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Schlittenfahrt in Masuren: Mit Väterchen Frost unterwegs

Still gleiten Schlitten durch weiße Wälder, über erstarrte Seen. Der Atem der Pferde dampft Wölkchen in die Luft, die klar und kühl wie Wodka ist. Masuren versinkt im Schnee - ein Winterreisemärchen.

Von Astrid Joosten

Schnee weht über die Felder, jagt über die Wege, peitscht gegen die Windschutzscheibe. Ich halte mich am Lenkrad fest. Wie soll ich in diesem endlosen Weiß den Weg zum Leleskie-See finden? Wie Kometen sausen die Flocken auf die Windschutzscheibe zu, zwingen mich zum Tunnelblick. Prompt biege ich in eine viel zu schmale Straße ab, hinter der nächsten Kurve ein Rums, ich stecke fest. Wie komme ich hier nur wieder raus?

Im Januar und Februar versinkt Masuren in Eis und Schnee. Von Russland her zieht der Winter über das Gebiet im Nordosten Polens und verwandelt es in eine der kältesten Gegenden Mitteleuropas. Und eben deswegen bin ich hierher gekommen: um einen echten Winter zu erleben, wie es ihn zu Hause nur noch selten gibt. Mit Wind, der im Gesicht brennt und weiße Schleier von den Bäumen rieseln lässt. Mit Eis, das die Gewässer zudeckt und in Zapfen von den Dächern der Häuser hängt. Mit Schlittenfahren, Schlittschuhlaufen, Skiausflügen. Ein festgefahrenes Auto steht nicht auf der Wunschliste, gehört aber natürlich auch zum Winterpaket.

Idyllische Abgeschiedenheit

Wo liegt das nächste Dorf? Einen Zentimeter entfernt, sagt die Karte. Ich stapfe los. Eine Viertelstunde darauf erreiche ich einen Weiler, einige in einer Senke fast verborgene Häuser. Aus einem Schornstein steigt Rauch auf. Ein älterer Mann öffnet die Tür, er schippt gerade einen Eimer Kohle in seinen Ofen. Meine Zeichensprache versteht er sofort: Auto im Schnee, Hilfe nötig. Mit seiner Schaufel in der Hand folgt er mir auf den Hügel. Schnaufend schafft er Schnee beiseite, dann stecken wir Zweige unter die Reifen, ich starte den Motor, mein Helfer schiebt. Mit einem Aufheulen wühlt sich das Auto frei, und ich kann weiter Richtung Leleskie-See schlingern.

Mehr als 3000 Seen sprenkeln die Ebenen Masurens. In der warmen Jahreszeit zieht es viele Touristen in das Wasser- und Waldparadies, um Radtouren zu machen, Kanu zu fahren oder durch die masurische Seenplatte zu segeln. In den kalten Monaten aber wirkt das Land wie ausgestorben. Selbst im Dorf Kruty'n - im Sommer eine Touristenhochburg - ist rein gar nichts los. Keine Autos auf den Straßen, keine Reisebusse. In meiner Pension "Krutyn'ska Chata" bin ich der einzige Gast. Ein Kachelofen wärmt mein Zimmer. Im Aufenthaltsraum mit dem bequemen Sofa prasselt ab nachmittags ein Kaminfeuer, sein Geruch erfüllt das ganze Haus.

Weißes Winterland

Draußen neben der Eingangstür lehnen Langlaufskier für die Gäste an der Wand. Ich schnalle ein Paar an und rutsche probeweise auf der Auffahrt hin und her. Hört sich gut an, das leise Knirschen des Schnees. Ich laufe los, auf der festgefahrenen Spur mitten auf der Dorfstraße. Hinter Staketenzäunen, in den Vorgärten, hängen noch Christbaumkugeln von Weihnachten. In Masuren scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Die Häuser sind alt oder im alten Stil gebaut: aus Holz, die Fenster grün oder blau umrandet. Ich gleite an einem Laternenmast vorbei und blicke nach oben zu einem verschneiten Storchennest. Ein schwarzer Kater springt herbei, schleicht und schnurrt mir über die Skier und um meine Beine, als würde er mich schon lange kennen.

Hinter einer Brücke über das Flüsschen Krutynia beginnt die Puszcza Piska, mit 1000 Quadratkilometern der größte Wald Masurens. Auf einem Wanderweg ziehe ich in Richtung des Jezioro Mokre, des Muckersees. In der Luft rauscht ein Schwarm Schwäne auf der Suche nach offenem Wasser. Die Welt um mich herum ist weiß, die Wolken, die Bäume, die Büsche. Noch auf dem kleinsten Zweig scheinen Milliarden von Schneekristallen zu sitzen.

"Hier ist nichts los"

Es gibt viele Sagen, die von der rauen Jahreszeit in Masuren erzählen. Von Väterchen Frost, der seinen Mantel um die Guten hängt und die Bösen erfrieren lässt. Oder von Wassergeistern. Sie leben in der Tiefe der masurischen Seen und ziehen die Sünder zu sich hinab. Als ich auf dem Muckersee ankomme, gluckst das Wasser unter der dicken Eisschicht. Ich nehme es als wohlmeinenden Gruß aus der Tiefe und laufe weiter. Zwei dunkle Punkte flimmern am Horizont. Fast eine Stunde brauche ich, um die beiden Angler zu erreichen, die auf umgedrehten Eimern an einem Loch sitzen, das sie ins Eis geschlagen haben. Ein junges Paar, sie in engen spitzen Stiefeln, er in Jeans - nicht gerade typisch für Winterangler.

"Was soll man sonst machen? Hier ist nichts los", sagen die beiden, während ich noch mehr dunkle Punkte auf dem Muckersee ausmache. Viele Cafés und Restaurants sind in der kalten Jahreszeit geschlossen, es gibt wenig Arbeit. Als Beschäftigung bleiben eisangeln, Holz hacken oder Socken stricken. Und natürlich Nachbarn besuchen, für ein bisschen Dorfklatsch. "Hast du schon gehört? Der Förster hat den Mariusz beim Wildern erwischt. Der hatte einen Sechsender erlegt … Der Andrzej hat nachts betrunken im Schnee gelegen, gottlob hat ihn der Wojtek gefunden… Und in Kon'cewo haben sie einen Wolf erschossen, er hat die Mülltonnen im Dorf geplündert."

Am nächsten Morgen bin ich mit Zbigniew Ciepluch verabredet, dem Oberförster des Bezirks Mra˛gowo, seit 28 Jahren im Amt. Ich zeige ihm das Bild eines ziemlich großen Pfotenabdrucks, den ich auf dem Muckersee fotografiert habe: ein Wolf? "Nein, ein Hund", sagt Ciepluch. Und tröstet mich: "Aber es hätte ein Wolf sein können." Denn drei Wolfsfamilien leben im Mazurski Park Krajobrazowy, dem Naturpark rund um Kruty'n. Viele Menschen hier halten die Raubtiere für gefährlich. "Alles Aberglaube", sagt der Oberförster. Die Wölfe rissen höchstens mal ein Pferd - oder eine Mülltonne. Menschen gingen sie aus dem Weg, selbst die Waldhüter sähen kaum je ein Exemplar.

"Der schlimmste Wolf ist doch der Mensch selbst", brummt der Naturschützer Zbigniew Ciepluch, "er frisst das Land." Die Politiker wollen eine Schnellstraße durch Masuren bauen, statt durch das Agrarland im Norden soll sie mitten durch eines der wertvollsten Biotope des Naturparks führen. "Das macht die Wanderwege der Elche, Luchse und Wölfe kaputt", sagt Ciepluch zornig, "und die Heimat vieler seltener Schwäne und Kröten. Und das alles nur, um ein bisschen Geld zu sparen. Wo sonst gibt es noch so viel heile Natur?"

Ein grandioses Stück Natur

Jeden Tag bin ich draußen im Winterland. Kleiner und kleiner fühle ich mich in den Wäldern, den weiten Feldern, im Schnee. Der Rest der Welt scheint verschwunden zu sein, so wie in meiner Kindheit, als nur das zählte, was ich gerade erlebte. Die meisten Einheimischen scheinen sich vor dem Wetter zu verstecken. Winter-Eremiten, die nur mal kurz zum Dorfladen huschen und dann wieder in der warmen Stube verschwinden. Also bleibe ich für mich, suche nach Tierspuren. Entdecke an einer mächtigen Erle das Nagewerk eines Bibers: Gefährlich schief schon neigt sich der Baum übers gefrorene Wasser. Am Wegesrand krallt sich ein Bussard in einen Hasenkadaver. Im Schlepptau eines Traktors zieht ein Schlittenkonvoi mit Kindern vorbei. Sie bewerfen mich mit Schneebällen, lachen, als ich mitmache.

Eis. Schwarz und glatt. Fast unheimlich zieht es sich über den Wulpin'ski-See. Meine Schlittschuhe kratzen eine einsame Spur. Kein Mensch in Sicht. Nur ein Punkt in der Ferne, der langsam näher kommt. Mit langen Schritten läuft der drahtige Mann in rotem Anorak auf mich zu. Als unsere Spuren sich kreuzen, nicken wir uns zu, die Fellmützen wippen. Er begleitet mich ein Stück, und das Eis summt unter unseren Kufen. Ob es dick genug ist? "Hier könnte ein Panzer drüberfahren", versichert mir der Mann, der sich als Krzysztof Skłodowski vorstellt. "Immer wenn ich Zeit habe, packe ich meine Schlittschuhe ein und komme zum See", sagt er, "zu diesem grandiosen Stück Natur." Skłodowski ist Fotograf in Olsztyn, vormals Allenstein, schießt Bilder von Partys in Jazzclubs, von schicken Restaurants - und von den Wintern in Masuren.

Reich an Natur, aber sonst bitterarm

Drei Uhr nachmittags, die Sonne schwebt überm Horizont. Drei Uhr dreißig: Die Sonne ist verschwunden, wir müssen zurück aufs Land. Die Winternächte sind lang in Masuren. "Gut zum Nachdenken. Gut, um zur Ruhe zu kommen", meint der Fotograf. Für mich bedeutet das: In der Pension vor dem Kamin sitzen, in die Glut sehen, ab und an ein neues Scheit nachlegen. Ein wenig über masurische Geschichte lesen.

Eine Region, die einst von vielen Stämmen besiedelt wurde. Lange Zeit trotz überwiegend lutherischer Bevölkerung unter polnischer Oberhoheit, dann zu Preußen gehörig. Ab dem 19. Jahrhundert zunehmend von deutscher Kultur bestimmt, wenngleich weiterhin dreisprachig (Masurisch, Polnisch, Deutsch). Eines ändert sich über die Jahrhunderte nicht: Masuren ist reich an Natur, aber sonst bitterarm. Ein Landstrich am Rande, vom Fortschritt selten erreicht. Oder soll man sagen: vom Fortschritt verschont?

"Als ich ein Kind war, lebte ich in den großen Wäldern wie ein kleines Tier in seiner Höhle, und kein Fremder klopfte an unser Haus. Der Schnee spann mich ein und die Träume." Der Bestseller-Autor Ernst Wiechert wuchs Ende des 19. Jahrhunderts in Masuren auf. In vielen seiner Bücher schwärmte er geradezu religiös vom "einfachen Leben" in seiner Heimat - und erschuf so für Millionen Leser einen Sehnsuchtsort. Was auch so blieb, als dieser verloren war: Nach dem Krieg machten die nostalgischen Erzählungen von Siegfried Lenz "So zärtlich war Suleyken" zu einem seiner populärsten Bücher. Auch die ZEIT-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff hat die Erinnerung an das Land ihrer Kindheit literarisch wachgehalten.

Urige Bauernstube

Anlässlich der Abiturfeier der masurischen Marion-Dönhoff- Schule besuchte die Gräfin 2001 in der Nähe von Kruty'n das "Wirtshaus zum Hund". Es liegt am Ende einer Waldstraße. Ein Spitz springt auf und begleitet mich in den Gasthof. Eine gemütliche Bauernstube, Flickenteppiche auf blankgescheuerten Dielen, Holztische, an denen schon viele Generationen gegessen haben, an der Wand ein Bord mit Tellern, Kerzenlicht. Keine Musik, nur die Dielen knarzen, als Danuta Worobiec mein Essen serviert - Wildschweinkamm mit Kartoffelklößchen. Gemeinsam mit ihrem Mann Krzysztof hat Danuta das Haus restauriert, dazu noch vier andere Holzhäuser, die wie eine kleine Siedlung um einen Teich stehen. Restauriert ist untertrieben. Die Bauernhäuser, aus Dörfern in der Nähe, waren fast schon verfallen. Die Worobiecs haben sie Balken für Balken abgebaut und in einer Art privatem Freilichtmuseum wieder zusammengesetzt. An einem Haus aus dem 17. Jahrhundert arbeiteten sie zwei Jahre lang.

Ich blicke aus dem Fenster, sehe einen Schneemann und eine kleine Hütte mit Veranda und einem Holzzuber vor der Tür. "Eine Bajnia", erklärt die Hausherrin, ein Dampfbad, "besonders gut, wenn's frisch geschneit hat." Wer schwitzend aus dem Häuschen kommt, kühlt sich mit dem Wasser aus dem Zuber ab und bei einem Gang durch den Schnee, barfuß. Wäre es möglich, dass ich jetzt …? "Morgen", sagt Danuta. Es dauert Stunden, die Sauna mit einem Holzfeuer zu erhitzen. Ich seufze. Morgen? Zu spät. Im Kamin der Pension "Kruty'nska Chata" lodert ein Feuer, die langsam vergehenden Holzscheite knistern. Ich schaue hinaus auf den See. Mein letzter Abend. Vollmond. Kurz entschlossen steige ich in meine Schlittschuhstiefel. Gleite noch einmal über silbrig schimmerndes Eis. In der Tiefe glucksen die Wassergeister. Ich drehe eine Runde - und grüße zurück.

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