vor der Hütte in einem alten Lawinenfeld, das sich bis zum Waldrand hangabwärts zieht. Die Felsen sind mit einem Geflecht aus Moosen weich gepolstert und bieten mir eine natürliche Sitzunterlage. Vor mir liegt ein schmales Tal, auf der anderen Seite geschwungene Wiesen, schroffe Felsklippen und ein gerade noch sichtbares Kreuz auf einem kahlen Gipfel oberhalb der Baumgrenze.

Ich ziehe an meiner Zigarette und fühle mich irgendwie nackt. Denn heute ist der erste von acht Tagen ohne , ohne Laptop und Internetzugang. Das heißt auch: Kein Foto, kein Kommentar, kein Hashtag wird meinen Aufenthalt in den Bergen dokumentieren. Mich erreichen auch keine per Like-Button ausgedrückten Ovationen an die Aussicht oder an meinen verwegenen Versuch, eine Woche allein auf einer einfachen Almhütte in 950 Metern Höhe zu verbringen.

Momente, die nicht geteilt werden

Der Bregenzer Wald im äußersten Westen Österreichs ist bekannt für würzigen Käse, malerische Berglandschaften und für seine eigenwilligen Bewohner – so weit das Klischee. Mir bietet sich hier aber ein Versteck vor dem digitalen Universum und der Geltungssucht ihrer Nutzer. In einer Jahrhunderte alten Almhütte will ich dem unablässigen Strom aus Daten, Menschen und Ereignissen entfliehen.

Ich sitze mitten in der einzigartigen Landschaft. Nichts Menschengemachtes liegt in meinem Blickfeld, Greifvögel kreisen über dem Tal, der Hall ihrer Rufe mischt sich mit dem leisen Rauschen des Bachs. Ich trinke einen Schluck erkalteten Espresso und frage mich, warum mich dieser Anblick so überfordert.

Ein irritierendes Gefühl verfolgt mich: Ich belege ein schlichtes Butterbrot mit selbst gepflücktem Thymian und Bergkäse, der scharf am Gaumen brennt. Doch ich muss mich alleine darüber freuen, denn kein digitaler Schulterklopfer wird mich für meine schlichte Kreativität erreichen. Oder ich besteige einen 2000 Meter hohen Berg. Doch ich kann meinen Stolz über das Erreichte nicht teilen, meinen aktiven Lebensstil nicht belegen.

Innere der Almhütte: die Küche

Zurück zu Einfachheit auf der Alm: ohne Elektrizität, aber der Kochherd wird mit Gas aus der Flasche befeuert


Habe ich, weil ich zu jeder Tages- und Nachtzeit mit meinem Umfeld verbunden bin und mir für jede meiner Handlungen ein sofortiges Feedback holen kann, vergessen, dass es reicht, mich selbst als Abenteurer zu sehen? Empfinde ich besondere Momente nur noch als wertvoll, wenn sie in digitalen Bibliotheken dokumentiert und von meinen Freunden rezensiert werden?

Entschärfte Gefühle

Nach einiger Zeit erkenne ich, was meinem stetigen Mitteilungsbedürfnis zugrunde liegt. Weil die Selbstdarstellung im Internet so verlockend ist, habe ich mich daran gewöhnt, ihr täglich nachzugehen. Das ist aber nicht das eigentliche Problem: Ich habe dabei schleichend verlernt, alleine mit meinen Momenten umzugehen.

Denn im Zeitalter von wandert ein schönes Stück Natur, eine besonders gelungene Mahlzeit oder ein Missgeschick per Posting ins Internet und wird sofort von der Community mit erhobenen Daumen und Kommentaren von meinen Schultern genommen. Ich entziehe mich den intensiven Momenten, indem ich mich sofort hinter der Kameralinse meines Smartphones verstecke.

Wenn die digitale Mitteilung in Echtzeit nicht mehr möglich ist, scheint alles, was ich während der Wanderungen, Klettertouren oder hastigen Bäder in eisigen Brunnen fühle, immensen Druck in mir aufzubauen. Alles rückt näher, wird zu intensiv und zu groß – und ich habe weder Beistand noch irgendwelche Ausweichmöglichkeiten.

Berglandschaft des Bregenzer Waldes

Die Berge des Bregenzer Waldes ragen hier bis zu eine Höhe von 2000 Metern auf


Doch ich spüre gleichzeitig, wie der Anblick der mich umgebenen Natur und Gipfel in mir Gefühle auslöst. Sehnsucht, Freude und Abenteuerlust kommen auf. Nach einigen Tagen beginne ich, diese innere Aufregung zu genießen. Ich greife auch nicht mehr zum Handy, sondern bin einfach nur da.

Die unzähligen Möglichkeiten für ein gelungenes Selfie lasse ich mir selbstbewusst entgehen. Stattdessen schaue ich Kühen beim Wiederkäuen zu, der Sonne beim Sinken, dem Bach beim Fließen und gebe mich damit zufrieden. Ich besinne mich auf den in der Tat göttlichen Käse. Auf die unerwartete Begegnung mit einem Rudel Rotwild, das eines Morgens im Wald meinen Weg kreuzt, oder den stillen Mond über den Berggipfeln. Und bei meiner Abreise weiß ich, was ich gelernt habe: Ich kann wieder allein sein. 

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