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Tschechien: Plätscherndes Vergnügen

Nicht nur die Landschaft ist abwechslungsreich im kleinen Tschechien. Die Wellnessangebote reichen von Thalassotherapie bis zu Steinmassagen.

Der Körper umspült von warmem Wasser, die Haut geneckt von prickelnden Bläschen, dazu der Geruch nach Eisen und etwas Schwefel - es fühlt sich an, als läge man in einer warmen Sprudelwasserflasche. Verblüffend die Wirkung, wenn der Entspannungssuchende nach dem Bad in warme Decken gewickelt ruht: In Armen und Beinen perlt es, der Kopf ist klar wie nach einem Sturm am Meer. Dabei ist man nur gerade einer Badewanne entstiegen - einer original royalen allerdings: Sie steht im Kur- und Spa-Hotel "Nové Láznùe" in Marienbad (Mariánské Láznùe), und zwar in der "Königskabine", die eigens für den englischen König Edward VII. opulent mit orientalischen Kacheln und Gemälden ausgestattet wurde. Mehr noch als die ebenfalls mit Bädern gesegneten Nachbarländer ist Tschechien ein traditionsreiches Kurland. Wer reich und wichtig war, besuchte im 19. und frühen 20. Jahrhundert die westböhmische Bäderregion mit den zahlreichen Heilquellen. Edward VII. kam mit Übergewicht. Friedrich Schiller als Rekonvaleszent nach einer schweren Krankheit. Und viele andere reisten allein deshalb her, um in den Kolonnaden oder in einem der unzähligen Prachthotels womöglich Gästen wie Sigmund Freud oder Richard Wagner zu begegnen. Das "Nové Láznùe" kombiniert heute Tradition mit zeitgemäßer Wellness. Das renovierte Römberbad glänzt mit roten Marmorsäulen und hellen, bemalten Deckengewölben. Ein moderner Saunabereich wurde eingerichtet, die 100 Jahre alten Bodenkacheln wurden restauriert. Im Ruheraum stehen elegante Lederliegen. Nicht weit vom "Nove Láznùe" maskiert sich das wohl modernste Wellnesshotel Tschechiens mit Jugendstilfassade. Im Untergeschoss rauscht und spritzt es hinter mattgrünen Glastüren. "Sprudel- und Perlbäder - die fortgeschrittene Variante des Whirlpools", sagt Sven Huckenbeck, Spa-Manager im Falkensteiner Grand Spa Hotel. Wer mag, lässt sich die Bäder mit Lavendel oder anderen duftenden Ölen anreichern oder probiert Unterwasser-massagen mit Hunderten von Luftdüsen und bunten Lichteffekten.

"Solche Anwendungen sind das Besondere in Marienbad", sagt Huckenbeck, ein 42-jähriger Sportwissenschaftler aus Westfalen, der seit einem halben Jahr in der alten Kurstadt lebt. Shiatsu- und Aromamassagen, Beauty-Behandlungen oder Personal-Training ergänzen die böhmischen Wellnessklassiker. Auch das Falkensteiner Grand Spa hat eine Marienbader Geschichte: Johann Strauß soll im Vorgänger-Hotel seinen Donauwalzer komponiert haben. In sozialistischen Zeiten analysierten Wissenschaftler hier das Wasser der Heilquellen und entwickelten neue Behandlungsverfahren. Zehn Jahre lang stand das Haus nach der Wende leer - bis der Münchner Architekt Helmut Vorreiter kam. Seit dem Sommer 2004 leuchtet das Hotel nun in kühlem Marmor, Kristall und Gold. Was ihn an Marienbad fasziniere, sagt Spa-Manager Huckenbeck, sei die Vielfalt, aus der man zur Entspannung schöpfen könne: alt und neu, Medizin und Lifestyle. Warum nicht den jährlichen Checkup beim Hotelarzt machen? Oder vor dem Mountainbiking im nahen Kaiserwald die Laktatwerte überprüfen? "Medical Wellness" nennt Hoteldirektor Anton Albrecher solche Angebote - für Menschen, die nicht nur Wohlbefinden erleben, sondern etwas für ihre Gesundheit tun wollen. Marienbad sei längst kein reiner Kurort mehr: "Es kommen immer mehr junge Leute." "Das ist auch hier so", sagt Jindrich Šamulka, Barman des Design-Restaurants "XXXLong" im etwa 50 Kilometer entfernten Karlsbad (Karlovy Vary). Entworfen wurde es vom italienischen Modedesigner Pier Francesco Cravel. Am "Sprudel", der ältesten Quelle der Stadt, staunen Kinder über die Dampfschwaden. Mit puffenden Geräuschen werden wie bei einem Geysir jede Minute 2000 Liter Wasser, 72 Grad heiß, in die Luft gestoßen. Kurgäste füllen das Quellwasser in Kunstoffflaschen ab und nippen an einer der hier üblichen weiß- oder rosa-goldenen Schnabeltassen.

Schräg gegenüber im Schlossbad Spa und Wellness Center (Zámecké Láznùe), schwappt das Thermalwasser im Pool, atmen Erholungssuchende reinen Sauerstoff. 2001 wurde das Bad neu errichtet - und direkt an den Karlsbader Talkessel geklebt. Grottenähnlich ragt der Felsen aus der Wand, ein japanisches Akkupressurbassin und ein Kneippbecken kuscheln sich in die Felsmulden. Hier gibt man sich exklusiv: An der Rezeption hängen Fotos mit Autogrammen von Prominenten, die schon hier waren. Hollywoodstar Morgan Freeman zum Beispiel, und Elijah Wood, der im "Herrn der Ringe" den Frodo spielte. Ob die sich unter die Schottischen Duschen getraut haben? "Das sind heiße und kalte Wechselgüsse", erklärt Rezeptionistin Svetlana die eigenwillige Prozedur: Vor einer Wand stehend wird man vom Behandler mit warmen und kalten Wasserstrahlen abgebraust, die aus zwei Meter entfernten Düsenanlagen fauchen. Klingt ein bisschen wie Folter, soll aber anregend sein. Und was, wenn man irgendwann ganz eingeschrumpelt ist von all dem böhmischen Heilwasser? Raus in die böhmischen Wälder! Im Winter gibt es rund um Marienbad 50 Kilometer gespurter Loipe und beleuchtete Abfahrtspisten. Ansonsten lockt ein 1905 eröffneter Golfplatz. Und wer es richtig mondän mag, der geht auf die Jagd. In der gerade renovierten VIP-Suite im Hotel Nové Láznùe steht, mit grünem Samt ausgeschlagen, extra ein Schrank für die Waffen der Herrschaften bereit.

Eva-Maria Schnurr / print

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