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Radsport auf Mallorca Immer am Abgrund

Radfahrer in der Kurve
Die Straßen auf Mallorca bieten Abfahrten, Anstiege, einen spektakulären Blick. Und oft riskante Begegnungen mit Autos.
© Tomeu Coll
Rennradfahrer haben Mallorcas Straßen erobert. Die meisten finden das Glück, aber einige auch den Tod. Eine Exkursion in eine Welt, die vielen fremd ist – und der doch niemand ausweichen kann auf der Lieblingsinsel der Deutschen.
Von Stefan Schmitz

Das Blut auf dem Asphalt ist dunkel, fast schwarz. Ein Hund bellt wie toll neben der tellergroßen Lache, Polizisten winken. „Zügig weiterfahren“, ruft Hans, der Führer der Rennradgruppe, die gerade die enge Gasse hochkommt. Sie hat dem Krankenwagen ausweichen müssen, der ihr rückwärts mit Blaulicht entgegenkam, weil er in der Straße nicht wenden konnte. „War es ein Radfahrer?“, fragt einer aus der Gruppe. „Ja, eine Frau“, sagt die Anwohnerin, die versucht, den Hund zu beruhigen.

Gestern hat der Frühjahrsregen den Boden abgeduscht, eine hauchdünne Schicht aus Staub und Pollen über ihn gezogen, schmierig und schimmernd. Die Rennradfahrerin ist wohl weggerutscht. Wirklich schlimm scheint es sie nicht erwischt zu haben, kein Wort findet sich über den Unfall später im Polizeibericht. Alles normal, alles Routine.

140.000 Radsportler werden 2016 auf Mallorca erwartet

Mehr als je zuvor. Sie fallen in jedes Bergdorf ein, donnern die Abfahrten hinunter. In großen Gruppen verstopfen sie die flachen Straßen im Norden und Osten für den Autoverkehr. Niemand kann den bunten Horden aus dem Weg gehen. Schon das unterscheidet sie von all den anderen Gruppen, die auf Mallorca meist ganz unter sich bleiben – wie die Kampftrinker in Arenal oder Magaluf, die Familien am Pool oder die Immobilienmakler an der Südwestküste mit ihren botoxglatten Begleiterinnen. Mallorca gibt es auch ohne sie. Nur nicht mehr ohne Radsport.

Der ist auf der Insel längst ein Wirtschaftsfaktor, der Liebling der Fremdenverkehrsstrategen. Aber er stört nicht nur die Fahrer der Mietwagen, gefährlich ist er auch. Tote sind in jeder Saison zu beklagen, erst am letzten April-Wochenende starben zwei Schweizer Radfahrer nach einem Unfall auf einer schnurgeraden Landstraße bei Sineu. Hunderte Verletzte werden jedes Jahr gezählt. Also: Alles Verrückte! Potenzielle Selbstmörder! Aber stimmt das?

Am Flughafen von Palma will der wohl mächtigste Mann des mallorquinischen Radtourismus etwas geraderücken. Marcel Iseli, Mitinhaber und Sportdirektor des Branchenführers Hürzeler Bicycle Holidays, ist gerade gelandet. „Jeder Todesfall bewegt uns sehr“, sagt er. Wenn ein Mensch sterbe, sei die Statistik egal. Auf dem Linienflug von Zürich hat der drahtige Schweizer trotzdem ein paar Rechnungen angestellt, auf der Rückseite seiner Bordkarte. Da steht: 140.000 Radsportler reisen für durchschnittlich zehn Tage an. Wenn jeder Gast 400 Kilometer fährt und es in einem Jahr 14 Radtote gibt, dann komme ein Todesfall auf vier Millionen Radkilometer. „Das heißt: Sie müssen statistisch gesehen hundertmal die Erde umrunden, bis Sie hier auf dem Rad zu Tode kommen.“

Eine Prise Machismo auf Mallorca

Iseli präsentiert das so zurückhaltend, als ob er beide Hände an den Bremsen hätte. Ja, es geschehen schreckliche Dramen. Er erzählt von einem Gast, der topfit war; er sei gefahren und gefahren – und kurz vor der Abreise tot neben seinem Koffer zusammengebrochen. Ein anderer kollabierte gleich nach der Ankunft, ohne überhaupt auf dem Rad gesessen zu haben. Und auch das komme vor: dass Jungs die Pferde durchgehen und sie Rennen bergabfahren. „Das sind die gefährlichsten Momente“, sagt Iseli. Bei den Gästen seiner Firma passe der Guide auf, um so etwas zu verhindern.

Der Österreicher Hans ist Guide beim Unternehmen Rad International in Peguera im Südwesten Mallorcas. Er führt seine Gruppe an der Unfallstelle vorbei über Bunyola ins Bergdorf Orient und dann auf wunderbarem Asphalt hinunter ins Flachland. „Ich fahre vorne, dahinter gibt es keine Positionskämpfe“, sagt er. „Wer Zweiter ist, bleibt Zweiter. Wer Dritter ist, bleibt Dritter. Wem es zu schnell geht, der macht Platz.“ Dann lässt er es krachen. Ein Arzt aus Süddeutschland, dessen rotes Designertrikot etwas spannt, fährt deutlich jenseits seiner technischen Fähigkeiten. Aber er hält das Hinterrad vor ihm. Zwei andere Fahrer wirken sehr lässig – den einen weist das Trikot als Bezwinger des ultimativen Alpenpasses Stilfserjoch aus, den vor ihm als Finisher der ebenfalls furchterregenden Marathonrunde „Mallorca 312“. Eine Prise Machismo gehört hier eben dazu wie Schweißgeruch und Geltütchen. Bergauf darf dann auch bei Hans jeder zeigen, was er draufhat. „Die Jungs wollen ja sehen, wer der Stärkste ist“, sagt er.

Radfahrer auf Mallorca
Auf der deutschen Lieblingsinsel Mallorca boomt der Radsport
© Tomeu Coll

"Das Risiko gehört eben dazu"

Als Hans nach dem Unfall der Radfahrerin gefragt wird, da sagt er, sonst eine Seele von Mensch: „Ich habe schon größere Pfützen gesehen.“ Er klingt, als habe er das Visier heruntergelassen, als müsse er jetzt Abstand halten, um weiter Rad fahren zu können. In Bunyola, wo er wohnt, kommt seine Frau zum Marktplatz, das Kind auf dem Arm. Hans drückt sie lange. Dann sagt er noch: „Das Risiko gehört eben dazu.“

Sicher bringt er alle zurück in das nagelneue Radsportzentrum in Peguera. Sein Chef Harald Sandner, Inhaber von Rad International und als Exsieger von „Mallorca 312“ ein Held des Sports, sagt: „Männergruppen ohne Guide zerschießen sich in den ersten zwei Tagen. Da gibt es garantiert einen Unfall.“ Gefährlich sei auch, dass sich viele Urlauber überforderten. „Gerade Ältere gehen auf Kilometerjagd“, klagt er. „Die fahren sich in Grund und Boden.“ Sie behaupteten zwar, sie fühlten sich super, aber die Gesichter sprächen oft eine andere Sprache.

Männer zeigen sich ihre Narben

Wahrscheinlich ist es mit Ausdauersport wie mit dem Sonnenbaden. Manche lieben es, andere verstehen gar nicht, was das soll. Radfahren – zumal in den Bergen – kann Glück erzeugen, Euphorie und Erlösung, Freundschaft und Vertrauen, Sieg und Niederlage. Dazu gesellen sich noch ein paar andere Empfindungen, die aber kaum zu vermitteln sind. Zum Beispiel jene, die entstehen, wenn die Fahrer bergauf versuchen, den Schmerz zu ihrem Freund zu machen. Das alles produziert Junkies, für die dieses Erlebnis das Risiko weit überwiegt. Ein paar von ihnen, die meisten jenseits der 50, sitzen in Sandners Radcafé. Joachim Fuhs, Jurist beim Bundesrechnungshof, zeigt eine Narbe am Unterarm: „Die Platte steckt noch drin.“

Sein Kumpel, der Banker Andreas Opitz, berichtet von sechs Brüchen – Rippe, Ellenbogen, mehrere Finger, das Handgelenk. Der Ingenieur Gerd Schmotz aus der Nähe von Bonn ist bislang mit nur einem Bruch beinahe unversehrt geblieben. Überhaupt wollen die Freunde nichts auf das Rennradfahren kommen lassen. Die Verletzungen? „Stammen fast alle vom Mountainbiken“, sagt Opitz.

Der Mann im Trikot des „Mallorca 312“-Finishers ist Michael Totz, ein Finanzberater aus Otterndorf in Niedersachsen. Der 43-Jährige hat genau hingesehen, als seine Gruppe die Unfallstelle mit der Lache auf dem Asphalt passiert hat. „Man fährt durch diese schöne Landschaft, genießt, riecht, ist super drauf“, sagt er. „Und dann plötzlich Blaulicht, Krankenwagen, Blut. Das bewegt mich. Man verdrängt schon viel.“

Herzinfarkt oder Schlaganfall auf dem Rad

Der einzige deutsche Unfallchirurg auf der Insel, Klaus Foer, empfängt in Weiß zwischen Monitoren mit Röntgenbildern; nur sein kunterbunter Gürtel erinnert daran, dass dies kein deutsches Kreiskrankenhaus ist. „Viele Radfahrer kommen mit Abschürfungen an Armen und Beinen“, sagt der 66-Jährige. „Aber auch mit anderen Verletzungen: Schlüsselbeinbrüche, Schultereckgelenksprengungen, Verletzungen des Ellenbogens. Ich hatte auch schon einen Oberschenkelhalsbruch.“

Die offizielle Statistik der Balearen für 2013 weist vier bei Unfällen getötete Radfahrer aus. Für 2014 sind es zwei. Aber in dem Jahr – dem letzten, für das es gesicherte Zahlen gibt – zeigte sich schon sehr früh: Es sterben mehr Menschen aufgrund anderer Ursachen als einer Kollision mit einem Auto. Weil sie auf dem Rad einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden. Oder weil sie, meist bergab, die Kontrolle über das Gefährt verlieren. So wurden bereits im Mai 2014 insgesamt sechs Tote gezählt, davon nur zwei Unfalltote. Pro Jahr müssen etwa 40 Radfahrer nach Verkehrsunfällen ins Krankenhaus eingeliefert und weitere 250 mit leichteren Verletzungen ärztlich behandelt werden.

Die austarierte Tourismusmaschine

Die Zahlen sagen natürlich erst etwas aus, wenn man sie ins Verhältnis zur Masse der Radfahrer setzt. Die wächst und wächst und wächst. Experten wie Iseli vermuten, dass schon jetzt weit mehr Radfahrer einfliegen als die geschätzten 140.000. Sie sind das allgegenwärtige Zeichen für den Erfolg des mallorquinischen Geschäftsmodells: Die Tourismusmaschine wird so austariert, dass die eine Gästegruppe von der anderen profitiert und die Inselwirtschaft von allen – selbst wenn man einander nicht leiden und nicht riechen und erst recht nicht verstehen kann.

Die Radfahrer, von denen viele mehrmals im Jahr anreisen, schätzen die guten und billigen Flugverbindungen, die es ohne den Massentourismus nicht gäbe. Die Pauschalkundschaft wiederum kann Cafés und Restaurants besuchen, die keine Überlebenschance hätten, wenn alle Mallorca-Reisenden die meiste Zeit im Hotel blieben.

Pilar Carbonell Raya ölt und pflegt als Generaldirektorin der Balearen-Regierung für Tourismus diese Maschine. In ihrem Job ist ihr der Radsport sehr wichtig, auch wenn sie privat lieber joggt. „Ich mag die Geschwindigkeit nicht“, sagt die sportliche Politikerin. Den Berg hinauf würde sie wohl schaffen. Aber hinunter? „Da hätte ich Angst.“ Zu Hause in Santa Ponça hat sie den Radsportboom direkt vor der Tür. Ihre morgendliche Laufrunde führt am Hotel Bahía del Sol vorbei, in dem das Unternehmen Rad International einst angefangen hat. In einen Verschlag im Keller, gleich neben dem Altglascontainer, passten 13 Räder. Seitdem ist aus dem Nischensport ein Wirtschaftsfaktor mit einem Umsatz von weit über 100 Millionen Euro jährlich geworden – und zwar einer, der genau in die Strategie der Regierung passt. Denn die Radfahrer sind da, wenn die Badegäste nicht da sind. Und sie gehen dahin, wo noch Platz ist.

Besprechung von einer Mallorca-Karte
Vor der Tour bespricht die Gruppe Route und Regeln
© Tomeu Coll

„Fahren Sie mal nach Petra im Landesinneren“, sagt die Tourismus-Chefin, die alle Pilar nennen. „In den Cafés auf der Plaza war vor zehn Jahren nichts los, jetzt sind sie voll.“ Die Briten kommen in immer größeren Scharen, seit die Erfolge des Profi-Teams Sky unter ihnen eine wahre Radsporthysterie ausgelöst hat. Und sie scheinen immun gegen Wind und Wetter. „Im Februar schon werden die hergeflogen“, sagt Pilar. Sie finde es dann noch ziemlich kalt. Egal. Auch das hilft, die Insel ganzjährig auszulasten. Millioneninvestitionen in die Sicherheit der Radfahrer sollen den Boom weiter befeuern.

Radfahrer leben länger

Es werden Radstreifen gebaut, besonders gefährliche Stellen entschärft, auf Karten die Abschnitte markiert, die Radfahrer besser meiden. Hinter dem 14 Kilometer langen Aufstieg von Sóller zum Puig Major leuchten im berüchtigten Monnàber-Tunnel jetzt Lampen, gespeist von Solarzellen oben auf dem höchsten Berg der Insel. Früher taumelten die Freunde des Schmerzes dort vom gleißenden Licht ins Dunkel, von oben tropfte es aus irgendeinem Grund herunter, und manchmal kam von vorn ein Auto. Nun zeigt sich: Wenig Investition kann viel Sicherheit schaffen.

Im Wettbewerb der Radsportgebiete nimmt Mallorca inzwischen eine einzigartige Stellung ein. „Italien habe ich bis vor einigen Jahren als Konkurrenz gesehen“, sagt Marcel Iseli. „Aber die haben nichts an ihren Straßen gemacht, und da sind die Fahrer weggeblieben. Ich glaube, den Balearen war das eine Warnung. Die haben das verstanden.“ Der Schweizer reist seit Jahrzehnten hierher. Für erfahrene Sportler ist die Unfallgefahr ziemlich gering. Hans, der am Tag oft über 200 Kilometer fährt, ist in fünf Jahren noch nicht einmal gestürzt. Gruppen, in denen es zivilisiert zugeht, behindern den Autoverkehr, aber fürchten muss sie niemand.

Radfahrer auf einer Nebenstraße Mallorcas
Auf Nebenstraßen unterwegs: Fahren zwischen Feldern ohne großen Gegenverkehr
© Tomeu Coll

Und auch insgesamt, da ist sich Marcel Iseli sicher, fällt für die ganz überwiegende Mehrheit seiner Gäste die Gesundheitsbilanz positiv aus: Radfahrer leben länger – zumindest statistisch gesehen.


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