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Selbstversuch: Hunde-Panik: Wie ich versuchte, meine Angst zu besiegen

Hunde soll man mögen, andernfalls gilt man als schlechter Mensch. Und man hat ein Problem, denn: Hunde sind überall. Unser Autor hat versucht, sich mit ihnen zu versöhnen - in ihrem Territorium.

Von Jean-Pierre Ziegler

Hunde Hasser

Die Angst vor Hunden: Links unser Autor Jean-Pierre Ziegler im Tierheim, rechts ein Symboldbild von dem Gegestand seiner Albträume.

Meine Angstgegner treffe ich in Nordschweden. Die wissen, dass es gleich losgeht. Sie bellen und jaulen, als stünde eine Schlacht bevor. Ich stehe im Schnee vor der Meute, es sind Dutzende. Immer wieder stürmen einzelne Tiere gegen die Seile an, die sie halten, rammen ihre Pfoten in den Schnee und werden zurückgerissen. Zwei Hunde stechen heraus, sie haben sich verkeilt, stoßen ihre Köpfe einander in die Flanken. Ein Schlittenführer geht dazwischen, reißt sie auseinander. Dann zeigt er auf mich.

Das werden meine Tiere sein. Mir ist schlecht. Ich habe das alles hier unterschätzt. Dabei hätte ich es mir eigentlich denken können.

Ich kenne das doch schon: Hunde sind überall, und das stört mich. Vor dem Supermarkt, im Bus oder, der Klassiker, beim Joggen plötzlich irgendwo zwischen meinen Beinen. Unterm Restauranttisch betteln sie mich an, während ihnen schon der Speichel runtertropft; neuerdings läuft sogar bei der Arbeit der Hund eines Kollegen über den Flur, und überhaupt, wer schon mal nassen Hund gerochen hat, müsste es doch eigentlich besser wissen. Stattdessen wird von einem verlangt, dass man Hunde mögen soll wenn man es nicht tut, gilt man fast schon als schlechter Mensch.

Ich verabscheue Hunde - und ich hab Angst

Ich hasse Hunde, nicht weil sie Hunde sind, dafür können sie genauso wenig wie ich fürs Menschsein. Ich verabscheue sie, weil sie mich ständig in meinem Alltag überfallen und mich einschränken. Und Angst habe ich auch. Schon seit ich denken kann, fürchte ich mich vor ihnen. Als Junge wurde ich von einem Hund angefallen. Die Erinnerung ist verschwommen. Ich sehe ein großes schwarzes Tier. Es rennt auf mich zu und wirft mich um. Seitdem weiß ich: Hunde, das heißt Kontrollverlust.

Am schlimmsten ist es, wenn sie bellen. Die Angst kriecht dann in mir hoch, legt sich wie ein enger Anzug um meinen Körper. Bis heute wechsle ich die Straßenseite, wenn mir ein Hund begegnet, umgehe Zäune,  hinter denen sie lauern könnten. Ist das schon eine Phobie? Ja, eine leichte, sagt Tanja Birk, Psychotherapeutin in München, als ich ihr beschreibe, was ich mir so alles einfallen lasse, um Hunden aus dem Weg zu gehen.

In schwachen Momenten stelle ich mich tot

Vermeidungsverhalten nennt Tanja Birk diese Angewohnheit. Es ist typisch für Ängste. Wer sie loswerden will, muss sich ihnen stellen: In einer Konfrontationstherapie steigert man den Reiz schrittweise. Erst sitzen Patienten mit Hunden in einem Raum, am Ende lassen sie sich anbellen. "Angst ist eine physiologisch erschöpfbare Reaktion" , sagt Birk. Sie nutze sich ab.

Doch diese Erfahrung machen die Patienten nicht mehr, wenn sie dem Problem ständig aus dem Weg gehen, und ihre Furcht steigert sich. Manche Menschen, die zu Birk in die Praxis kommen, trauen sich nicht mehr in den Biergarten, aus Angst, einem Hund zu begegnen. Die Therapeutin kennt eine Frau, die mit dem Motorrad unterwegs war; als sie sah, dass sich ein Hund näherte, fuhr sie los, über eine rote Ampel.

So schlimm ist es bei mir nicht. Trotzdem kann ich dieses Verhalten nachvollziehen. In schwachen Momenten wähle ich die Strategie Totstellen. Letztens bin ich in meiner Wohnung geblieben, nur weil ich gehört habe, dass zwei Hunde im Treppenhaus bellten. Ich wartete, bis sie verschwunden waren, erst dann traute ich mich raus.

Im Büro finde ich in meinem Postfach die Nachricht der Outdoorfirma Fjällräven, die nach Schweden eingeladen hat: zu einer Schlittenfahrt mit 200 Huskies. Im ersten Moment überkommt mich bei der Vorstellung der Horror. Im zweiten entsteht eine Idee: Was, wenn ich den Spieß einmal umdrehe? Ich ärgere mich immer über Hunde in meinem Territorium. Wie empfände ich sie, wenn ich mich in ihre Heimat wagte? Wenn ich dorthin ginge, wo Hunde die verschneite Welt beherrschen, bin ich auf sie angewiesen. Vielleicht gewinne ich auf dem mehr Souveränität im Angesicht des Köters. Vielleicht kann ich mich in kalten Kiefernwäldern mit ihnen versöhnen. Ich sage zu.

Ich muss dahin, wo gebellt wird

Therapeutin Tanja Birk findet meinen Plan mutig. Doch sie warnt mich: "Sie sollten sich nicht gleich mit Angst überfluten." Ich brauche also einen Zwischenschritt, bevor ich 200 Huskies entgegentrete. Ich muss dahin, wo gebellt wird.

Als ich das Schild "Tierheim" sehe, werde ich nervös. Mein Herz schlägt schneller, als würde ich in der Uni gleich den Bogen für die Prüfung bekommen. Fast zwei Dutzend Hunde leben im Tierheim Lüneburg. Damit sie so oft wie möglich rauskommen, kann jeder mit ihnen Gassi gehen. Ich frage nach einem möglichst kleinen Hund. Da sei Prinz, sagt die Mitarbeiterin, der müsse noch raus.

Vor den Käfigen hängen gelbe Vorhänge, dahinter bellen Hunde, viele Hunde. Ich muss durch diese Wand aus Lärm, damit ich Prinz abholen kann. Ich verkrampfe, merke, wie ich die Schultern nach oben ziehe. Mein Körper erstarrt, mein Geist flieht. Die nächsten Minuten erlebe ich aus der Vogelperspektive. Ich beobachte mich dabei, wie ich mich aus der Erstarrung löse und auf Prinz zugehe, vor dessen Käfig die Mitarbeiterin kniet. Sehe den Terrier in seinem Käfig auf und ab hüpfen wie einen Flummi auf Asphalt. Ich höre, wie die Mitarbeiterin den Hund vorstellt. Er ist neun Jahre alt und Epileptiker, dreimal wurde er vermittelt, dreimal kam er zurück: "Der kann manchmal ziemlich gemein werden" , sagt sie und legt ihm einen Maulkorb an. Der Terrier zieht Richtung Ausgang.

Prinz will bestimmen, wo es langgeht, runter vom Trampelpfad, rein ins Unterholz, wieder zurück. Warum ist der denn so nervös? Immerhin interessiert er sich kein bisschen für mich.

Auf nach Schweden

Der Hund hat mich nicht einmal angeguckt. Langsam gewöhne ich mich an ihn. Ich denke an Tanja Birk, die Therapeutin, gehe in die Knie und halte Prinz meine Hand vor die Schnauze, der Maulkorb macht mir aber Angst. Obwohl Prinz ein kleiner Kläffer ist, denke ich sofort an Pitbulls, die man nur mit solchen Hilfsmitteln davon abhalten kann, Leute zu zerfleischen. Der Hund guckt, schnüffelt. Ich streichle sein weißes Fell, es ist rau, beinahe borstig. Tanja Birk hat recht: Die Angst löst sich nicht auf. Aber sie nutzt sich ab.

Ein paar Wochen später lande ich in Kiruna, nördlichster Stadt. Ein Bus bringt mich zu einem entlegenen Camp, das umgeben ist von Wäldern. Es ist die Zucht von Kenth Fjellborg, einem der bekanntesten schwedischen Hundeschlittenführer. Er besitzt derzeit 140 Hunde und verbringt schon sein ganzes Leben mit den Tieren. "Ich bin immer noch von ihrer Willenskraft überrascht, sie sind ein wunderbares Meisterwerk", sagt er. Sich selbst sieht Fjellborg als Künstler, das hört man, wenn er mit Stolz sagt: "Wir Menschen haben die Hunde erschaffen."

Wer ist hier überlegen, der Hund oder ich?

So habe ich das noch nicht gesehen. Hunde sind unser Werk, wir haben sie erschaffen. Früher mal, um bei der Jagd zu helfen und Haus und Hof zu verteidigen. Heute sind ihre Aufgaben fast noch gewichtiger.

Um zu verstehen, was die Leute an Hunden finden, habe ich viel gelesen. In einem Interview mit dem "Zeit-Magazin" sagte DJ Fetisch mal, sein Hund habe ihn gerettet. Das Berliner Nachtleben hatte dem Musiker stark zugesetzt. "In diesem Tief habe ich mir einen Labrador gekauft. Er schaute mich so tief an und ich stand wieder auf den Beinen." Ähnlich klingt der Rapper Eko Fresh, der in der "GQ" über seinen Boxer (mit dem er gern gemeinsam Cheeseburger isst) erzählte: "Butkus hat mit mir alle Höhen und Tiefen durchlebt. Er ist mein bester Freund und eine treue Seele." Hängen geblieben ist bei mir auch dieser Gedanke des Modedesigners Wolfgang Joop: "Dieses Wesen gibt dir Liebe ohne Nachfrage. Das ist für den Menschen, der ja alles nachfragen und sich nicht unterwerfen will, deshalb bedrohlich, weil der Hund sich unterwirft und uns damit beherrscht. So wie in der SM-Beziehung immer der Masochist die Regie angibt, wie weit der andere zu gehen hat." Wir haben uns also einen treuen Gefährten erschaffen, mit dem wir eine Sado-Maso-Beziehung führen. Nur, wer ist in meiner Beziehung zum Hund der Überlegene, wer der Unterlegene?

Das sind keine wilden Straßenköter

Ob die Huskies, die mich durchs ziehen sollen, mit mir kooperieren werden? Immerhin wurden sie jahrelang darauf getrimmt, zu gehorchen. Das sind keine wilden Straßenköter. Keine verzogenen Kläffer wie die zu Hause. Es sind Extremsportler mit Fell, die am Tag 100 Kilometer rennen können, die Temperaturen bis minus 50 Grad ertragen. Die sind in Bestform, auf sie kann man sich verlassen, vor ihnen muss man Respekt haben, und zwar im positiven Sinn. Solche Dinge rede ich mir zur Beruhigung ein, als ich abends im Schlafsack liege und die Hunde heulen höre.

Am nächsten Tag lerne ich meine Huskies kennen. Sie heißen Olympia, Ruby und Emma, Evita, Kit und Ken und sie bellen, als zögen sie in den Kampf. Nur eine Eisenklaue, eine Art Anker, hält sie zurück, ein Züchter hat das Teil mit einem kräftigen Tritt in den Schnee getrieben. Kit und Ken sind vor der Fahrt so aufgeregt, dass sie eine Rauferei anfangen. Sie schnappen nacheinander, die Seile ihres Geschirrs verheddern sich. Einer der Schlittenführer trennt sie mit einem kräftigen Ruck. Ausgerechnet ich bekomme die wildesten Viecher. Ich hoffe, dass die Tour schnell zu Ende geht.

Hunde Hasser

Vorsichtige Annäherung im schwedischen Nirgendwo: Schlittenhündin Emma lässt sich zu ihrem Zwinger begleiten

Ich klammere mich am Griff fest, die Hunde beißen in den Schnee

Der Schlitten sieht aus wie ein fahrender Holzstuhl. Ich stelle mich auf die Kufen, halte mich an dem Griff auf Bauchhöhe fest. Der Schlittenführer zeigt mir, wo die Bremse ist. Der erste Schlitten fährt los, der zweite. Dann nimmt der Schlittenführer die Eisenklaue aus dem Schnee, und ich trete auf die Bremse zwischen den Kufen. Gleich bin ich dran. Der Schlittenführer hebt den Arm. Ich nehme meine Füße von der Bremse, und die sechs Hunde schießen nach vorn.

Anfangs fällt es mir schwer, das Gleichgewicht zu halten, steif stehe ich auf dem Schlitten, klammere mich ängstlich an den Griff. Ich muss mich sehr konzentrieren, um in den Kurven nicht umzukippen. Ab und zu drehe ich mich um, damit ich sehe, wie nah die Hunde des Schlittens hinter mir sind. Wenn wir kurz stehen, beißen die Hunde in den Schnee und kauen darauf herum. Sie sind gerannt, sie haben sich verausgabt. Jetzt haben sie Durst. Dauert die Pause zu lange, fangen sie an zu bellen. Ich zucke zusammen und klammere mich an den Griff des Schlittens, er gibt mir Halt. Ich will auch, dass es weitergeht, dann sind die Tiere wenigstens still.

Von meinen sechs Hunden ist mir Emma am liebsten. Die schwarze Hündin ist ruhiger als die anderen Tiere, liegt im Schnee, wenn wir stehen. In der zweiten Pause streichle ich ihr vorsichtig über den Kopf.

Hier im Eis bin ich von den Hunden abhängig

Wir fahren weiter, über zugefrorene Seen und durch Wälder. Überall Schnee und Eis, die Kiefern wachsen gerade in den Himmel, wie mit einem Lineal gezogen. Ohne die Hunde würde ich hier nicht wieder wegkommen. Ich bin vollkommen von ihnen abhängig, und seltsamerweise beunruhigt mich dieser Gedanke nicht. Während der Fahrt ist es still. Ich höre das Holz des Schlittens knarzen, das Hecheln der Tiere und ihre Schritte. Sonst nichts. Ihre Pfoten fliegen über den Schnee, manchmal sind sich die Hunde so nah, dass ihre hängenden Zungen gegeneinanderklatschen wie feuchte Waschlappen. Kit vollbringt das Kunststück, beim Rennen zu scheißen. Kot kullert in den Schnee, der Hund läuft einfach weiter. Ich glaube zum ersten Mal zu verstehen, was die Menschen an Hunden mögen: Es ist das Ehrliche.

Das Gekläffe, bevor es losgeht, kam mir anfangs vor wie eine Bedrohung. Jetzt weiß ich: Es ist Vorfreude. Die Hunde kläffen, weil sie rennen wollen und sie haben mich angesteckt. In jeder Pause freue ich mich mehr auf den Moment, in dem ich von der Bremse steige und die Tiere losrennen. Ich hüpfe mit, wenn wir über einen Huckel springen. Geht es bergauf, helfe ich meinen Tieren, indem ich den Fuß in den Schnee ramme, um den Schlitten anzuschubsen. Auf gerader Strecke muss ich immer wieder abbremsen, um meinen Vordermann nicht zu überholen. Ich würde gern schneller fahren; ich spüre, dass meine Hunde die Kraft haben. Gebe ich hier gerade etwa das Kommando?

Nach der Fahrt will ich Emma zu ihrem Zwinger bringen. Der Schlittenführer zeigt auf ein paar kleine Holzhäuschen. Dort ruhen sich die Tiere aus, bevor ein Lastwagen sie zurück ins Camp bringt. Ich führe Emma an einer Leine dorthin. Zum Abschied knie ich mich kurz zu ihr hinunter, sie wedelt mit dem Schwanz, aber ob das nun mir gilt? Vielleicht sind wir keine engen Freunde geworden, aber wir begegnen einander auf Augenhöhe. Emma schnüffelt interessiert an mir, sie wirkt kein bisschen müde. Bestimmt wäre sie gern länger gerannt. Ich auch. 

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