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"Watership Down" & Co. Diese Zeichentrickfilme haben mich als Kind nachhaltig verstört

Ein Kaninchen mit blutverschmiertem Mund – eine Szene aus Watership Down.
"Schatz, leg' den Kindern doch mal den niedlichen Kaninchenfilm ein." Eine Szene aus "Watership Down" von 1978.
© ©Avco Embassy/Courtesy Everett / Picture Alliance
Es gab eine Zeit in den 80ern, in der es Filmemacher ebenso wie Eltern anscheinend richtig fanden, ihre Kinder direkt mal ordentlich abzuhärten. Und zwar in Form von Zeichentrickfilmen.

Ich erinnere mich an einen kleinen Zeichentrickwalfisch. Die Story bekomme ich nicht mehr zusammen, aber irgendwann verteilten die bösen Menschen einen riesigen Teppich aus Altöl auf dem Ozean und der kleine Wal fand seinen Weg nicht mehr, drohte zu ersticken.

Nur eine von mehreren verstörenden, düsteren Szenen aus dem Film "Samson und Sally" (den Titel musste ich jetzt googeln). Und der dänische Streifen aus dem Jahr 1984 war nur einer von mehreren Filmen, die mir als Kind zwei Dinge klar machten: Die Welt ist mitunter ziemlich beschissen – und: Zeichentrickfilm ist nicht gleichbedeutend mit Spaß.

Waren Zeichentrickfilme nicht eigentlich lustig?

Zwischen 1940 und 1975 waren Zeichentrickfilme meist entweder rührend oder lustig. Man denke an Disneys "Dschungelbuch" oder die Asterix-Filme. Ab 1995 wurden Zeichentrickfilme mutig, frech und optimistisch. In den Jahren dazwischen aber herrschte auf dem Kinderfilm-Markt offenbar Weltuntergangsstimmung. Die man direkt an die kleinen Zuschauer weitergeben wollte. Lag es am kalten Krieg? Am Waldsterben? An Tschernobyl? Man weiß es nicht. Auf jeden Fall lag es zu einem nicht unerheblichen Teil an einem Mann namens Don Bluth.

Falls ihr den Namen noch nie gehört habt: Don Bluth ist der Mann, der "In einem Land vor unserer Zeit" (1988) Littlefoots Mutter sterben ließ. Don Bluth ist auch der Mann, der für Disney den Film "Charlie – Alle Hunde kommen in den Himmel" (1989) drehte. Ein Zeichentrickfilm über den Tod eines Hundes, jawohl.

"Der Job eines Regisseurs ist, sicherzustellen, dass das Publikum mit auf eine Reise geht und eine emotionale Reaktion erlebt", erklärte Bluth mal seine Auffassung des Filmemachens. Auf eine Reise, klar Don, da sind wir bei dir. Klingt gut. Aber doch nicht auf eine Achterbahnfahrt, bei der man rasant auf einen emotionalen Abgrund zurast!

Trickfilmzeichner Don Bluth am Schreibtisch
Da hat er gut lachen: Trickfilmzeichner Don Bluth bei der Arbeit an "Charlie – Alle Hunde kommen in den Himmel"
© United Archives/IFTN / Picture Alliance

Aber der heute 80-Jährige ist nicht an all unseren Kindheitstraumata schuld. Da wäre schließlich noch der hochgradig verstörende Kaninchen-Kannibalen-Film "Watership Down" (1978), der mir und meinem gesamten – damals ungefähr siebenjährigen – Freundeskreis gepflegte Albträume bescherte. Wir hatten tatsächlich Mutproben, wer ihn sich zwei Mal ansehen konnte. Witzig ist, dass heute kaum noch jemand die Geschichte des Films nacherzählen kann – aber jeder sich trotzdem lebhaft an ihn erinnert. An das Gefühl, das der Film bei einem verursacht hat.

Ein ganzer Freundeskreis: traumatisiert

"Watership Down" kam aus England und entsprang der Feder eines Mannes namens Martin Rosen. Rosen hat auch den keinesfalls weniger verstörenden Nachfolgefilm zu verantworten: "Die Hunde sind los" (1982). Darin fliehen zwei Hunde aus dem Versuchslabor, töten unterwegs einen Mann, der ihnen helfen will, und ertrinken am Ende im Meer. Das will man seinem Nachwuchs doch direkt in den Videorekorder schieben, nicht?

Die eingangs schon erwähnten Dänen hatten in dieser Periode übrigens mehrere Kinderfilm-Hits. Die kalten, dunklen Winter und das teure Bier erklären da vielleicht einiges. In "Walhalla" von 1986 entführt Germanen-Gott Thor zwei Geschwister, engagiert sie als Sklaven und liefert sich später ein Wett-Trinken mit dem Tod. Spannendes Thema und schön gezeichnet – aber halt so gar nicht der Stoff, den man als Kind a) versteht oder b) so richtig cool findet. Auch ein Film wie "Das letzte Einhorn" (1982), den wir als Erwachsene(!) alljährlich an Weihnachten so gern sehen, ist für ahnungslose Kinder ziemlich düster.

Mein Freund hat sein eigenes Trauma dank eines Films namens "Wenn der Wind weht", den ich (Gott sei Dank?) nie gesehen habe. In dem Zeichentrick von 1986 geht ein altes Ehepaar nach einer Atomexplosion langsam an der radioaktiven Strahlung zugrunde. Klar, nach dem Super-GAU in Tschernobyl waren alle verstört, aber jetzt mal ehrlich. Ein Zeichentrickfilm darüber? Was lief schief bei dir, Filmindustrie?

Nun kann man ja sagen: Wir haben das heil überstanden und sind trotzdem mit einem gewissen Idealismus ins Erwachsenenleben gestartet. Aber wird irgendwer von euch mal guten Gewissens seine Kids vor einen dieser Filme setzen?

Na?


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