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Wes Anderson im Interview: "Die Deutsche Bahn hat die besten Schlafwagen"

Seinen neuen Film "Grand Budapest Hotel" drehte er in Görlitz. Im stern.de-Interview spricht Wes Anderson über seine Vorliebe fürs Zugfahren - und verrät, was er an der Deutschen Bahn schätzt.

Wes Anderson bei der Berlinale-Pressekonferenz zu seinem Film "Grand Budapest Hotel"

Wes Anderson bei der Berlinale-Pressekonferenz zu seinem Film "Grand Budapest Hotel"

Wes Anderson: Ein Kassetten-Aufnahmegerät, wie nett. Wie alt ist das denn? 20 Jahre?
Noch ein bisschen drüber. Könnte glatt aus einem Ihrer Filme stammen.
Durchaus, ja.

Mr. Anderson, die Vorbereitung eines neuen Films muss sich für Sie wie eine Schatzsuche anfühlen, oder?


Ja, das ist wie eine Expedition, all diese Ideen, Gegenstände und Referenzen zusammenzutragen. Das macht großen Spaß. Weil es nicht darum geht, konkrete Probleme zu lösen wie später beim Drehen, sondern die Welt zu erschaffen, in der die Geschichte spielt.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?


Für "Grand Budapest Hotel" fing das mit Recherchen in der Kongressbibliothek an. Die haben eine riesige Sammlung alter Fotos vom Europa der 20er und 30er Jahre. Leider existieren viele Hotels auf den Bildern aber nicht mehr oder wurden renoviert. Wir reisten nach Wien, Budapest, sowie Karlovy Vavry und Marienbad in Tschechien, sammelten Eindrücke, machten Fotos. Als Fremde lernten wir einiges über diesen Teil der Welt. Auch in Deutschland waren wir viel unterwegs. Wir haben versucht herauszufinden, wo unser Film spielen könnte. Und irgendwann wussten wir, dass es auf Deutschland hinauslaufen würde. Wir haben uns wie immer auch alte Filme angesehen, "Menschen im Hotel" aus dem Jahre 1932 zum Beispiel, oder Klassiker von Ernst Lubitsch.

Kinotrailer: "The Grand Budapest Hotel"

Gedreht haben Sie dann vorwiegend in Görlitz.
Ja, eine bezaubernde Stadt mit viel alter, architektonisch vielfältiger Bausubstanz, mit Handwerksbetrieben und Künstlern, von denen einige auch an der Ausstattung unseres Films mitgewirkt haben. Und mit diesem wunderbaren, leerstehenden Jugendstilkaufhaus hatten wir dann auch unser Hotel gefunden und renovierten es nach unseren Vorstellungen.

Warum ist es ausgerechnet rosa und liegt auf einem Berg?


Das Grand Budapest Hotel kombiniert Details unterschiedlicher Hotels. Der Schriftzug etwa ist von einem Hotel in Prag inspiriert. Vorbilder waren auch das Grandhotel Pupp in Karlory Vary und vor allem das Bristol Palace, das dort auf einem Hügel liegt - und rosa ist.

Waren Sie immer schon so akribisch und detailversessen?


Nein, so richtig angefangen hat das erst mit "Die Royal Tenenbaums". Meine beiden ersten Filme "Bottle Rocket" und "Rushmore" waren bei weitem nicht so aufwändig ausgestattet, komplex und durchkomponiert. Hier aber war jede Kleinigkeit ungeheuer wichtig. Das wurde richtig obsessiv.

Kann es vorkommen, dass Sie sich darin verlieren?


Nein, da bin ich ziemlich strukturiert. Vieles entscheide ich allerdings ganz unbewusst. Warum zum Beispiel tragen Ben Stiller und seine Söhne in "Die Royal Tenenbaums" ausgerechnet rote Trainingsanzüge?

Verraten Sie es uns.


Sie werden lachen, ich weiß es nicht genau. Aber ich kann Ihnen eine Theorie anbieten: Ich denke, der von Ben Stiller gespielte Vater ist sehr um die Sicherheit seiner Söhne besorgt. Seine Frau ist bei einem Unfall ums Leben gekommen, woraufhin er einen Nervenzusammenbruch erlitt. Nun hat er irrsinnige Angst, dass seinen Jungs etwas passieren könnte. Wenn alle drei nun diesen roten Trainingsanzug tragen, können sie ihn auf der Straße sehen und er sie.

Leuchtet ein.


Ja, aber ich wette, dass Ihnen zwanzig andere Leute zwanzig andere Erklärungen geben würden. Für mich ist immer nur eine Frage wichtig: Wie kann ich eine Szene so ausstatten und gestalten, dass sie atmosphärisch und emotional stimmig ist oder etwas über eine Figur erzählt, das uns überrascht?

Sie sagten mal: Ich verbringe sehr viel Zeit damit, meinen Film immer noch etwas besser zu machen. Kann das für einen Perfektionisten wie Sie nicht zum Fluch werden? Dieses Gefühl, es hätte immer noch etwas besser gemacht werden können?


Nein, das quält mich überhaupt nicht. Wenn ich mir einen meinen älteren Filme anschaue, entdecke ich schon Dinge, die ich heute wohl anders machen würde. Grundsätzlich aber ist die Version auf der Leinwand schon die Vision, die ich im Kopf hatte.

Wie schwer fällt es Ihnen Kontrolle abzugeben?


In diesen Kategorien denke und arbeite ich nicht. Normalerweise sage ich: Hilf mir! Ich habe nie erlebt, dass einer eigenmächtig irgendwo das Kommando übernehmen wollte. Ohne meine Mitarbeiter, die ich ja auch schon jahrelang kenne, kann ich meine Vorstellungen nicht umsetzen. Ich brauche ihre Ideen.

Sind Sie als Privatmensch auch so penibel wie als Regisseur?


Ich selbst sehe mich gar nicht als Pedant. Aber wenn Sie andere fragen, dürfte die Antwort wohl meistens "Ja" lauten.

Bewahren Sie Requisiten aus Ihren Filmen auf?


Ja, seit "Rushmore". Wer weiß, ob ich etwas davon mal wieder gebrauchen kann. Die Sachen sind in einem großen Lager verstaut.

Wie muss man es sich bei Ihnen zu Hause vorstellen? Sieht es da so ähnlich aus wie in Ihren Filmen?


Nicht im Entferntesten. Mein Apartment in New York ist ein großes Loft, ziemlich leer, sehr schlicht und keine Farben.

Stimmt es eigentlich, dass Sie erstmals im Jahre 2001 die USA verlassen haben, um die "Die Royal Tenenbaums" auf Festivals zu präsentieren?


Nein, ich war schon vorher in Europa. Da muss ich 24 gewesen sein. Ich erinnere mich noch, wie ich durch die Straßen von Paris lief, nach oben zu den Häuserfenstern schaute und mich fragte, wie es wohl wäre hier zu leben. In den letzten Jahren habe ich dort sehr viel Zeit verbracht.

Sie lieben es zu reisen. Sie leben aktuell in Paris, vorher unter anderem in der Toskana, London und Indien.


Ich mag Städte grundsätzlich gerne, und jede hat ihren ganz eigenen Reiz. Als wir "Die Tiefseetaucher" in Rom drehten, war ich begeistert, wie herzlich wir überall willkommen geheißen wurden. Auch der Lebensstil dort ist großartig. Paris wiederum ist ein sehr dramatischer Ort. Atemberaubend, vor allem wenn man nachts die Seine überquert. London ist ein guter Platz zum arbeiten, hat eine große Energie und viele tolle Theater. Durch die Arbeit an "Grand Budapest Hotel" habe ich auch Berlin besser kennengelernt. Früher fragte ich mich immer, warum alle meinen, diese Stadt sei wunderbar, wenn man als Künstler dort leben will. So langsam verstehe ich das.

Wir haben gelesen, dass Sie öfter in Deutschland sind.


Stimmt, das ging so vor sechs oder acht Jahren los. Ich bin vor allem viel in München.

Warum das?


Ich liebe es, mit dem Zug zu fahren, und München ist das heimliche Zentrum der Deutschen Bahn. Von dort kann man überall hin in Europa fahren. Wenn ich mal wieder unterwegs bin, verbringe ich immer ein paar Tage dort.

Was ist so schön daran, mit dem Zug zu reisen?


Es ist eine romantische Art zu reisen. Du sitzt in deinem Abteil, hast deine Privatsphäre, kannst aufstehen und herumlaufen, in den Bistrowagen gehen. Wenn der Zug anhält, kannst du dir auf dem Bahnsteig kurz die Beine vertreten. Dann erklingt die Pfeife, und weiter geht’s. Früher muss das noch viel schöner gewesen sein. Es war entschleunigter, genussvoller. Es gab mehr Züge und sie hatten immer ein Restaurant oder eine Bar, wo du auf der Couch sitzen konntest.

Heute ist das ja eher eine schmucklose Angelegenheit.


Das stimmt, aber ich liebe es trotzdem. In Amerika ist es schwieriger, mit dem Zug zu reisen. Die Entfernungen sind größer, und sie haben dort auch nicht die Effizienz. Auf dem Gebiet liegt Deutschland weit vorne.

Das sehen viele Deutsche anders. Sie fluchen oft über Verspätungen und schlechten Service.


Wirklich? Also, ich finde, dass die Deutsche Bahn die besten Schlafwagen hat.

Gut, gekauft.


Und das beste Schienennetz. In Frankreich zum Beispiel ist das Schnellzug-System TGV zwar sehr gut, aber du kommst nicht mit Regionalzügen in jeden kleinen Ort. Hier fährst du von Berlin nach Cottbus, steigst um in einen kleinen Zug mit zwei Waggons, fast schon wie eine Straßenbahn, und der bringt dich direkt nach Görlitz. Und das jede Stunde. Großartig!

Interview: Bernd Teichmann