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GOETHE-SERIE VI: Der alte Mann und das Heer der Fans

Goethe ist nun ein Gott, dem Opfergaben gereicht werden: Münzen, Kaviar und Mädchenherzen. Sein Geist pendelt von Griechenland zum Morgenland, zum östlichen Diwan.

Goethe ist nun ein Gott, dem Opfergaben gereicht werden: Münzen, Kaviar und Mädchenherzen. Sein Geist pendelt von Griechenland zum Morgenland, zum östlichen Diwan. Dann ist der Riese von Weimar allein mit Faust, Eckermann und einer lauten Familie - bis zum bitteren Ende

Ein Geschrei bricht los. Christiane von Goethe brüllt. Bettine von Arnim keift zurück. Die Damen geraten sich in die Haare. Frisuren lösen sich. Eine Brille fliegt durch die Luft. Dann rauscht Goethes Frau empört und gerupft aus der Zeichenschule, und Achim von Arnims Frau tastet heulend nach ihrer Brille. Die Besucher laufen zu ihr. Was um Himmels willen ist passiert, Bettine? Sie schreit hysterisch: Eine tollgewordene Blutwurst hat mich gebissen.

Der Klatsch flutet nur so durch Weimar. Die ganze Stadt ist in Aufruhr, schreibt Schillers Witwe. Und der Märchenerzähler Wilhelm Grimm wettert: Die Vulpius ist eine gemeine Person. Frau von Arnim hat ihr eine Ehre angetan, dass sie überhaupt mit ihr gesprochen!

Was war passiert? In der Weimarer Zeichenschule ist eine Ausstellung eröffnet worden. Klassische Kunst. So ganz olympisch in Goethes Sinne. Die junge Erzromantikerin Bettine scheint das ziemlich abstrus zu finden. Wird wohl in Christianes Gegenwart abfällige Bemerkungen gemacht haben. Und dann gibt ein Wort das andere. Und es fällt wohl die Behauptung, Christiane treibe Hurerey mit Schauspielern. Da fliegt dann die Brille.

Christiane berichtet Goethe, was vorgefallen. Und der verbietet Bettine für alle Zukunft sein Haus. Das sitzt! Denn Bettine von Arnim ist doch - und das schon, als sie noch unverheiratet ist und Brentano heißt - also Bettine ist schwer verliebt in den Riesen von Weimar.

Was hat sie nicht alles angestellt, um an ihn ranzukommen. Hat sogar seine Mutter in Frankfurt ausgequetscht. Und die hat ihr alles über den Hätschelhans erzählt. Alles über dessen frühe Jahre. Goethe hat sich das von ihr wieder erzählen lassen. Er wird es gut gebrauchen können für die ersten Kapitel von 'Dichtung und Wahrheit'.

Ja, und dann hat die Nervensäge eines Tages am Frauenplan angeklingelt. Duzt den Dichter auch gleich und spielt das hilflose Kind. Dabei ist sie 22, die üppige Kleine mit dem wogenden Busen. Sie schäkert rum mit ihm, babbelt tiefstes Hessisch, setzt sich zu ihm auf die Stuhllehne, will natürlich auf den Schoß ihres Abgotts. Und schwupps, ist sie drauf.

Und Briefe schreibt sie. 'Briefwechsel Goethes mit einem Kinde', unter diesem Titel wird sie die Korrespondenz einmal veröffentlichen. Und Goethes Frau Christiane liest in einem dieser Elaborate, wie Bettine sich zu Goethes Frau macht. Und den kleinen August nennt sie ungeniert unseren Sohn! Und den habe sie dreimal auf den Mund geküßt und dabei an Goethe gedacht. Und ihrem Freund Tieck gesteht Bettine: Weischt du, Tieck, vom Goethe muß ich um jeden Preis ein Kind haben - das muß ein Halbgott werden!

Sie träumt sich in seine Arme, webt Legenden und schreibt von einem heimlichen Besuch Goethes im Gasthof 'Zum weißen Elephanten'. Drei Treppen sei er zu seinem HurliGurli-Wesen hochgeschlichen, habe es schlafend auf dem Sofa gefunden und es mit eingeschlungen in seinen dunklen Mantel.

Nun hat Goethe der leidigen Bremse das Haus verboten. Er lässt es nicht zu, dass seine Frau beschimpft wird. Als er die Arnims kurz darauf in den böhmischen Bädern trifft, meidet er sie und schreibt an Christiane: Ich bin froh, daß ich die Tollhäusler los bin.

Karlsbad ist damals die Perle. Goethe fährt seit vielen Jahren hin. Ist auch in Franzensbad, in Marienbad und Teplitz. Immer wieder kuriert er seine Nierenkoliken aus oder tut was gegen seinen Rheumatismus.

Was tut er noch so in Karlsbad? Er promeniert. Steigt auf nahe gelegene Berge, hackt mit seinem kleinen Geologenhammer, dem alten Merlin, dem Zauberer, Stückchen ab, sammelt die Gesteinsproben, macht Konversation und Politik und trinkt das fast 70 Grad heiße Wasser, das so schlecht schmeckt und so gesund ist für die Verdauung.

Jeder kennt natürlich jeden in der feinen geschlossenen Gesellschaft von Königen, Diplomaten, Töchtern und Intellektuellen. Und jeder klatscht und tratscht. Goethe ebenso. Er spielt auch Karten mit den Damen. Manchmal hält er Diät. Meist genießt er das satte böhmische Essen mit Enten und Knödeln und Schweinebauch. Und Champagner trinkt er und den schweren Roten in großen Flaschen. Reichlich. Also Karlsbad, das heißt: Vom Granit durch die ganze Schöpfung durch, bis zu den Weibern.

Und den Majestäten. Der Ort ist voll davon. Fast alle Morgen, schreibt er an Christiane, habe ich das Glück gehabt der Kaiserin vorzulesen. Er rückt auch ein kleines Lustspiel Ihrer Majestät zurecht. Er soll die Hauptrolle darin spielen. Er kauft sich eine Allongeperücke, fängt auch schon an, den Text zu lernen und wird dann, gottlob, krank, bevor er sich lächerlich macht.

Im Tagebuch notiert er: Um 11 Uhr zu Graf Stolberg. Oder: Nach Tisch bei Frau von Recke. Oder: Abends bei Prinz Friedrich. Oder: Nach sieben Uhr kamen die Majestäten die alte Prager Straße herein. Beethoven, der damals zur Erholung in Karlsbad ist, schreibt: Goethe behagt die Hofluft sehr. Mehr als einem Dichter ziemt. Aber dem Dichter geht es gut. Und nach Wochen glättet sich langsam der schwammige Bauch, Tränensäcke schwellen ab, er kriegt Farbe, und immer mal wieder fällt ihm ein entzündeter Zahn raus, was dem Rheuma wohl bekommt.

Also Goethe verjüngt sich in den Bädern zu jenem schönen Herrn der späten Jahre. Verjüngt sich wie sein Faust in der Hexenküche. Und wenn er auch nicht mit dem Karlsbader Trank im Leibe bald Helenen in jedem Weibe sieht, so flirtet er doch heftig herum.

Mal mit Silvie von Ziegesar, Tochter, Freundin, Liebchen, wie er sie im Poem nennt, oder mit den hübschen Berliner Jüdinnen, Töchter des reichen Kaufmanns Meyer, die ihn mit griechischen Münzen, Schokolade und Kaviar füttern. Sehr galant scheint Goethe nicht gewesen zu sein. Sein Ton ist nicht fein, und an zarter Grazie fehlts ihm überhaupt, klagt eine Verehrerin.

Aber den jüdischen Intellektuellen wie Marianne Meyer, Henriette Herz oder Rahel Varnhagen geht es bei Goethe um etwas anderes. Die jungen Damen sind sein gescheitestes Publikum. Sie lassen sich in den Bädern von ihm vorlesen und diskutieren mit ihm. Zurück in Paris, in London, Wien und Berlin vermarkten sie ihn in Vorträgen und Briefen. Bringen ihren Meister sozusagen in großstädtischen Umlauf, machen ihn zur Nummer eins in Europa, zum Patriarchen der Poesie.

Inzwischen wälzt sich Napoleons Schlachtwalze aus französischen, spanischen, italienischen, preußischen und bayrischen Heeren bis nach Moskau vor. Als die russische Hauptstadt brennt, schreibt Goethe: Das Moskau verbrannt ist, tut mir garnichts. Die Weltgeschichte will auch was zu erzählen haben.

Des Korsen Stern sinkt. Und Goethe will es nicht wahrhaben. Er wettet mit einem Weimarer Beamten, dass Napoleon wieder siegen wird. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig löst Goethe die Wette mit Rheinwein ein.

Die Rheinbundfürsten fallen ab von Napoleon, auch, um ihre Kronen zu retten. Vermögen werden in Sicherheit gebracht, Schätze versteckt, das Länderschachern beginnt, und der deutsche Michel bestellt sich wieder eine Bratwurst und wischt sich den fettigen Mund ab. Nein, Goethe hat nichts gegen Vaterlandsideen. Aber ich habe oft einen bitteren Schmerz empfunden bei dem Gedanken an das deutsche Volk, schreibt er, das so achtbar im einzelnen und so miserabel im ganzen ist.

Weimar, Jena, Karlsbad. In diesem Triangel lebt er nun schon wieder viel zu lange. Er muss raus, muss weg aus der Enge, weg von den zugeschnürten Seelen. Sein Geist sehnt sich nach Osten, nach einer Wüste, durch die er reiten möchte, über meiner Mütze nur die Sterne.

Die ungewöhnliche Lust kommt mit dem persischen Dichter Hafis, den der 65-jährige Goethe liest. Was sind das bloß für betörende Liebesgeschichten zwischen Rosen und Nachtigallen. Und Jussuph war vor Suleika geflohen. Wie schön. Kennt er doch von sich. Begehren und fliehen. Ach, er sehnt sich nach Suleika.

Also auf zu den Kameltreibern. Die Götter Griechenlands sollen sich mal für eine Weile schlafen legen, Zeus und Hera. Auch sie stehen schon zu lange stumm bei ihm am Frauenplan herum.

Er muss ganz zurück an den Anfang, hinein in Urzeiten, in biblische Gefilde, denn Jussuph und Suleika sind doch nichts anderes als Joseph und Potifars Weib. So sollst du, muntrer Greis / Dich nicht betrüben, / Sind gleich die Haare weiß, / Doch wirst du lieben.

Er wird. Aber nicht unter östlichen Sternen in der Wüste, sondern unter westlichem Vollmond in der Gerbermühle bei Frankfurt. Es ist mal wieder eine Flucht. Auch eine Flucht in ganz neue, herrliche Verse. Es ist der Beginn seines West-östlichen Diwans.

Und Goethe sieht nun richtig gut aus. Braungebrannt, vollschlank, das weiße Haar sorgfältig gelockt, die schönen Augen - von allen Zeitgenossen gepriesen - orientalisch braun. Die Sonne scheint, die Luft ist warm, seine bequeme Kutsche rollt ihn durch den Sommer, Suleika entgegen.

Suleika heißt Marianne und lebt schon 14 Jahre in wilder Ehe mit Geheimrat Willemer, den Goethe lange kennt und bei dem er sich angemeldet hat. Willemer ist 54, Senator, Bankier, Finanzagent der preußischen Regierung und Witwer schon zum zweiten Mal.

Marianne ist etwa 30, man weiß das nicht so genau, sie kommt aus Österreich, ziemlich unsichere Herkunft. Goethe ist entzückt von diesem heiteren, rundlichen Krauskopf. Welch eine Natürlichkeit, welch ein Charme. Und welche Begabung. Er dichtet sie an, sie dichtet zurück. Spielerisch, spielend. Findet Verse, die er in seine Verse einflicht. Das hat es noch nicht gegeben. Eine Partnerin. Eine, die durch sein Genie in poetische Höhen steigt. Goethe fängt Feuer in diesem Sommer 1814. Er wird wiederkommen.

Zu dieser Zeit tanzt in Wien unter Anleitung des Fürsten Metternich der Kongress. Napoleon, glaubt man, sei sicher auf Elba. Und so werden denn seine erbeuteten Länder zwischen Walzer und Champagner verschoben, verschenkt und verschachert.

Goethe sitzt derweil wieder in Weimar und schreibt am Buch Suleika. Sich selbst gibt er darin den persischen Namen Hatem. Und mitten im Dichten kommt der Entsetzensschrei: Napoleon ist in Frankreich gelandet. Er marschiert nach Paris. Wieder ist Krieg: Schlacht bei Tolentino, bei Ligny, bei Quatre Bras. Erst bei Waterloo flieht Napoleon ohne Hut und Degen.

Und Goethe? Fährt auf Flügeln der Liebe durch die marschierenden Kolonnen in Richtung Suleika. Ist wieder Gast bei Geheimrat Willemer, der Marianne inzwischen geheiratet hat. Die beiden erfinden aus persischen Wörtern einen Geheimcode, mit dem sie sich auch bei Tisch verständigen.

Bei Tisch trägt Goethe Frack und Orden. Am Abend ist er dann ganz ungezwungen im Hause Willemer. Dann zieht er seinen weißen Prophetenmantel aus Flanell an. Marianne hat ihrem Meister türkische Pantoffeln dazu gestickt. Und sie drapiert Sultan Goethe einen Turban um den Kopf. Aber selten sind die zwei allein.

Bei Spaziergängen stecken sie sich Zettel zu mit Zahlen. Es sind Seiten-, Vers- und Absatzzahlen aus Hafis Liebesgedichten. Zu Hause blättern sie dann nach, wie weit ihre Liebe heute ging.

Und in Gesellschaft singt Marianne Goethes indische Legende 'Der Gott und die Bajadere'. Und er küßt die bunten Wangen, / Und sie fühlt der Liebe Qual, / Und das Mädchen steht gefangen, / Und sie weint zum ersten Mal.

Freund Willemer überlässt Goethe seine Stadtwohnung. Von dort gehen Briefe hin und her, Verse, Liebessehnen, Fragen vom Gott, Antworten von der Bajadere Marianne: Meine Ruh, mein reiches Leben / geb ich freudig, nimm es hin ...

Sechs Wochen dauert das Glück zwischen der 31-Jährigen und dem 66-Jährigen. Goethe wird nie wieder ein solches Erlebnis haben: Leidenschaft und Begabung, Eros und Geist. Er wird Mariannes Gedichte in seinen West-östlichen Diwan weben. Und beide werden verschweigen, welche es sind. Und Goethe, der Symbole liebt, wird ihr Verhältnis durch ein Blatt verklären, das Doppelblatt des sagenumwobenen Ginkgobiloba-Baums.

Der letzte Abend bei Vollmond. Marianne singt Mozarts Arie: Gib mir die Hand, mein Leben. Goethe nennt sie: mein kleiner Don Juan. Der trägt einen orientalischen Schal zum Turban gebunden. Ein Geschenk von Goethe. Und Goethe liest Gedichte, und Geheimrat Willemer schläft dabei ein.

Goethe und Marianne versprechen, bei Vollmond aneinander zu denken. Tiefbewegt nehmen sie Abschied. Marianne ist Suleika ist der Diwan ist das Erlebnis, das ihn für Jahre mit Dichtstoff füllen wird. Ihr Abschiedsgeschenk ist ein Poem: Euch im Vollmond zu begrüßen / Habt ihr heilig angelobet.

Christiane wartet in Weimar seit Wochen auf Post von Goethe. Sie feiert ihren 50. Geburtstag ohne ihn. Er schweigt. Sie erfährt aus Zeitungen, wo er gerade ist. Das hat es noch nicht gegeben im Zusammenleben der zwei. Sie schreibt in ihrem letzten Brief: Nun lebe wohl und glücklich, da bin ich zufrieden ...

Neun Monate später wird Christiane sterben. Sie ist schwer und unansehnlich geworden, und seit Jahren ist sie krank. Hat Schlaganfälle hinter sich, Ohnmachten und Nierenkoliken.

Ein düsterer Goethe kehrt nun nach Weimar zurück. Er schickt Christiane für ein paar Wochen nach Jena. Soll sie dort gesund werden. Er kann Leidende nicht um sich haben. Er sagt, er wird solche hässlichen Eindrücke nicht wieder los.

Als Christiane im Sterben liegt, stürzt Goethe sich in Arbeit. Lenkt sich ab. Arbeitet an den Diwangedichten. Macht chemische Versuche mit Pflanzen. Und als er die Todesschreie seiner Frau hört, tritt er den Rückzug ins Bett an. Er wird krank. Plötzlicher heftiger Fieberanfall, notiert er im Tagebuch.

Vor dem Haus am Frauenplan liegen in den nächsten Tagen offizielle Bulletins aus. Für Freunde und Neugierige: Die Frau Geheimrätin befindet sich in gefährlichem Zustande ... Der Herr Staats-Minister ... hat diese Nacht wohl geschlafen, und gut transpiriert, heißt es am 5. Juni 1816.

Am Tag darauf stirbt Christiane von Goethe, ohne dass ihr Mann noch einmal zu ihr gekommen wäre. Der schreibt am Todestag ins Tagebuch: Gut geschlafen und viel besser. Nahes Ende meiner Frau ... sie verschied gegen Mittag. Leere und Totenstille in und außer mir. Ankunft und festlicher Einzug der Prinzessin ... Meine Frau um 12 Uhr Nachts ins Leichenhaus. Ich den ganzen Tag im Bett.

Goethe wird nun alt. Er lebt am Frauenplan mit seinem Sohn August, dessen Frau Ottilie und drei Enkelkindern, die alle versagen werden im Leben. Goethe hatte die Ehe eingefädelt. Sie wird scheitern, wie seine Erziehung des Sohnes gescheitert ist, dessen indolente Sinnlichkeit Goethe immer schrecklich fand.

Jeder lachte doch über August und sein Verhältnis zu einer Soldatenfrau, die Geld von ihm nahm und es ihrem Geliebten gab. Dabei ist August so begabt. Kann wirklich schreiben. Kommt aber gegen den Vater nicht an, der ihn ein Leben lang bevormundet hat. Und so trinkt er und trinkt und trinkt.

Und Ottilie lässt das schöne Haus verludern, wirft mit Geld nur so um sich und wirft sich selbst jungen Besuchern an den Hals. Es wird gezankt, getobt, geschrien und mit den Türen geknallt. Und das alles in der oberen Etage, über Goethes Kopf.

Wenn der Krach zu groß wird, flieht der Dichter schon mal für Wochen ins alte Gartenhaus, um ungestört zu arbeiten. Am Abend leuchtet dann seine Lampe über die Ilmwiesen. Und junge Verehrer gehen auf und ab im Park und warten, bis das Licht verlischt.

Goethe ist der berühmteste Autor in Europa und der bestbezahlte. 26 000 Taler für die Gesamtausgaben, je 2000 für Einzelbände. Und trotzdem bittet Goethe ungeniert um Steuererleichterung. Er sei schließlich eine öffentliche Person, habe viele Ausgaben für Post und Bewirtung. Die Erleichterung wird gewährt. Für 10 000 Taler Einkünfte zahlt er gerade mal 150 Taler Steuern.

Und nun diktiert er sein Alterswerk: 'Dichtung und Wahrheit', 'Kampagne in Frankreich', 'Die italienische Reise'. Er hat ein paar lebende Lexika in seiner nächsten Umgebung: Riemer für die Antike, Meyer für die Kunst, Coudray für die Architektur. Und er hat drei Schreiber, die spuren müssen.

Die Feder darf nicht zu lang und nicht zu kurz geschnitten sein. Die Tinte bitte nicht zu voll eingießen. Kleckse sind unerwünscht. Streusand wird nicht geduldet. Wenn ein Blatt voll ist, hält Goethe es selbst an den Ofen, bis es trocken ist. Dabei brummelt er dann so vor sich hin: Nur still! nur ruhig!

Beim Diktieren trägt Goethe den langen Hausrock, der seine zu kurzen Beine so günstig verdeckt. Er geht beim Reden hin und her, die Hände auf dem Rücken. Also die berühmte Goethe-Haltung. Manchmal bleibt er auch stehen und ordnet mit ausgebreiteten Händen die Figuren in der Luft. Dann sagt er: so recht! ganz recht. Und weiter geht's. Goethe diktiert langsam in die Feder, druckreif, rhythmisch, ohne Korrekturen.

Und Jahr für Jahr erholt er sich in den böhmischen Bädern, seit 1821 im gemütlichen Marienbad. Da trifft er nun Frau von Levetzow wieder, die er 1806 in Karlsbad kennen gelernt. Sie kurt hier mit ihren drei Töchtern: Ulrike, Amalie und Bertha.

Ulrike ist frisch aus Straßburg angereist. Sehr schmal, sehr fein, mit blauen Augen und blondem Haar. Wehmütige Gedanken steigen in Goethe auf. Straßburg, Friederike Brion ... Und Ulrike, das hübsche Kind von 17 Jahren, das nie eine Zeile von Goethe gelesen, plaudert ganz unbefangen daher, sitzt neben dem 72-jährigen Geheimrat auf der Gartenbank vor der Pension und beschwört längst vergessene Träume: Ich ging, du standest und sahst zur Erden, / und sahst mir nach mit nassem Blick ... eine Ewigkeit ist das her.

Aber alt? Ist er denn zu alt? Ziehen nicht morgens schon an seinem Fenster junge Damen vorbei, wenn er noch im Schlafrock ist? Was hatte Napoleons kluge Feindin, Madame de Staßl, einmal zu ihm gesagt: Sie brauchen die Verführung! So ist es. Und weil die kleine Ulrike von selbst nicht darauf kommt, auch nicht im nächsten und übernächsten Jahr, hilft Goethe ein bisschen nach.

Er liest ihr vor, er schaut ihr zu, wenn sie auf Bällen an ihm vorbeiwirbelt, doch, das macht die Kleine stolz. Sie sieht ja, wie alle sich um Goethes Gesellschaft reißen, wenn er tags am Brunnen promeniert.

Sie besucht ihn also auf der Terrasse, sie verjüngt ihn noch einmal, verführt ihn mit Blicken zu einem ganz und gar verrückten Traum: Er will sie heiraten. Doch, das will er. Er geht zu einem Arzt, fragt, ob das in seinem Alter schaden könne. Nein, kann es nicht. Dann der nächste Schritt: Ein Brautwerber muss her, ein herrschaftlicher, der Großherzog Carl August. Der kurt 1823 auch in Marienbad. Der soll für ihn um Ulrikes Hand anhalten.

Der Herzog hält seinen alten Freund für übergeschnappt und lacht ihn aus. Aber Goethe ist nicht zum Lachen zumute. Na gut, dann in Gottes Namen.

Die Witwe von Levetzow ist sprachlos. Was soll sie dazu sagen. Und fragt, was wohl Goethes Familie sagen wird? Der Sohn? Die Schwiegertochter? Der Herzog bietet für Ulrike eine hohe Pension an, falls Goethe, was wohl anzunehmen sei, vor ihr stürbe. Und er würde dem Brautpaar auch ein neues Haus am Schloss spendieren.

Frau von Levetzow ist das ungemein ehrenvoll, wie sie sagt, aber in Wahrheit ist es ihr nur peinlich. Ihre Tochter ist neunzehn. Goethe ist ein Greis. Wenn auch ein ansehnlicher. Also, sie müsse das mit ihrer Tochter bereden, sagt sie, man dürfe da nichts übereilen. Dann packt sie die Koffer und fährt mit den Töchtern erst mal nach Karlsbad.

Es dauert nicht lang, da reist Goethe hinterdrein. Also gut. Sie feiern seinen Geburtstag. Alle drei Levetzow-Töchter tragen kleine Verse vor. Fortgesetzte Lustigkeit, schreibt Goethe im Tagebuch. Dann der Abschied. Ein Küsschen von Ulrike. Und Goethe hofft noch immer.

Natürlich hat sich alles in Weimar rumgesprochen. Wer auch immer geplaudert haben mag, die Witwe, der Herzog, der Arzt. August und Ottilie toben am Frauenplan. Sie sehen ihr Erbe davonfliegen. Sie werden wegziehen, wenn das junge Ding ja sagt. Goethe versteinert.

Das junge Ding sagt nicht ja. Und Goethe, unendlich unglücklich, verzweifelt, enttäuscht, wird mal wieder krank. Mag nicht mehr. Es ist ja doch alles aus. Freund Zelter eilt aus Berlin zu Hilfe. Er klingelt. Niemand macht auf. Er rüttelt an der Tür. Trübe Augen gucken aus einem Fenster. Wohnt hier der Tod? Wo ist der Herr? So beschreibt der resolute Musiker die Szene in seinem Tagebuch. August kommt: Vater ist nicht wohl, krank, recht krank. - Er ist tot! - Nein, nicht tot, aber sehr krank.

Zelter stürmt hoch zum Patienten. Was finde ich? Einen, der aussieht, als hätte er Liebe im Leibe. Er verabreicht dem Hypochonder Naturheilmittel und befehligt ihm, gesund zu werden. Und er wird. Und schreibt die 'Marienbader Elegie', die für den greisen Götterliebling düster endet: Sie drängen mich zum grabeseligen Munde, / Sie trennen mich - und richten mich zu Grunde.

Für die neun Jahre, die ihm noch verbleiben, hat er einen letzten, geradezu genialen Griff getan. Er sucht aus all den vielen jungen Leuten, die sich ihm zur Mitarbeit andienen, mit sicherem Instinkt den richtigen heraus: Johann Peter Eckermann.

Eckermann kommt aus kleinsten Verhältnissen. Der Vater war Hausierer. Der Sohn lernt erst mit 14 Schreiben und Lesen. Er ist dünn und zippelig, ein Schwächling mit eingefallener Brust.

Aber hart im Lernen. Studiert Literatur, paukt Latein, wird Schreiber, fängt an zu dichten. Er bewundert Goethe. Goethe ist sein Genius. Er spielt in einer Polemik die Romantiker gegen seinen Olympier aus. Schickt das Manuskript von Hannover nach Weimar. Der Meister liest. Der Text wirkt. Der Gönner lässt ihn drucken. Der Verfasser darf kommen.

Da steht er nun, der Eckermann. Ist dreißig Jahre und sieht schon ganz zerlebt aus. Steht da, blass und schmal mit glattem Haar und stumpfem Blick vor dem mächtigen Geheimrat. Also mit dieser altdeutschen Haartracht müsse was geschehen. Am besten wohl Locken brennen. Das würde den Anblick schon verbessern. So. Er solle den Winter über mal bleiben.

Er bleibt. Nicht nur den Winter. Und Hannchen, die spillerige Verlobte, muss in Hannover warten. Bis der Alte stirbt. Bis dahin knetet Gott Goethe seinen Eckermann zu einem glänzenden Bearbeiter all seiner Stichworte. Eckermann redigiert und korrigiert, er rekonstruiert und notiert die Gespräche mit Goethe. Er fragt, und der Meister antwortet. Eine neue Form von Dichtung und Wahrheit entsteht.

Nie hat Goethe einen fleißigeren Mitarbeiter gehabt. Er schleppt wie eine Ameise meine einzelnen Gedichte zusammen, schreibt Goethe. Er sammelt, sondert, ordnet ... ihn interessiert, was für mich kein Interesse mehr hat.

Eckermann ist der ideale Diener: intelligent, eitel, demütig und devot. Er muckt nicht auf, obwohl Goethe ihn miserabel bezahlt. Er schmilzt dahin, wenn sein Meister ihm Geheimnisse anvertraut. Den Plan zum 'Faust II'. Oder die 'Marienbader Elegie'. Er darf sie lesen. Kostbarste Geschenke sind das für Eckermann. Und Goethe besorgt ihm einen Doktortitel. Aber der bringt natürlich nichts ein. Ob er denn wenigstens die Gespräche veröffentlichen dürfe? fragt Eckermann. Nein, sagt Goethe. Das sei noch zu früh.

So lebt Eckermann denn immer noch in seiner armseligen Bude in der Stadt. Wenn Goethe den spärlichen Monatslohn zahlt, kauft Eckermann sich Vögel auf dem Markt. Raubvögel. Falken, Sperber, Adler. Alles, was er kriegen kann. Die steckt er in Käfige. 40 Stück stehen am Ende in seiner Kammer.

Das Hauptgeschäft der letzten Jahre ist 'Faust II'. Ein unglaubliches Geflecht vom Himmel bis zur Hölle, vom Hochgebirge bis zum Meer, poetisch, klassisch, ironisch, ewig. Weltliteratur. Ein Begriff, den Goethe selbst geprägt und in Umlauf gebracht hat. Und überall Anspielungen und Denkmäler. Das kostbarste gehört Lord Byron.

Goethe liebt diesen jungen, dämonischen Dichter aus England, der auch ihn verehrt und nach Weimar kommen will, wenn ich je zurückkehren sollte. Er kehrt nicht zurück aus dem griechischen Freiheitskampf. Und so lässt Goethe denn Faust und Helena heiraten und einen Sohn zeugen: Euphorion.

Euphorion ist Lord Byron. Doch! - und ein Flügelpaar / Faltet sich los! /Dorthin! Ich muß! ich muß! / Gönnt mir den Flug! Der schöne Knabe steigt auf in die Lüfte mit strahlendem Haupt und stürzt Ikarus! Ikarus! ab, stürzt tot vor die Füße der Eltern.

Seinen Faust lässt Goethe als Hundertjährigen sterben. Alt und blind und noch immer ruhelos. Er will dem Meer noch Land abtrotzen, Land für Millionen Menschen. Das wär der Augenblick, zu sagen: Verweile doch ... Und so stirbt er denn. Und entgeht doch dem Teufel. Denn Gretchen ist ja oben. Und Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

Für Goethe käme so ein Ende nicht infrage. Ich muß gestehen, sagt er, ich wüßte auch nichts mit der ewigen Seligkeit anzufangen, wenn sie mir nicht neue Aufgaben und Schwierigkeiten zu besiegen böte. Und die Deutschen, sagt er zu Eckermann, seien schon wunderliche Leute, dauernd wollten sie von ihm wissen, welche Idee er mit Faust hatte. Als ob ich das selber wüßte, sagt er und fordert: Habt doch endlich einmal die Courage, euch den Eindrücken hinzugeben, euch ergötzen zu lassen, euch rühren zu lassen, euch erheben, ja auch belehren ... und ermutigen zu lassen!

Weimar wird langsam leer. Wieland ist längst schon tot, Herder auch, Charlotte von Stein stirbt 1827, Großherzog Carl August 1828, zwei Jahre später dessen Frau. Und am 10. November 1830 erhält Goethe die Nachricht, dass sein Sohn, dem er eine Reise nach Italien spendiert, in Rom gestorben sei. Goethe erleidet einen Blutsturz.

Er hat Schlimmeres überstanden. Herzbeutelentzündungen, 1823 sogar einen Herzinfarkt, Gesichtsrose, Krampfhusten mit Erstickungsanfällen, Bronchialkatarre und immer wieder diese schweren Nierenkoliken. 1806 hatte er nach einem solchen Anfall zu einem Freund gesagt: Wenn mir doch der liebe Gott eine von den gesunden Russennieren schenken wollte, die zu Austerlitz gefallen sind!

An seinem letzten Geburtstag, er wird 83, macht Goethe eine letzte kleine Reise nach Ilmenau. Er will noch einmal zum Kickelhahn hoch, wo er vor 52 Jahren stand, über die sanft vernebelten Waldhügel sah und dabei jene unvergleichlichen Verse ersann, die er ins Holz der Hütte geritzt: Über allen Gipfeln / Ist Ruh, / In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch; / Die Vögelein schweigen im Walde. / Warte nur, balde / Ruhest du auch.

Anfang 1832 hat Goethe alles geregelt. Sein Testament gemacht, Abschiedsbriefe geschrieben, Faust II für seinen Verleger verschnürt. Am 15. März lässt er die alte Chaise noch einmal anspannen zu einer kurzen Ausfahrt. Es ist kühl an diesem Morgen, und es weht ein scharfer Wind. Goethe kommt mit einer Erkältung zurück und legt sich ins Bett. Sein Leibarzt wird am nächsten Morgen um acht Uhr früh gerufen, der Hofmedicus Dr. Carl Vogel.

Der Patient fiebert und fröstelt und hustet bei schmerzender Brust. Und seit zwei Tagen kein Stuhlgang. Es geht Goethe miserabel. Er sagt zu Dr. Vogel: Wenn man kein Recht mehr hat zu leben, so muß man sich gefallen lassen, wie man lebt.

Am Abend geht es dann schon besser. Er darf etwas Fisch und Braten essen und ein, zwei Gläser seines Würzburger Tischweins trinken. Am Morgen drauf nimmt er zum Frühstück sogar ein Glas Madeira. Wie immer. Das Übel scheint überstanden. Doch in der Nacht steigt Eiseskälte in ihm auf. Reißende Schmerzen in der Brust. Aber Goethe hofft. Dr. Vogel wird erst am Morgen darauf geholt. Dem bietet sich ein jammervoller Anblick, wie er es später in einer medizinischen Zeitschrift beschreiben wird. Goethe ist in Panik, hat Todesangst, bekommt keine Luft, kann nicht liegen, quält sich aus dem Bett. Alle helfen, der Arzt, die Schwiegertochter Ottilie, Hofarchitekt Coudray ist auch anwesend, Eckermann natürlich und die Diener.

Der Unterleib ist aufgebläht. Goethe stöhnt und schreit vor Schmerzen. Er wankt, wird in den Lehnstuhl gehoben, das Gesicht aschgrau, die Augen tief in den Höhlen, der eiskalte Körper trieft vor Schweiß.

Dr. Vogel gibt Baldrianäther, Kamillen- und Pfefferminztee, legt Meerrettichumschläge auf die Brust und klebt ein Spanisch-Fliegen-Pflaster gegen die Schmerzen.

Zwei Tage später ist der Körper völlig entkräftet. Goethe sitzt im Lehnstuhl neben seinem Bett. Mehr Licht, sagt er am Ende nicht. Er mag nicht mehr reden. Kann auch nicht mehr reden. Er hat einem Diener nur bedeutet die Fensterläden zu öffnen. Dann hat er mit seinen kurzen, so gar nicht eleganten Fingern versucht Wörter zu schreiben. Erst in die Luft, dann kraftlos auf seine Decke. Wörter mit Punkt und Komma. Am Ende steht ein großes W.

Dann werden seine Hände blau. Sein Kopf fällt zur linken Seite des Lehnstuhls, und sein Atem bleibt stehen. Es ist der 22. März, 11 Uhr 30. Ein Frühlingstag.