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Verona: Betrug vorm Balkon

Das Dornröschenschloss in Disneyland - nur Fassade. Der Canal Grande in Las Vegas - künstlich. Und selbst Verona betrügt seine Touristen: Der Balkon von "Romeo und Julia" hatte einst eine weniger romantische Verwendung.

Von Jens Maier

Der Balkon ist Betrug. Ebenso wie das Haus und der Innenhof. Und wie diese Julia, die vom Balkon herunterwinkt. Diese Julia ist nämlich keine Julia, sondern eine Francesca. Und noch dazu keine aus Verona, sondern aus Mailand. Macht offenbar nichts. Als sie der Menge zuwinkt, wird das mit einem Blitzlichtgewitter der Touristen im Innenhof quittiert. Die stehen zu hunderten Schlange, um einmal ihren Busen berühren zu dürfen. Nein, nicht den von Francesca - obwohl das viele sicherlich auch gerne getan hätten - sondern den der Bronzestatue der Julia unten im Hof. Ganz abgegriffen ist ihre rechte Brust schon. Und warum? Weil alle an die Geschichte von Romeo und Julia glauben.

Shakespears Tragödie des Liebespaares soll sich hier abgespielt haben. In der Innenstadt Veronas, zwischen Modeboutiquen, Trattorias und Eiscafés, liegt in der Via Capello 23 ein mittelalterliches Haus mit großem Hof. Dorthin pilgern Touristen aus aller Welt scharenweise, denn dort hat Julia angeblich gelebt. Auf einem Balkon soll sie auf Romeo gewartet haben. Doch wie die ganze Geschichte, ist auch die der "Casa die Giulietta" - mit allem was dazugehört - frei erfunden.

Francesca scheint das nicht zu stören. Sie gefällt sich in der Rolle der Julia immer besser. Jetzt verteilt sie sogar Luftküsschen an eine Gruppe japanischer Touristen. Die wurden gerade mit einem Reisebus vorgefahren. Und selbst die sonst so schüchternen Japaner lassen sich dazu hinreißen, die Statue der Julia zu betatschen. Allen, die eine neue Geliebte suchen, soll das angeblich Glück bringen. Als Francesca im Hof auftaucht, wird sie von der Menge jubelnd beklatscht und muss mit jedem der Japaner ein Foto über sich ergehen lassen. Auf Fotoabenden der daheim gebliebenen Landsleute wird sie wahrscheinlich als die echte Julia herhalten müssen. Nur ein kleiner Betrug, wenn man bedenkt, was Verona seinen Besuchern zumutet.

Denn das Haus, das heute in jedem Reiseführer Veronas als Haus der Julia Erwähnung findet, war noch vor hundert Jahren ein Stall. Eine reiche Veroneser Familie hat hier nie gewohnt, geschweige denn Julia. Und dann die Sache mit dem Balkon. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts waren die Veroneser es schlicht leid, den Menschen aus aller Welt den Umstand zu erklären, dass es den berühmten Balkon nicht gibt. Einfacher schien die Lösung, ein recht hübsches Exemplar in einen repräsentativen Hinterhof einzubauen. Kurzerhand wurde ein alter Sarkophag an die Fassade gezimmert, zu dem nun Millionen begeisterte Besucher in jedem Jahr wie zu einer Reliquie pilgern.

Romantisch geht es allerdings nicht zu - unterm wohl bekanntesten Balkon der Literaturgeschichte. In dem kleinen Hinterhof drängeln sich nicht die Verliebten, sondern die Souvenirjäger. Und die leisten Akkordarbeit nach Vorgabe ihres Reiseführers: Erstens: ein Foto vom Balkon. Zweitens: einmal den rechten Busen der Julia-Statue berühren. Drittens: ein Liebesbriefchen im Durchgang zum Hof hinterlassen. Und dort kleben sie jetzt. Zu hunderten oder gar tausenden. Mangels Tesa mit Kaugummi an die Wand geklebte Botschaften wie man sie profaner sonst nur ab und an auf Autobahnbrücken gesprüht sieht: Stets steht da irgendein Name und dazu die Worte: "… ich liebe dich" oder auf italienisch "ti amo". Weil auch die Stadt die Liebesschwüre irgendwann leid war, ließ sie das Gekritzel sogar verbieten. Bis heute ohne Erfolg.

Die Stadt ist eben Pilgerstätte der Verliebten. Ganz besonders auch an lauen Sommerabenden, wenn sich auf der Piazza Bra Picknickdecke an Picknickdecke und Pärchen an Pärchen reiht. Und insbesondere die Frauen werden dahin schmelzen, wenn ab 22. Juni die Stimme von Leo Nucci über der ganzen Stadt zu hören ist. Er wird als Nabucco um seine Tochter weinen, denn der italienische Bariton ist der Star der diesjährigen Opernfestspiele in der Arena di Verona.

Die Arena ist nach dem Kolosseum in Rom das zweitgrößte erhaltene Amphitheater der Welt. Und anders als beim Balkon der Julia, ist hier alles echt: Wo heute Opernarien gesungen wurden, schrien vor 2000 Jahren Gladiatoren um ihr Leben. Das Gebäude aus der Römerzeit, das damals 30.000 Zuschauer fasste, diente zur blutigen Unterhaltung. Die Gladiatoren-Kämpfe in Verona waren genauso professionell, spektakulär und blutig wie in Rom. Nach einem Erdbeben im Jahr 1117, bei dem der größte Teil des Außenrings zerstört wurde, diente die Arena als Steinbruch für die wachsende mittelalterliche Stadt.

Trotzdem ist das, was von der Arena bis heute übrig ist, mehr als beeindruckend. 22.000 Zuschauer finden noch in ihr Platz. Und seit 1913 ist sie Sommer für Sommer Schauplatz der Opernfestspiele. Das besondere: Da das Amphitheater kein Dach hat, findet alles unter freiem Himmel statt und aufgeführt wird ohne Mikrofon und Verstärker.

Zum Dank werden die Solisten mit Bravo-Rufen gefeiert, mitten in einer Szene zu Zugaben gezwungen und gerne singt das Publikum auch mal mit. Überhaupt ist das Publikum in Verona so agil, als würden sie vor der Aufführung mit Prosecco abgefüllt werden. Zu einer politischen Demonstration kam es, als Umberto Bossi, Vorsitzender der Lega Nord, die eine Abspaltung des reichen Nordens vom armen Süden Italiens will, einer "Nabucco"-Aufführung beiwohnte. Just als der Gefangenenchor auftrat, ertönten im Publikum "Viva Verdi"-Rufe. Die galten jedoch nicht dem Komponisten. "Verdi" ist für die Italiener auch die Abkürzung für ihren ersten König "Vittorio Emanuele Re d'Italia", der das Land im 19. Jahrhundert einte. Und wer heute "Viva Verdi" ruft, bekennt sich klar zur Einheit des Landes. Lega-Nord-Chef Bossi verstand und verschwand.

Nach der Vorstellung verwandelt sich die Piazza Bra, an der die Arena steht, in einen Laufsteg. Noch Stunden nach den Vorstellungen, die erst nach Mitternacht zu Ende sind, flanieren dort die Touristen, sitzen in den Straßencafés und plaudern. Nur die Besuchergruppe aus Japan, die am Mittag schon Julias Balkon besucht hatte, macht Schlapp. Mit herunterhängendem Kopf sitzen sie mit geschlossenen Augen über ihrer Limonade. Und wahrscheinlich träumen sie von Julia. Oder Francesca, die sie für den Rest ihres Lebens für Julia halten werden.

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Hotel Accademia:Das Hotel in der Einkaufsstraße in der Altstadt hat Klasse. Durch eine neoklassizitische Lobby begibt man sich auf sein Zimmer. So viel Schönheit hat leider seinen Preis: Doppelzimmer ab 250 Euro. www.accademiavr.it
Villa Francescati: Weitaus günstiger, aber nicht weniger stilvoll wohnt es sich in diesem Hostel in einer Villa vor den Toren der Stadt. Bed&Breakfast bereits ab 17 Euro, Telefon: +39 045 590360, leider keine eigene Internet-Seite

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