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Winterferien in Graubünden: Von der Piste in die Therme

Im östlichsten Kanton der Schweiz lassen sich Skifahren und Wellness bestens kombinieren. Und altes Gemäuer bietet neue Konzepte für heißkalte Wintervergnügen. Graubündens Ruf verpflichtet, denn schließlich wurde hier der Wintertourismus erfunden.

Von Ludwig Moos

Den Anfang machte, vor rund 150 Jahren, der legendäre Hotelier Johannes Badrutt in St. Moritz. Mit einer Wette lockte er einige seiner englischen Sommergäste, die Reise in den Winter zu wagen. Ihre Begeisterung über Sonne und Schnee brach den Bann, der zivilisierte Menschen bis dahin in der kalten Jahreszeit von den Bergen ferngehalten hatte.

Mit den Engländern kam vor rund 150 Jahren die Lust am sportlichen Tun. Was beschaulich begann, mit Schlittenpartien und dem behutsamen Gleiten auf Holzlatten, hat sich längst zu einem weit gefächerten Angebot für jedes Alter und Talent ausgewachsen. Jede Saison kommen neue Künste hinzu, und die alte Tradition im Verwöhnen der Besucher lebt in frischen Konzepten für Unterkunft und Entspannung fort. Ob an dicht bevölkerten Schauplätzen wie Flims-Laax oder an verschwiegeneren Orten wie Scuol oder Vals.

Wenn man ihn fragt, ob er nach all den Jahren die Fahrt auf den immer gleichen Strecken nicht langweilig fände, lächelt er nur. Seit einem Vierteljahrhundert ist Hermann Hess nun bei der Rhätischen Bahn, auf der Lok wie schon sein Vater. Bereut hat er es nie, zu reizvoll sind die Landschaften, zu abwechslungsreich die Panoramen und Biotope im Wandel der Jahreszeiten.

Graubündens regionale Bahngesellschaft hatte gewaltige Herausforderungen zu meistern, als sie vor rund hundert Jahren daran ging, Edel-Destinationen wie Davos oder St. Moritz auf schmaler Spur mit Chur zu verbinden. Ihr technisches Bravourstück lieferte sie mit Kaskaden von Tunnels, Kehren und Viadukten auf der Linie Albula und Bernina. Dieses einzigartige Zusammenspiel von Natur und Technik hat die Unesco 2008 zum Weltkulturerbe geadelt - für Lokführer Hess ein schöner Beleg, wie Recht er hat, seine Schienenwege durch Graubündens Berge zu lieben.

Auf der Sonnenseite der Silvretta

Gleich hinter dem Albula-Tunnel, kurz vor der touristischen Sonderzone St. Moritz, zweigt die Bahnlinie ins Unterengadin ab. Im östlichsten Zipfel Graubündens haben die stilleren Varianten der Winterfreuden wunderbar Platz. An den Hängen des Silvrettagebirges über Scuol sind die Boarder und Carver eher familiär entspannt unterwegs. Als Highlight gilt die Abfahrt nach Sent mit zehn Kilometern sanfter Schwünge.

In Sent haben sie einen Heidifilm gedreht, die Gassen, Brunnen und Höfe sind einfach zu malerisch. Vor allem die alten Häuser, oft noch aus dem 17. Jahrhundert, beschwören mit ihren dicken bauchigen Mauern und den Fassaden voller Kratzputzkunst andere Zeiten. Wie Sent haben viele Dörfer zwischen Lavin und Tschlin ihr typisches Ortsbild bewahrt, lange dank der abseitigen Lage, inzwischen durch bewusste Pflege.

Auf präparierten Winterwegen sind alle Orte zu erwandern. Diese Mühe lohnt am meisten auf der Strecke von Guarda über Ardez, Ftan und Scuol bis nach Sent. Auf der Sonnenseite der Silvretta vor der Gipfelpracht der Engadiner Dolomiten, weit über dem Tal, in das der Inn sich tief eingegraben hat, ist das Knirschen des Schnees oft lange das einzige Geräusch.

Wie der Tag draußen auch immer verlaufen ist, im Bogn Engadiana Scuol endet er gut. Die Bäderwelt in gefälligem Design, samt dem ersten Römisch-Irischen Bad auf Schweizer Boden, füllt ihre Becken mit mineralischen Wassern und heizt sie mit Energie aus Erdwärme. Das Genussbaden erneuert zeitgemäß die Attraktion, die Scuol-Tarasp mit seinen Trinkkuren aus über zwanzig Heilquellen einst hatte.

Aus dem Dorf Vnà wird ein Hotel

Vierzig Scheunen gibt es hier, aber nur fünf werden noch landwirtschaftlich genutzt. Vnà, eine halbe Busstunde von Scuol entfernt, liegt idyllisch auf einer Sonnenterasse fünfhundert Meter über dem Inn, aber es war ein sterbendes Dorf. Bis die Engadiner Unternehmerin Urezza Famos auf ein neues Konzept kam und in dem aus Basel zugezogenen Bildhauer und Baumeister Christof Rösch einen Mitstreiter fand. Das lange aufgegebene Gasthaus, die Usteria Piz Tschütta, sollte zum Herzstück einer eigenen Dorfkultur werden.

Seit Sommer 2008 sind Hotel und Restaurant in der aufwändig umgebauten Usteria eine viel besuchte Attraktion. Mit seinem Baseler Kollegen Rolf Furrer hat Christof Rösch dem dreihundert Jahre alten Haus ohne älplerische Imitate, mit behutsamer Hand für das Alte und dem Mut zur Moderne, eine starke Identität gegeben. Auf abgeschliffenen Dielen fasst kantiger Stahl den Raum für Bar und Empfang. Bruchsteinmauern betonen den bauhistorischen Kern. Zwischen zwei klassischen Stuben ist als weißes Vieleck ein offenes Kaminzimmer abgesenkt, dem Brandschutz zuliebe mit einem Fußboden aus dunklem Stahlblech. In der ehemaligen Scheune stapeln sich die Zimmer in Boxen übereinander, verbunden durch Stege und gassenartige Durchgänge. Glaswände schaffen Durchblicke auf die durchbrochenen Muster der hölzernen Außenverkleidung, die in unveränderter Form die Luft passieren lässt und das Licht filtert.

Ermöglicht hat diesen Neuanfang ein komplexes Gebilde aus Stiftung und AG, das die Dorfbewohner mit einbezieht. Über das Hotel können weitere Unterkünfte bei Privatleuten gemietet werden. Die Ansässigen sollen ermutigt werden, Räume für Gäste auszubauen, vielleicht sogar in einigen Scheunen nach dem Vorbild der Piz Tschütta.

Luxus vor der Flimser Wand

Die Weisse Arena von Flims, Laax und Falera ist ein Großunternehmen. Eine mächtige Maschinerie, die jeden Winter eine Million Schneesportler über zweihundert Kilometer Pisten, Halfpipes und Funparks treibt. Jung und dynamisch ist das Image, dazu passen die neuen Unterkünfte an der Talstation von Laax wie der trendige Riders Palace, ein Designhotel mit Mehrstockbetten, oder die markanten Würfel des Rocksresort aus felsigem Stein, mit Apartments zu Quadratmeterpreisen wie in der Hamburger Hafencity, aber günstig zu mieten.

Schnell mit der Welt verbunden ist die Arena über Shuttles der Flughäfen Zürich oder Friedrichshafen. Auch der Expressbus vom Bahnhof Chur braucht nur dreißig Minuten. Doch auf das traditionsgesättigte Ambiente des Waldhaus Flims Mountain Resort & Spa stimmt am besten die Fahrt mit der Rhätischen Bahn durch die felsigen Schluchten des Vorderrheins nach dem nahe gelegene Ilanz ein.

Seit mehr als einem Jahrhundert bringt das Waldhaus nach gut Schweizer Art den Komfort eines Grandhotels mit dem Erlebnis grandioser Natur zusammen. Die Substanz der alten Gebäude, die sich weitläufig über das Waldgelände verteilen, haben die Architekten Pia Schmid und Hans Peter Fontana in den letzten Jahren neu belebt und mit Zubauten bereichert. So glänzt in der Halle des Pavillons das Gewölbe über der Lounge mit Bistro-Café und stylisher Bar wieder in feinstem Jugendstil.

Zu einem der "Leading Spas of the World" ist das Wellness-Areal geraten. In den Gyms, Saunen, Beauty-Räumen und Ruhezonen unter der Erde mischen sich kraftvoll die Materialien: Steine aus dem Rhein, Stampflehmbeton, Industrieböden mit Kirschholzspänen und glatte Wände in starken Farben. Den Glaskubus darüber mit dem Innenschwimmbecken illuminieren des Nachts Videoprojektionen. Bei Tag hinterfängt ihn die schroffe Wand des Flimsersteins, die ein gigantischer Felssturz vor 10.000 Jahren geschaffen hat.

Das Wunder von Vals

"Berg, Stein, Wasser - Bauen im Stein, Bauen mit Stein, in den Berg hineinbauen, aus dem Berg herausbauen, im Berg drinnen sein." Seit Peter Zumthor nach dieser Maxime 1996 die Therme Vals vollendet hat, wallfahrten aus aller Welt Freunde der Baukunst und Liebhaber des guten Lebens hierher, ans Ende des urtümlichen Valsertals, das der Postbus von Ilanz eine halbe Stunde hoch kurvt.

Aus 60.000 Platten Valser Quarzit, gebrochen, gespalten, gesägt, sandgestrahlt, geschliffen, poliert und in drei Stärken geschichtet, sind die Böden und Wände gefügt, außen wie innen. Die Füße spüren ihn, das Wasser spielt mit ihm und das Licht zeichnet ihn in vielfarbigen Grautönen. Licht aus den Becken, Licht aus den Fenstern zum Tal hin, Licht aus Schlitzen und Öffnungen in der Betondecke. Die Wirkung ist magisch. Niemand wird laut, Paare tragen einander auf Händen durchs Wasser.

Graubündens einzige Therme, die heiß aus dem Boden schießt, wurde um 1970 neu gefasst. Ein Kurzentrum mit vier Aparthotels entstand, deren 345 Zimmer an Dritte verkauft wurden. Die Krise kam wenig später. Um die Zukunft des Ortes zu sichern, übernahm die Gemeinde schließlich die gesamte Anlage und wagte mit Peter Zumthor den Neuanfang.

Wann immer ein Apartment zurück gekauft werden kann, legt der Architekt Hand an. Im Hotel Therme, dessen fünf Stockwerke sich recht elegant am Hang über dem Bad entlang schwingen, hat er fast alle Räume minimalistisch erneuert. Wo immer möglich, geht er behutsam mit dem Erbe um. So glänzen noch viele Bäder, bis auf das Schwarz des Linoleums und moderne Armaturen, im Stil der Sechziger und über den Stucco-Lustro-Wänden des Restaurants im Roten Saal spannt sich die Decke von einst.

Da ein Großteil der Zimmer in den drei Hochhäusern die Zeiten noch unverändert überdauert hat, führt Annalisa Zumthor, wie sie meint, ein Ein- bis Fünf-Sterne-Hotel. Und das tut sie gerne, denn so ist ihr Publikum bunt gemischt. Der Luxus der Therme ist für alle da und die besternten Fünf-Gänge-Menüs, mit denen Urs Dietrichs bodenständige und erfindungsreiche Küche verwöhnt, sind auch in Halbpension zu haben.

Dass der Thermenkomplex auch im Winter fast ausgebucht ist, liegt kaum am Ruf des Valser Skigebietes. Dabei öffnet sich vom Dachberg auf dreitausend Metern ein großartiger Rundblick, und die paar Pisten für unbedrängte Abfahrten haben ihren Charme. Auf dem Weg ins Tal, in Leis, überrascht zwischen der handvoll altersdunkler Gebäude um die kleine Kirche ein lichter Häuserzwilling von Peter Zumthor: hoch, schlank und mit auffälligen Fensterkuben, aber dank seiner Dachform und der traditionellen Blockbauweise in Holz ein respektvoller Neuankömmling.

Infos
Die Marke Graubünden mit dem stilisierten Steinbock im Logo wird auch auf dem Webportal professionell gepflegt: www.graubuenden.ch
Schweiz Tourismus berät unter kostenfreien Rufnummer Tel. 800 - 100 200 30: www.myswitzerland.com
Die Fahrt auf der Lok entlang den Strecken des Weltkulturerbes ist mit 850 Franken noch kaum gefragt. Auf der Website läuft sie virtuell: www.rhb.ch
Die Winterwanderung zu den Dörfern der Via Engadiana lässt sich auch als bequemes Paket buchen: www.scuol.ch
Vnà wirbt um Hotelgäste oder Dorfeinwohner auf Zeit: www.hotelvna.ch
Das Waldhaus Flims kommt seinen Gästen bei aller Pracht preislich entgegen. Auch mit dem "Resort Dining", einer Art günstiger Halbpension: www.waldhaus-flims.ch

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