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#sternmallorca: Proteste in Palma: Wie sich die Mallorquiner gegen Airbnb wehren

Auf Mallorca ist eine Protestbewegung entstanden, die sich immer mehr professionalisiert. Nachbarschaftsvereine und neue Initiativen setzen auf Information statt auf Wut. Ihr großes Thema: der Wohnraum auf der Insel, der zunehmend von Touristen eingenommen wird.

Durch die Altstadt von Palma schieben sich die Menschenmassen – wie hier eine Gruppe von Kreuzfahrttouristen auf Landgang

Durch die Altstadt von Palma schieben sich die Menschenmassen – wie hier eine Gruppe von Kreuzfahrttouristen auf Landgang

Sie trägt eine eckige, schwarze Brille, auf ihrem linken Oberarm rankt ein schwarzes Blumen-Tattoo. Laura Dorado, 28, Englischlehrerin in Palma, steht in einer Gasse in der Altstadt vor einem Haus mit sandfarbener Fassade und schmiedeeisernen Balkonen. An einem davon hängt ein gelbes Plakat, darauf steht: "Ciutat per a qui l'habita" – "Die Stadt für die, die in ihr wohnen". Eine Bürgerinitiative, der Dorado angehört. An ihrem Slogan führt in diesem Sommer in Palma kaum ein Weg vorbei, überall die gelben Schilder – als Mahnmal gegen die "Touristifizierung", wie Dorado nun sagt.

Sie meint vor allem die Auswüchse der Vermietungen über Portale wie "Airbnb" oder "Homeaway". Für Mallorca eine relativ neue Form des Tourismus. Aber weil sämtliche Produkte der Reiseindustrie auf der Insel gedeihen wie in einem Gewächshaus, kann man ihnen dabei zusehen, welche Blüten sie treiben. 2016 wurden auf Airbnb 78.500 Plätze angeboten. Ein Jahr später waren es schon über 92.500. Für 2019 haben sie die Unterkünfte noch nicht ausgezählt, aber Laura Dorado geht davon aus, dass es nicht weniger geworden sind.

Die Bürgeraktivistin und Politikerin Laura Dorado setzt sich in Palma für die Rechte von Anwohnern ein

Die Bürgeraktivistin und Politikerin Laura Dorado setzt sich in Palma für die Rechte von Anwohnern ein

"Wo ein Handtuch aus dem Fenster hängt"

Schon jetzt vermeldet die Insel einen Trend für diese Saison, der das Problem illustriert: Obwohl die Anzahl der Touristen erneut gestiegen ist, bleiben viele Hotelzimmer leer. Auch in der Inselhauptstadt. Dorado schaut an dem Haus empor: "Wo ein Handtuch aus dem Fenster hängt, wohnt ein Tourist" sagt sie und zählt. Sie kommt auf sieben. Sieben Mietwohnungen, in denen jetzt Feriengäste leben, davon könne man ausgehen, sagt sie. "Einheimische machen so was nicht. Wir trocknen unsere Sachen im Bad."

Die größte Sorge für Laura und ihre Mitstreiter sind nicht die Pauschalurlauber, die einfach nur Ferien in der Sonne machen wollen. Sondern die distinguierten Lifestyle-Touristen und Laptop-Nomaden, die mit ihrem Anspruch auf authentisches Leben abseits der Massen sukzessive in sämtliche Lebensbereiche der Einheimischen vordringen. "Wer ein Instagram-taugliches Haus oder ein Appartement in der Stadt hat, kann es im Sommer für über 1000 Euro die Woche vermieten", sagt Laura Dorado. "Wie sollen wir bei unseren Gehältern damit konkurrieren?"

Neue Protestbewegung in Palma

Aus dem Unwohlsein gegenüber dieser Entwicklung ist eine Protestbewegung entstanden, die sich immer mehr professionalisiert. Neue Parteien wurden gegründet, Nachbarschaftsvereine und Initiativen, bunt zusammen gewürfelte Gruppen, die auf Information setzen statt auf Wut. An einem Abend im Juli ziehen sie wie eine katholische Prozession durch die Altstadt von Palma. Auf einer Sänfte tragen vier Männer eine selbstgebastelte Pappfigur: Es ist ihr Schutzheiliger, der sie vor Müll, Luftverschmutzung und Airbnb bewahren soll.

Die Blaskapelle spielt dazu "The Final Countdown" von Europe, was in den schmalen Gassen ordentlich Krach macht. Die Touristen vor den Restaurants sind zunächst amüsiert, dann genervt. Die Botschaft aber kommt an: Ihr macht hier Urlaub – aber wir sind auch noch da. "Wir wollen keine Fronten bilden", sagt Dorado. "Feriengäste gegen Einheimische – darum geht es nicht. Aber wir wollen auf die Zusammenhänge aufmerksam machen. Die sind vielen Touristen ja gar nicht bewusst."

Zwar gibt es inzwischen Verordnungen gegen die Zweckentfremdung von Wohnraum, aber die Kontrollen fallen eher schwach aus. Für Nordeuropäer, die ihr Geld in Immobilien anlegen wollen, sind die Preise auf der Insel noch immer vergleichsweise günstig – und für die Mallorquiner lohnt sich der Verkauf. Doch die normale Bevölkerung kann sich die nach oben geschraubten Mieten nicht mehr leisten.

Protestbewegung: Einheimische tragen eine selbst gebastelte Pappfigur durch Palma. Es soll ein Schutzheiliger gegen Müll, Luftverschmutzung – und Wohnungsnot sein

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Die Leute müssen weiter wegziehen, haben längere Arbeitswege, dadurch gibt es mehr Autos und mehr Staus: Es ist dieselbe Verkettung, die man auch aus Städten wie Barcelona kennt. Nur, dass man die Folgen auf einer Insel direkt vor Augen hat. "Als Antwort auf die Probleme werden mehr Häuser gebaut", sagt Dorado. "Jeder Neubau aber bedeutet: Weniger Ressourcen, weniger Fläche. Die Logik des ,immer mehr' frisst uns buchstäblich den Boden unter den Füßen weg."

"Ohne Tourismus kein Geld"

Ein weiterer Unterschied ist, dass man auf Mallorca schon länger darüber nachdenkt, wie man diesem Kreislauf entkommt. Das Bewusstsein für Themen wie Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Gentrifizierung ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Oder, wie Laura Dorado sagt: "Wir wissen, dass es nicht reicht, die Öko-Tomate in der Papiertüte nach Hause zu tragen."

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Es gehe ums Überleben, auch um das wirtschaftliche: "Ohne Tourismus kein Geld", sagt sie. "Aber ohne Natur und normales Leben auf den Straßen wird es auch keinen Tourismus mehr geben. Niemand will in einem Freizeitpark Urlaub machen."

Was auf der Insel nun alles getan wird, vor allem von lokalen Organisationen, die sich bemühen, Tourismus und Umwelt zum Wohle aller in Einklang zu bringen, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des stern – in unserer Titelgeschichte "Eine Insel denkt um". Ab diesen Donnerstag im Handel.

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