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Paris: Zwischen Dior und Vuitton

Wer mit Madame Chalm Paris erkundet, erwartet eine Gegenleistung für die 400 Euro Tagesgage. Und die bekommt er. Andrée Chalm entführt Besucher auf individuelle Einkaufstouren durch die angesagten Boutiquen der Stadt.

Von Peter Linden

"Ich interessiere mich überhaupt nicht für Mode", sagt Madame Chalm gleich zur Begrüßung, aber das ist natürlich reine Koketterie. Und wie sich Andrée Chalm für Mode interessiert! Legt dem Gast sofort ein Bündel Texte über Pariser Designer und die Trends in dem einzelnen Quartiers auf den Tisch. Schiebt ihm dann einen Ordner aus ihrer schicken Ledertasche unter die Nase, in den akkurat ausgeschnittene Artikel aus sämtlichen Frauenzeitschriften eingeklebt sind. Und überhaupt, ihre Kleidung! Unter der goldenen Halskette trägt sie eine knopflose, weiße Bluse, die sie elegant an der linken Hüfte geschnürt hat. Die schwarz-glänzenden Stöckelschuhe unterstreichen die Wirkung ihres schwarzen Mini von Tinflo. Und ihr Gegenüber blickt die zierliche 50-Jährige Madame Chalm durch eine teure Sonnenbrille an, die sie sofort abnimmt, wenn der Weg sie auf die Schattenseiten von Paris führt. In diesen Momenten konkurrieren die frechen, blondierten Strähnen ihrer nackenlangen Haare noch heftiger mit den klassischen, sehr dunkelroten Lippen. Dazwischen: Grün-blaue Augen, ständig in Bewegung, von links nach rechts, von oben nach unten. Als würde Madame Andrée Chalm ihren Gast lesen.

In gewisser Weise tut sie das sogar. Wer mit Madame Chalm oder einer ihrer wenigen Kolleginnen Paris erkundet, erwartet eine Gegenleistung für die 400 Euro Tagesgage, die seine Gastgeberin erhebt. Die Gegenleistung besteht in sehr individuellen Einkaufstouren zu auserwählten Themen wie Kunst, Antiquitäten, Essen und Trinken. Oder eben Mode. Kreative Mode. Möglichst preiswerte Mode. Manche ihrer Gäste, erzählt Andrée Chalm, wüssten noch nicht einmal, was sie denn genau suchten. Also nimmt sie jeden Besucher bei der Hand, zerrt ihn von der Straße in ein Café, setzt die Sonnenbrille ab und die grün-blauen Augen in Bewegung. Nach wenigen Minuten und ein paar scheinbar belanglosen Sätzen zieht Madame Chalm eine Augenbraue hoch und signalisiert: Jetzt hab ich dich! Du bist mir ausgeliefert! Das ist der Moment, wo sie die Texte und die eingeklebten Artikel aus der schicken Ledertasche holt, genau jene Artikel und jene eingeklebten Texte natürlich, die zu ihrem Gast passen. "Lesen Sie das ganz zu Ende", befiehlt sie, und am Ende fragt sie streng wie eine Gymnasiallehrerin: "Fangen Sie an zu begreifen?"

"Das hat mit Frankreich nichts mehr zu tun"

Was Madame Chalms Gäste sofort begreifen: Nie hätten sie verlangen dürfen, den Tag für 400 Euro ausgerechnet auf der Avenue Montaigne zu verbringen. "Warum nur wollten Sie hier her", forscht Andrée Chalm mit gewissem Mitleid in der Stimme, und die Rechtfertigungen all jener, die sich einfach angezogen fühlten vom internationalen Ruf der Einkaufsallee im achten Arrondissement, sie fallen kläglich aus. Zwar gibt es ein Hochglanzmagazin, "Huit", das nichts anderes tut, als das Goldene Dreieck aus Avenue Montaigne, den Champs-Elysées und der Avenue Georges V zu preisen, den Chic, die Eleganz, all die Namen der Größten der Modebranche. Aber Andrée Chalm fällt gleich zu Beginn einer Entdeckungsreise ein vernichtendes Urteil: "Das hat mit Frankreich nichts mehr zu tun."

Die Avenue Montaigne an einem Frühlingsmorgen, neun Uhr, so träumt ein Tourist von Paris. Wenig Verkehr entlang wunderbarer Bürgerresidenzen aus dem 19. Jahrhundert. Ein Film feuchten Nebels, der von der nahen Seine heraufzieht und sich über die Bäume legt, die in zwei Doppelreihen die Straße säumen. Und dann der Moment, wo die Sonne als Erstes die weißen Markisen von Nina Ricci erfasst, die goldenen Lettern über dem Portal. Nach und nach holt die Sonne all die Geschäfte auf der linken Straßenseite aus dem Versteck, und langsam gehen die dicken Gitter hoch, auch auf der rechten Seite, die bis zum Nachmittag im Schatten liegt. Vor den Geschäften beziehen dunkel gekleidete Männer Position, Portiers, die sofort herbei springen werden, wenn eine Luxuslimousine anhalten sollte, und der Kundschaft die schweren Türen öffnen.

Wo Nebensächlichkeiten wie Preise nicht interessieren

Nun, da Madame Chalm schon einmal in der Avenue Montaigne ist, darf der Gast natürlich auch die heiligen Hallen von Christian Dior betreten. Direkt vor Hausnummer 30 beginnt jedoch zunächst eine Zeremonie, die Andrée Chalm "Dekodieren" nennt, jawohl, Madame schaut sich ein Schaufenster nicht nur an, sie "dekodiert". Bei Christian Dior ist zu dekodieren, dass in vier der 20 Quadratmeter großen Schaufenster jeweils ein Ledertäschchen, eine Stiefelette und ein Sommerkleidchen aus Seiden-Mousseline ausgestellt sind. Natürlich ohne Preise, die Kundschaft von Dior muss sich für Nebensächlichkeiten wie Preise nicht interessieren. Madame Chalm dekodiert ferner, dass sie Ähnliches auch bei Zara und Mango gesehen hat, und befiehlt: "Wir merken uns das jetzt und vergleichen später!"

Drinnen bei Christian Dior: Noch mehr dunkel gekleidete Männer, Aufpasser wie lebende Säulen, dazwischen dunkel gekleidete Damen, zurückhaltende Damen, die nur helfen, wenn Hilfe gebraucht wird. Als Andrée Chalm das Preisschild an einem jener Sommerkleidchen aus Seiden-Mousseline sucht, ist flugs eine elegante Hand zur Stelle und zieht mit langen Fingernägeln ein Etikett hervor, das keine Fragen offen lässt: 4558 Euro. Die Augenbraue! In solchen Momenten kommt stets die Augenbraue und forscht nach den gewünschten Lerneffekten. Wer jetzt erschrocken ist oder wenigstens Unverständnis artikuliert, erhält zur Belohnung ein Nicken von Madame Chalm. Neben Durchsichtigem mit vielen Blumen oder Schmetterlingen ist in dieser Saison indianisches Design gefragt. Die Gürtel werden wieder breiter und haben Fransen, ebenso der Lederrock "Veracruz", 1798 Euro. Die Augenbraue! Jene Touristen, die es nur auf einen Beweis ihres Besuchs bei Christian Dior abgesehen haben, greifen am Ausgang verzweifelt zu den T-Shirts mit der Aufschrift "J'adore Dior", die gibt es samt der begehrten Einkaufstasche für 139 Euro, ein Schnäppchen.

Die ganze Zeit über hat Andrée Chalm sich im Zaum gehalten, ja sogar einen netten Plausch mit einer Verkäuferin eingeleitet, so wie der gute Polizist im Kreuzverhör seine Fallen stellt. Sie wirkte wie eine treue Kundin, die sich vielleicht sogar einen der Pelzmäntel für zwölftausend Euro leisten könnte. Doch kaum hat der dunkel gekleidete Herr die gläserne Tür hinter ihr und ihrem Gast geschlossen, schießt es aus ihr heraus: So vieles bei Dior sei hässlich oder out, zudem können sich doch nur die Chalalas Kleidung aus diesen Boutiquen leisten, Mädchen mit unendlich reichen Eltern. Oder eben Frauen, die reiche Männer auf Geschäftsreisen begleiten. "Wir lachen uns schief über die Japanerinnen, die bei Louis Vuitton Schlange stehen", sagt Andrée Chalm. "Wir", sagt sie, ohne zu erläutern, wer alles zum erlesenen Wir gehört.

Louis Vuitton. Der Laden brummt, aber Andrée Chalm lacht nicht. Wie bei Dior verwandelt sie sich im Innern des Geschäfts in einen freundlichen Detektiv, holt einen jungen Verkäufer herbei, fragt ihn über jene geheimnisvollen Japaner vor der Tür aus, lässt sich die Faszination der Taschen mit den Blumenmustern beschreiben, ja, sie bezeichnet die Taschen sogar als "witzig". Der umschmeichelte Verkäufer bedauert, dass im Moment die Ware knapp sei, sogar für eine Französin, ein paar Tage noch. Was Louis Vuitton von Christian Dior unterscheidet, ist, dass auch mit Gegenständen gehandelt wird, die als Souvenirs taugen: Schreibgerät, leere Büchlein in Ledereinbänden. Natürlich sind auch die exorbitant teuer, aber eben bezahlbar, und der Kunde erhält eine Einkaufstasche auf der steht: Louis Vuitton. Wieder draußen, lacht Andrée Chalm doch für einen Moment: "Wissen Sie was," fragt sie, "bei uns zu Hause hat nur die Hausmeisterin eine Tasche von Vuitton". Die Augenbraue!

Ein Hort der Kreativität

Zwischen Dior und Vuitton zwölf Eingänge, darunter Chanel, Hausnummer 42, Loewe Madrid, Hausnummer 46, Krizia, Hausnummer 48, Barbara Bui, Hausnummer 50. Nur Barabara Bui kann bei der Dekodierung des schmalen Schaufensters bestehen, und tatsächlich: Andrée Chalm ist mit einem Male recht milde gestimmt, hebt Stiefeletten für 275 Euro in die Höhe, lächelt und nickt komplizenhaft. "Hier kauft man noch nicht den Namen, sondern Kreativität", lobt sie, und wieder wird eine Verkäuferin herbei gebeten, soll erklären, weshalb die T-Shirts eingeschweißt angeboten werden, wieso das Interieur nicht mehr weiß, sondern grau und braun gehalten sei. Ein paar Mal schnippt Andrée Chalm den Daumen hoch und presst Luft durch die zugekniffenen Lippen, das bedeutet höchsten Respekt. "Hier gibt es Sachen, die nur Sie tragen", lobt sie, "Dior hat doch inzwischen weltweit dreißig Boutiquen!"

Dann doch lieber auf die Sonnenseite der Champs-Elysées, die rechte Seite mit dem Arc de Triomphe im Blick, wo H&M, Zara, Charles Jourdan, Morgan ihre Laufkundschaft bedienen. Eine andere Welt, so plötzlich, um eine Ecke herum. Musik, laute Musik, Gedränge, volle Regale, Ware in Massen. Andrée Chalm dekodiert die Schaufenster. "Total Look" sei eine Todsünde, sagt sie, alles in einem Stil, fürchterlich! Die moderne Frau kleide sich zu einem Viertel männlich-elegant, zu einem Viertel nostalgisch, zu einem Viertel sportlich und was den Rest betrifft, nun ja, "da amüsiert man sich". Das Gegenteil von Total Look gibt es im Schaufenster von Nafnaf: Eines dieser Sommerkleidchen aus Seiden-Mousseline, darunter Jeans, darüber einer dieser breiten Ledergürtel im Indianer-Design mit Fransen. Die Augenbraue! Dann der Daumen. Kaum ist das Schaufenster dekodiert, schreitet Andrée Chalm durch die Filiale, in kühnem Zickzack wie ein Dressurpferd, kneift die Augen zu, durchleuchtet die Kleiderständer, scannt die Regale. Der Ledergürtel ist für 15 Euro zu haben. Sie hält ihn dem Gast vor die Nase und fragt: "Wieso ein Vermögen dafür ausgeben?" Bei infinitif entdeckt Madame Chalm die bekannten Blumenmuster wieder und sagt: "Voilà, da haben wir den Esprit von Dior!"

Chic dank H&M

Der Esprit. Darum geht es. Nur wenig davon sei wirklich auf der Avenue Montaigne zu finden. Und leider sei niemals zu sagen, wo sich der Esprit im Moment aufhält. Sobald H&M, Zara, Nafnaf und die anderen ihn bieten, hat dieser Esprit ja schon die Welt ergriffen, nur preiswerter eben, was Andrée Chalm ausdrücklich lobt. "Die Pariser Mädchen sind viel chicer geworden, seit es H&M gibt", sagt die Modeexpertin, deren Unternehmen "Journées à la Française" für viel Geld exklusive Spaziergänge anbietet. Aber dann sagt sie, dass jene, die wirklich etwas Außergewöhnliches suchen, eben doch ständig ihre Fühler ausstrecken müssten, in die Viertel rund um die Bastille, in das Marais, nach Saint-Germain, überall dorthin, wo junge Kreative ihre Ateliers in kleine Boutiquen verwandeln, so lange, bis sie vom Main Stream verschluckt werden. Dafür hat Andrée Chalm ihr dickes Buch mit den ausgeschnittenen Artikeln. Deshalb dekodiert sie Schaufenster und läuft mit Detektivblick durch die Geschäfte.

101 Champs-Elysées, die Schattenseite. Noch einmal Louis Vuitton, eine Filiale. Nachforschungen nach der Umhängetasche mit den witzigen Blumenmustern für 3500 Euro. Dubiose Japaner vor der Tür. Warteschlangen von Japanerinnen drinnen. Die Augenbraue! "Nur teuer", sagt Andrée Chalm. "Nur teuer, das bedeutet geschmacklos."

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