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Sommerfestivals in Großbritannien: Briten feiern auch bei Regen

Mit oder ohne Sonnenschein - die Briten lieben ihre Festivals, nicht nur die großen Veranstaltungen mit den großen Namen. Gerade bei Treffen im kleinen Kreis lassen sich junge Talente entdecken. Und der Umtauschkurs des Britischen Pfunds ist gerade besonders günstig.

Von Cornelia Fuchs, London

Ohne Gummistiefel gäbe es die große Renaissance der britischen Festivals nicht, die Veranstaltungen wären in den nassen Sommern der vergangenen beiden Jahre baden gegangen. Doch das Wetter hat die Wellington Boots zum obligatorischen britischen Festival-Accessoire gemacht - in olivgrün oder mit Zebrastreifen, im Burberry-Karo oder mit aufgedruckten Bildern von Steinen, Blättern oder Sternchen.

Es gibt Musik-Fanatiker, die diese Stiefel kaum ausziehen zwischen Mai und September in jedem Jahr. Zwar ist Glastonbury, der Klassiker der britischen Musikveranstaltungen, schon seit Anfang Februar ausgebucht. Aber die wahren Kenner quälen sich nicht durch Menschenmassen, sie vermeiden die legendär furchtbaren Toiletten von Glastonbury und die verzweifelte Suche nach dem eigenen Zelt zwischen hunderttausend aufgebauten Unterkünften.

Bands durch vor dem Durchbruch: Standon Calling

Stattdessen suchen sie sich die kleinen feinen Festivals mit einer besonderen Atmosphäre. "Standon Calling" ist so eine Veranstaltung. Alex Trenchard hat sie aus der Taufe gehoben, und das mehr aus Zufall als aus Geschäftssinn. Vor acht Jahren lud er 30 Leute zu einer Geburtstagsfeier in den Garten des Herrenhauses seiner Familie. Das hatte einen Swimmingpool, und es gab Platz auf den Feldern dahinter. Trenchard bestellte einen DJ, und sie alle kickten ein ganzes Wochenende lang zwischen Tanzeinlagen und Tauchbädern zur Abkühlung mit einer Dose Fußball auf den angrenzenden Wiesen. Es war der Anfang eines neuen Hobbys für Trenchard: Im nächsten Jahr luden seine Freunde selber Freunde ein, und er wurde zum Talentscout für junge Bands, die auf einer kleinen Bühne vor Publikum auftreten wollten.

Heute ist "Standon Calling" ein Geheimtipp der Boutique-Festival-Szene in Großbritannien. An drei Tagen Ende Juli kann man hier Bands hören, die gerade vor dem Durchbruch stehen: Sie spielen schon wie Profis, stehen aber noch mit den Besuchern nach dem Gig unter den drei großen Eichen an der Bar geduldig für ein Glas Bier an. Die Super Furry Animals sind hier schon aufgetreten, und im vergangenen Jahr Glas Vegas.

Trenchard hat ein gutes Gespür dafür, die richtige Atmosphäre zu schaffen zwischen Haus-Party und Gruppen-Ekstase. In einem kleinen Zelt lässt er akustische Gitarren spielen und Gedichte verlesen. Vor der großen Bühne können tausende Besucher tanzen oder sich auf Strohballen fläzen. Es gibt ein Kostüm-Motto, Besucher verkleideten sich für den "Japan"-Tag im vergangenen Jahr als Sumo-Ringer, Wasabi-Erbsen oder Super Marios, japanischer Tee wurde nach traditioneller Zeremonie ausgeschenkt, und es gab Sushi- und Karaoke-Stände. Wer auf Japan trotz aller Anreize keine Lust hatte, für den gab es eine House-Disco, Unterwasser-Musik im Swimmingpool und Wortkünstler aus der Karibik, ganz ohne asiatische Anklänge.

Houseparty im Pferdestall

Nichts muss, alles kann - das ist das Motto der kleinen Festivals. Sein eigenes Zelt kann natürlich jeder mitbringen, aber viele Organisatoren denken auch an die älteren Besucher und Familien, die keine Lust mehr auf Isomatten und verdreckte Toiletten haben. "Standon Calling" zum Beispiel bietet zur Miete gemütliche Tipi-Zelte mit Fellbelägen und richtigen Betten und kleine Strandhütten mit iPod-Dock auf dem Nachtisch. In den Toilettenwagen gibt es sogar Lotion für die geplagte Festivalbesucher-Hand. Nur Ohrstöpsel sollte man selber mitbringen, die House-Party geht im zum Tanzsaal umfunktionierten ehemaligen Pferdestall erst so richtig nach Mitternacht los.

Wer Festivals mag, aber genug hat von Pop, Rock, House oder Techno, der sollte sich im Mai an die walisische Grenze nach Hay-on-Wye begeben. Das Dorf ist bekannt für seine große Anzahl von Antiquariaten. Auf dem alten Schloss quellt jedes Zimmer mit Büchern über, jedes zweite Geschäft hat altes Lesematerial zu verkaufen. Es ist kein großer Schritt, diese Bücherstadt einmal im Jahr in den Ort des größten Literaturfestivals in Großbritannien zu verwandeln.

Oper mit Picknick-Pause

In den Zelten des Hay-Festivals vor der kleinen Stadt treffen sich Autoren, Literaturagenten und Politiker, Leseratten und Bibliophile. Es ist eine Buchmesse ohne Verlagsstände, aber mit Bio-Schokoladen-Verkauf und Kinderbetreuung. Es ist für viele Autoren eine der wenigen Gelegenheiten, ihre Leser einmal persönlich kennen zu lernen.

Auf der nächsten Seite: Das Hay-Festival und der Serviceteil mit weiteren Festivals und vielen Links.

Jeder Lesung folgt eine Diskussionsrunde, die Zuhörer können ihre Fragen an die Autoren loswerden. Und in den allermeisten Fällen sind diese Fragen sehr unterhaltsam, pointiert, amüsant. Es macht den Autoren sichtbar Spaß, so mit ihrem Publikum zu kommunizieren, viele sind seit Jahren Stammgäste. Salman Rushdie kam wenige Monate, nachdem der iranische Ayatollah Khomeini die Fatwa gegen ihn aussprach - damals standen an den Ausgängen des Zeltes Sicherheitsbeamte. Der amerikanische Alt-Präsident Jimmy Carter blieb länger als geplant, weil er die Diskussion im vergangenen Jahr so interessant fand.

Während in Hay-on-Wye das Buch gefeiert wird, ist es in Glyndebourne die Oper. Leider sind die Karten für das Opernfestival oft schon Monate vorher ausverkauft. Wer eine Karte ergattert, muss bereit sein, weit über hundert Pfund auszugeben oder durch eine ganze Opernvorstellung zu stehen - es gibt für jede Aufführung auch Stehkarten.

Wer sich jedoch auf Glyndebourne einlassen kann, den erwartet ein völlig anderes Opern-Erlebnis. Die Menschen kommen, um es sich gut gehen zu lassen. In der großzügigen Pause werden Picknicktische aufgebaut und Decken ausgelegt, es werden Champagnerflaschen geöffnet, feine Salate und Sandwiches aufgetischt. Ein bisschen kann sich jeder Festivalbesucher wie ein Lord oder eine Lady fühlen in diesen Stunden - Glyndebourne ist wohl das britischste aller Festivalerlebnisse. Und das bei jedem Wetter weiterhin ganz ohne Gummistiefel.

Festival-Führer
Eine Übersicht über Festivals in Großbritannien gibt es auf der Webseite des britischen Tourismusverbandes, Stichwort "Aktivitäten und Attraktionen", www.visitbritain.de
Musikfestivals werden auf der Webseite www.efestivals.co.uk aufgelistet. Eine kleine Auswahl finden Sie hier:
Standon Calling, www.standon-calling.com
Wann: 31. Juli bis 2. August 2009
Wo: Der Festival-Platz ist keine halbe Stunde vom Flughafen Stansted entfernt, der von Easyjet, Germanwings und Ryanair angeflogen wird.
Wieviel: Die Tickets kosten ab 70 Pfund für Frühbucher, später 89 Pfund, Kinder unter 13 Jahren gratis. Ein Campingplatz ist im Preis inbegriffen. Wer lieber nicht im Zelt schlafen will, kann kleine Strandhäuser (DZ, 350 Pfund) oder Tipis (mit vier, acht oder 12 Schlafplätzen, ab 370 Pfund) mieten.
Warum: Das Festival auf den Feldern vor einem Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert bietet die richtige Mischung aus Gartenparty und Stadion-Atmosphäre. Im Swimmingpool legen DJs Unterwasser-Musik auf. Der Veranstalter hat ein Auge für Newcomer: Glas Vegas und Super Furry Animals spielten hier schon, als noch kaum jemand über sie sprach.
Hay Festival, www.hayfestival.com
Wann: bis zum 31. Mai 2009
Wo: Die Zelte für das Literaturfestival stehen vor den Toren von Hay-on-Wye an der walisischen Grenze, das Dorf ist bekannt für seine Second-Hand-Buchläden. Der nächste Bahnhof liegt in Hereford, von dort starten regelmäßig Shuttlebusse zum Festival. Züge fahren von London Paddington oder Birmingham nach Hereford, link adr="http://www.nationalrail.co.uk">www.nationalrail.co.uk. Da viele Bed&Breakfasts in kleinen Dörfern rund um Hay-on-Wye liegen, ist ein Leihwagen zu empfehlen.
Wieviel: Die Eintrittskarten für die Veranstaltungen kosten zwischen fünf und 19 Pfund, einige Lesungen sind gratis. In der Umgebung gibt es viele Bed&Breakfasts, schöne Campingplätze und wenige Hotels. Das Festival vermittelt Unterkünfte nach Wunsch gegen zehn Pfund Vermittlungsgebühr - dieser Service ist sehr zu empfehlen, da vieles schnell ausgebucht ist: 0044-1497-821526; www.hayfestival.com
Warum: Es ist der Traum aller Leseratten: Von Salman Rushdie bis John Irving, von Ian McEwan bis Alan Bennett lesen und diskutieren die Größten und Besten der englisch-sprachigen Literaturwelt, dazu werden Gäste wie Jimmy Carter, Bruno Ganz oder Terry Jones zur Diskussion geladen - ein Festival für den Geist.
Glyndebourne, www.glyndebourne.com
Wann: 21. Mai - 30. August 2009
Wo: Vom Flughafen London Gatwick fährt ein Zug direkt nach Lewes, dort wartet ein Shuttle-Bus eine Stunde vor Beginn der Aufführungen. Züge fahren ebenfalls von Victoria Station in London nach Lewes, www.nationalrail.co.uk Ab zwei Uhr nachmittags sind die Gärten von Glyndebourne für Besucher geöffnet.
Wieviel: Eintrittskarten sind oft schon Wochen vorher ausverkauft, von 50 bis 210 Pfund, Stehplätze ab 10 Pfund. Auf der Webseite kann man sich für eine Warteliste ("returns") registrieren lassen. Das Festival hilft bei der Suche von Unterkünften in der Nähe: www.glyndebourne.com
Warum: Es gibt wohl kaum einen Ort, an dem man Oper in einer solchen Atmosphäre genießen kann: Damen und Herren schreiten in Abendgarderobe in der großzügigen Pause im Garten zum Picknick. Viele Besucher bringen eigene Leckereien mit, vor Ort gibt es Champagner, Pimm's und frische Erdbeeren mit Sahne zu kaufen. Picknick-Körbe können auch vorbestellt werden, pro Person ab 48,60 Pfund, Wein inklusive.
Glastonbury, der Klassiker aller Mega-Musikfestivals, war schon im Februar ausverkauft (www.glastonbury.com, 24.-28. Juni 2009) - doch es gibt zum Glück genug Alternativen:
Rock Ness: Orbital, The Prodigy und Dizzee Rascal rocken am schottischen Loch Ness vom 12. bis 14. Juni, Tagestickets 55 Pfund, Wochenendtickets mit Camping ab 122 Pfund, www.rockness.co.uk
Isle of Wight Festival: Im vergangenen Jahr haben auf der Insel vor Southampton die Sex Pistols, The Police, die Sugababes und Iggy Pop gespielt, 12. bis 14. Juni, Tickets 140 Pfund mit Campingplatz, www.isleofwightfestival.
Wireless Festival: In den Jahren zuvor kamen Jay-Z, Depeche Mode, Massive Attack und die White Stripes in den Londoner Hyde Park, 4. bis 5. Juli, Tagesticket ab 45 Pfund, www.wirelessfestival.co.uk
Beach Break Live: Die Surfstrände von Polzeath in Cornwall sind einen kurzen Fußweg entfernt, es gibt Tanzzelte, mongolische Jurten und Musik von Bands wie The Wombats und Fly, 16. - 19. Juni, www.beachbreaklive.com, Tickets ab 84 Pfund mit Campingplatz

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