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#sternmallorca: Streifzug durch Palma: Besuch im Wohlfühl-Viertel Santa Catalina

Santa Catalina in Palma gilt als Szeneviertel, doch die Einheimischen trotzen der Gentrifizierung – gemeinsam mit den Zugezogenen erhalten sie den dörflichen Charme ihrer Nachbarschaft.


Zeit für Lunch: Vor dem Café "El Perrito" (zu Deutsch: das Hündchen) sind die Tische belegt

Zeit für Lunch: Vor dem Café "El Perrito" (zu Deutsch: das Hündchen) sind die Tische belegt

Vor dem "Mercat de Santa Catalina" stehen mallorquinische Männer in kurzen Hosen. Sie haben kräftige Waden und eckige Brillen wie Kojak; sie rauchen, und während sie das tun, greifen sie ab und zu durch den Eingang in die Markthalle, wo praktischerweise gleich rechts der Tresen der "Bar des Mercat" steht, auf dem schon ihr Bier wartet. Prost, auf die Mittagspause!

Es ist 14 Uhr in Santa Catalina, dem Stadtteil am westlichen Rand des Zentrums von Palma de Mallorca, der inzwischen gern als "Szeneviertel" beschrieben wird. Aber wenn man sich um diese Zeit hier bewegt, ist Santa Catalina vor allem ein Ort der Einheimischen. Im alten Markt wird rohes Fleisch oder Fisch auf Eis verkauft, und so riecht es auch, vor allem jetzt im Hochsommer. Zwischen den Ständen servieren sie Essen, kein Fashion Food, sondern Tapas oder "Frit mallorquí", gebratene Innereien, die den Anwohnern signalisieren: alles wie immer im Wohlfühl-Barrio!

Denn das ist es, was Santa Catalina ausmacht: Obwohl das Viertel inzwischen in jedem Reiseführer als Attraktion mit schicken Restaurants und coolen Bars gepriesen wird, haben die Einheimischen ihr Viertel nicht den Fremden überlassen. Viele Nordeuropäer seien in den vergangenen Jahren hergezogen, sagt Carmen Rojas, eine Schneiderin, deren Familie schon seit vier Generationen in Santa Catalina lebt. Sie freut sich über die neuen Nachbarn aus Schweden oder den Niederlanden.

Schneiderin Carmen Rojas arbeitet gleich um die Ecke vom Café "El Perrito"

Schneiderin Carmen Rojas arbeitet gleich um die Ecke vom Café "El Perrito"

"Wer hier leben möchte, ist immer willkommen", sagt sie. Wer einfach nur Geld verdienen möchte, eher nicht – auch das macht sie deutlich. Denn wenn man sie fragt, was das Besondere an ihrem Barrio sei, muss sie nicht lange überlegen: "Die Nachbarschaft. Wir halten zusammen. Wir sind aktiv. Das gehört zu unserer Tradition."

"Convivencia" ist das Stichwort – "Zusammenleben"

In Santa Catalina, ehemals ein Fischerdorf und außerhalb der Stadtmauern gelegen, hätten die Bewohner sich immer schon stärker um sich selbst kümmern müssen als in anderen Vierteln, sagt sie. Heute zeigt sich dieses Engagement in den vielen Initiativen und sozialen Einrichtungen, mit denen sich die alteingesessenen Bewohner auch gegen die negativen Folgen der Gentrifizierung rüsten. "Convivencia" ist das Stichwort – "Zusammenleben". Auf Plakaten gedruckt findet man dieses Motto überall an den Häuserwänden. Es ist Wunsch und Ermahnung zugleich.

"Es gibt viele, die sich über das beschweren, was neu ist", sagt Carmen Rojas. "Mehr Touristen, mehr junge Leute, mehr Ausländer. Es stimmt, dass vieles teurer geworden ist. Aber anstatt zu meckern, muss man sich mit den neuen Leuten an einen Tisch setzen und ihnen erklären, was die älteren Bewohner befürchten." 

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Nun ist es natürlich auch nicht so, dass sie sich in Santa Catalina mit Sauf-Touristen herumschlagen müssten, die ihr "Frühstücksbüfett und ihre Eimer haben wollen", wie Ronny Portulidis sagt. "Und auch die Leute von den Kreuzfahrtschiffen laufen nicht hier durch. Santa Catalina ist eher etwas für Reisende, die daran interessiert sind, Kultur und Lebensart zu entdecken." Letztlich ist auch er so hierhergekommen.

Ronny Portulidis, braune Augen, heller Strohhut, sitzt vor einem großen Wandbild in Schwarz-Weiß, das sechs Surfer auf einer Welle zeigt. Es hängt im "Duke", seinem Restaurant in der Calle Soler, mitten im Viertel. Portulidis, als Sohn griechischer Eltern in Duisburg geboren, hat es vor zehn Jahren eröffnet, zusammen mit seinem Freund Juanjo Campos, einem Mallorquiner aus Palma, der in den Achtzigern zu den ersten Surfern der Insel gehörte. "Ein Freigeist", sagt Ronny. "Und einer, der immer etwas Neues ausprobieren muss." 

Die beiden Freunde einte die Neugier auf fremde Länder, die sie auf die Speisekarte des "Duke" übertrugen: "Ethnic Food Jamming" sei da zu finden, so Portulidis, der als Koch bestimmt, ob er gerade mehr Lust auf afrikanische oder mexikanische Einflüsse hat. Gegessen wird an langen Tischen, sehr gemeinschaftsdienlich.

Stammtresen: Die "Bar Joan Frau" im Markt von ein beliebter Treffpunkt der alteingesessenen Bewohner

Stammtresen: Die "Bar Joan Frau" im Markt von ein beliebter Treffpunkt der alteingesessenen Bewohner

Der Laden war früher eine Familienwohnung, und der Charakter blieb erhalten. Portulidis scheint an diesem Mittag jeden Gast zu kennen, grüßt hier am Tisch, umarmt dort, dann setzt er sich und denkt über Santa Catalina nach. Hat das Viertel sich sehr verändert? "

Viele sagen: Ja. Aber zu großen Teilen ist es noch wie damals, als wir angefangen haben. Nur gibt es inzwischen von allem viel mehr. Das spiegelt ja auch unsere Gesellschaft wider."

Alles noch in Familienhand

Vor allem gibt es viel mehr Restaurants. Auch, weil so ziemlich jeder, der mal im "Duke" gekocht hat, um die Ecke einen eigenen Laden eröffnet hat. Wie die Taquería "El Aquanauta" oder das "Koh" mit seiner Thaiküche. Der Designshop "Bconnected" hat sich ebenfalls erweitert – um einen Showroom, in dem er mit dem Modemacher Matthew Williamson kollaboriert. Der Brite lebt in Deià in den Bergen, hat dort eine Bar eingerichtet und bietet nun hier in Santa Catalina Kissen oder Vasen an, die seinem bunten Stil entsprechen: mit vielen Blumen und Flamingos.

Ronny Portulidis im "Duke", seinem Restaurant

Ronny Portulidis im "Duke", seinem Restaurant

Der Showroom liegt nur ein paar Meter von der Markthalle entfernt, an der gerade eine ältere Dame vorbeigeht, die mit ihrem Stock an einem Mülleimer hängenbleibt. Sie blickt in die Halle, in der die Männer der "Bar Joan Frau" herumwirbeln. 1966 im Mercat eröffnet, zählt sie zu den ältesten Gaststätten hier. Benannt ist sie nach ihrem Begründer, Joan Frau, von dem ein großes altes Foto an der Wand prangt, auf dem er seine Gattin anlächelt, die ihm vermutlich Brote geschmiert hat, wenn er um fünf Uhr morgens zum Markt gefahren ist. Die Bar ist bis heute in Familienhand, sagt Pedro Frau, einer von Joans Söhnen. Er zapft schnell eine "pequeña cerveza", schiebt sie seinem Schwager Mario rüber, der das Glas dann an einen Gast weiterreicht.

Hinter dem Tresen gibt es kleine Tische, die unter der Woche meist mit Stammgästen besetzt sind. Die Dame mit den hennaroten Haaren zum Beispiel, die hier morgens um elf Uhr ein Gläschen Rosé zwitschert, kommt seit 50 Jahren zu ihnen, erzählen die Kellner. Sie versorgen am Tag geschätzt 500 Gäste, 70 Prozent von ihnen kennen sie. Neben den Stammgästen besuchen aber auch Palmas Sterneköche den Mercat de Santa Catalina, holen sich am Fischstand ein paar Tintenfische und lassen sie sich in der Bar des Mercat grillen. Für drei Euro. Weil immer noch alles so schön normal ist.

"Jeder weiß hier heutzutage, was Gentrifizierung ist", sagt Carmen Rojas. "Man muss die Balance im Auge behalten." Es hat im Viertel viel Streit um höhere Mieten gegeben, um Lärm und um die Frage, wem der öffentliche Raum gehört. Allen nämlich. Ihre Mutter sei da ein gutes Bespiel, sagt Carmen.

Seit Jahrzehnten stellt sie abends ihren Klappstuhl vors Haus und bespricht mit den Nachbarinnen alles, was besprochen werden muss. Inzwischen sind auch die zugezogenen Frauen dabei. "Man sitzt beisammen und erzählt sich vom Leben", sagt Carmen Rojas. "Das ist vielleicht die beste Integrationsmaßnahme, die es gibt."

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