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Ungarn: Oasen des Ostens

Die Pracht alter Badetempel, dazu die Wohltaten moderner Wellness - alles zu meist kleinen Preisen: die Bäder Budapests.

Manches ist ein bisschen anders in Budapest. Die Briefkästen und Telefonzellen sind rot, das grüne Ampelmännchen läuft von links nach rechts, und selbst vor dem Schwimmen lernt man dazu: Im Széchenyi-Bad gibt es zum Umziehen keinen eigenen Schrankschlüssel; eine Umkleidemeisterin im weißen Kittel und mit rasselndem Schlüsselbund händigt stattdessen eine Metallplakette an einer Schnur aus, mit eingeprägter Nummer. Allerdings ist die Ziffer auf der Plakette nicht die, die außen auf dem Schrank steht. Sie wird vielmehr von der Umkleidemeisterin mit Kreide blitzschnell auf die Innenseite der Spindtür gekritzelt. Man tut gut daran, sich die Spindnummer zu merken. Denn wenn man an seine Sachen will, muss man die Plakette zeigen und die anders lautende Spindnummer parat haben. Sind solche Anfangshürden gemeistert, wird das Baden in der ungarischen Hauptstadt zum Genuss. Denn wie an vielen anderen Orten im Land lockt hier die Pracht traditionsreicher Badetempel neben einem rasch wachsenden Angebot von moderner Wellness - eine Entspannungszeitreise, zu oft günstigen Preisen. So kostet der Tag im Széchenyi-Bad umgerechnet 7,60 Euro, eine halbe Stunde Massage gerade mal 10,80 Euro. Und das in einer neobarocken Kulisse, die an ein Märchenschloss erinnert: gelbe Türme, Giebel und Erker, golden glänzende Geländer und Rundbogenfenster.

Das 1881 im Stadtwäldchen von Budapest eröffnete Széchenyi-Bad ist das liebste Plantschbecken der Hauptstädter. Hier wird im Wasser Schach gespielt und geschwatzt, hierhin kommen längst nicht so viele Touristen wie in die hohen Hallen des berühmten Gellért-Bads in der Innenstadt. Und hier hat man mehr Platz als im Király-Bad. Entspannt kann der Badende, während die Haut langsam schrumpelt, seine Augen an den Kulissen alter Größe weiden. Der Charme des Gestrigen, in inniger Umarmung mit dem Zeitgeist - Station zwei einer Wellnesszeitreise durch Budapest kann nur die Margareteninsel sein. Das rund drei Kilometer lange Eiland ist der wahrscheinlich ruhigste Ort in der Zwei-Millionen-Stadt. Ohne Autos, dafür mit einem langen, Platanen-beschatteten Joggingpfad. Auf der Insel thronen das Danubius Grand Hotel Margitsziget aus dem Jahre 1873 und das Danubius Thermal Hotel Margitsziget aus den 70er Jahren. Die Gebäude sind durch einen unterirdischen, beheizten Gang verbunden, durch den die Gäste des Grand Hotels im Bademantel vom Zimmer zu den Wasserbecken, Saunen, Dampf- und Duftkabinen oder zu Reflexzonenmassagen, Thalasso-Therapien und Pilates-Kursen laufen können.

Ein paar Kilometer weiter östlich: die Jetztzeit, pur. Das "Cleopatrahaus", in dem das "Mandala Day Spa" liegt, ist ein eigenwilliger rosafarbener Gebäudekomplex mit grünen Balkonen, der Schlimmes fürchten lässt. Im Spa selbst ist das Ambiente edel: leise Musik, dunkles Teakholz und Kerzen zur Nacken- oder Thai-Massage, zu Shiatsu und - natürlich - zu Cleopatra-Bädern mit Milch und Honig. Die Preise sind für deutsche Besucher erfreulich: 60 Minuten Shiatsu etwa kosten 34 Euro, 30 Minuten "türkische Körperwaschung mit Massage" 18 Euro. Und wenn nach so vielen Schnäppchen noch ein paar Scheine übrig sind? Dann bleibt da immer noch die Topadresse, an der man so schnell Geld loswerden kann wie auf Sylt - und das sogar ohne Hotelunterbringung. Das luxuriöseste Spa der Stadt liegt mitten im Zentrum, im Four Seasons Hotel, in dem sich Alt und Neu auf höchstem Niveau vereinen. Der frisch renovierte Jugendstilbau selbst stammt aus dem Jahre 1906, die Einrichtung des kürzlich eröffneten Hotels ist gerade ein paar Monate alt. Im Wellnessbereich gibt es "Jetlag-Massagen" und "Lavendel-Scrubs". Und eine "Tokajer-Revitalisierungspackung", bei der der Körper mit ungarischem Tokajer-Schnaps und braunem Zucker eingerieben wird. Das bei weitem günstigste, aber auch sehr überzeugende Wellnessangebot ist ein Kaffee in der Lobby im Erdgeschoss - mit Blick auf die imposante Empfangshalle, auf bunte Bleiglasfenster und schmiedeeiserne Eingangstore mit Pfauenornamenten.

Das Autofahren in Budapest macht jeden gut Erholten schnell wieder zu einem Fall für die Wellness-Etablissements der Stadt. Und trotzdem: Wer es sich in Ungarn gut gehen lassen will, sollte einen Wagen dabeihaben. So nämlich kommt er am besten zu den kleineren magyarischen Erholungsorten, etwa nach Hévîz. Von der Hauptstadt braucht man etwa drei Fahrtstunden zu dem Kurort am größten natürlichen Thermalsee Europas. Nur wenige Kilometer vom nordwestlichen Zipfel des Plattensees entfernt strömt das Heilwasser in knapp 40 Meter Tiefe aus einer Felsspalte. Im Sommer ist der See bis zu 33 Grad warm, im Winter 26 Grad. 400 Liter Wasser sprudeln pro Sekunde aus dem Gestein - so erneuert sich das dampfende Wasser des Sees alle drei Tage komplett. Fast das ganze Jahr hindurch blühen rote Seerosen auf der opalblauen Wasseroberfläche. In der Seemitte thront ein hölzernes Badehaus. Das ist aus cremefarbenen Holzplanken gebaut und hat vier Türmchen, die wie Hexenhüte auf den Ecken sitzen. "Zweimal eine halbe Stunde pro Tag soll man im Wasser bleiben. Länger nicht. Die Wärme wird sonst zu anstrengend für den Kreislauf", sagt Endre Hatos, der Badeleiter des Hévîzer Seebades. "Wichtig ist, dass man badet und nicht schwimmt." Das heißt: gemütlich dümpeln, paddeln und sich treiben lassen, am besten mit Hilfe eines Schwimmreifens, den man vor Ort leihen kann. Außer dem Heilwasser, das gegen allerlei Zipperlein und Gebrechen helfen soll, gibt der See Torfschlamm ab. Damit werden die Kurgäste in den umliegenden Hotels eingerieben und danach in warme Tücher gehüllt.

Ganz in der Nähe des Sees liegt die Spa Lotus Therme des Rogner Hotels, deutlich ein Werk der Gegenwart. Mehr als 90 Schönheits- und Wohlfühlangebote offeriert das Haus seinen Gästen. Im Preis inbegriffen sind auch Kurse zu Bogenschießen, Nordic Walking oder Qi-Gong. Eine der Spezialbehandlungen findet bei hawaiianischer Musik statt: die Lomi-Lomi-Nui-Massage. Zwei Therapeutinnen kneten den Gast mit Kamillenöl, streichen den Körper mit den Unterarmen und schaukeln ihn darauf, damit es sich anfühlt, als würde man von Wellen getragen. Wie es ist, wenn unsichtbare Wellen den Leib von innen massieren, erfährt man eine Autostunde nördlich von Hévîz. Im Bad von Sárvár, einem der größten und modernsten Komplexe Europas, arbeitet die Klangtherapeutin Zsuzsanna Radnai mit Schall. Sie platziert metallene, tibetische Klangschalen auf Rücken, Po, Fußsohlen, Kniekehlen, Brustbein oder auf dem Bauch ihrer Kunden und bringt sie mittels Filzklöppeln zum Klingen. Jedes Mal wenn der Klöppel das Metall berührt, ertönt ein leiser Gong. "Die Schwingungen übertragen sich auf den Körper und lösen Verspannungen", sagt Zsuzsanna. Das Kribbeln im Körper ist äußerst angenehm, die Lider werden schwer. Zwei kleine Schellen, die Zsuzsanna mit zartem Klingeln am Ende der Behandlung gegeneinander schwingen lässt, holen einen in die Wirklichkeit zurück. Noch intensiver ist eine halbe Stunde auf dem so genannten Klangbett: Das ist eine schlichte Holzpritsche auf hohen Beinen, mit einem dünnen Kissen gepolstert. Auf der Unterseite des Bettes sind 63 Metallsaiten gespannt, ähnlich wie bei einer Harfe. Während der Behandlung liegt der Kunde auf der Pritsche, Zsuzsanna Radnai sitzt davor und bringt mit ihren Fingerspitzen die Saiten zum Schwingen. Die Vibration geht durch Mark und Bein - und hört sich auch noch gut an: wie eine Mischung aus Geigenklängen und Mönchsbrummen. Südlich vom Neusiedler See, 100 Kilometer sind's nach Wien und 200 Kilometer nach Budapest, strahlt mitten im Grün der Landschaft das Schlosshotel Szidónia im leuchtenden Gelb. "Anno 1774-1999" steht über dem Eingang des frisch hergerichteten ehemaligen Jagdschlosses, das von einem sieben Hektar großen Park umrundet ist. Die Ausstattung der Gasträume ist edel-rustikal mit Kronleuchtern und Ledersesseln am Kaminfeuer, die große Wellnessabteilung mit ihren Saunen, Dampfbad und Pools glänzt im freundlichen, natürlichen Licht. Alle 52 Zimmer des Hotels tragen Frauennamen: Amália, Katalin, Beatrix, Erzsébet. Die berühmtesten Gäste jedoch waren Männer. Georg von Habsburg zum Beispiel und der französische Schauspieler Gérard Depardieu. Der drehte in der Nähe den Film "Napoléon", wohnte im Schlosshotel und besuchte nach getaner Arbeit, zur Begeisterung des Personals, die Hotelküche. Dort hob der Gourmet neugierig die Deckel von den Töpfen und guckte hinein. Und trug dabei - ganz entspannt - Badelatschen.

Anika Geisler / print

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