Peking privat Wie ein Fisch im Schwarm


Abschied nach zehn Wochen Aufenthalt in Peking. Unser Autor trifft sich mit der smarten Jinyi Bi zum Essen und ergründet das Geheimnis chinesischer Beziehungen.
Von Stefan Schomann, Peking

Ich habe einen Freund hier, der von sich sagt, er sei Pessimist. Für einen Chinesen eine bemerkenswerte Feststellung. Alle übrigen, die ich in Peking getroffen habe, haben sich nie als etwas bezeichnet, schon gar nicht als etwas so Schwieriges wie einen Pessimisten. Wenn überhaupt, würden sie sich vereinzelt als Realisten, ganz vereinzelt vielleicht sogar als Optimisten sehen. Schließlich brummt die Wirtschaft und strotzt das Land: Chinesen gehen im Weltraum spazieren und haben im Medaillenspiegel den ersten Platz belegt, sowohl bei der Behindertenolympiade wie bei der der weniger Behinderten, und jetzt auch noch bei der Deutsch-Olympiade des Goethe-Instituts.

Doch eigentlich tut man das hier nicht: sich als etwas zu bezeichnen. Man macht überhaupt kein Aufhebens von sich, schon gar nicht vereinzelt. Was hat der Fisch davon, wenn er aus dem Schwarm ausschert? Nichts als Schwierigkeiten. Nein, lieber bleibt man im Schutz der Allgemeinheit. Man strebt nicht nach draußen, sondern ins Zentrum, ins Reich der Mitte.

Pekinger Allerlei mit einer Psychologin

Um die Rätsel der chinesische Seele ein wenig zu lüften, habe ich mich mit Jinyi Bi verabredet, einer bekannten Fernsehpsychologin. Sie lädt mich zum Mittagessen in ihrer Nachbarschaft ein, "nichts Besonderes, nur ein paar Häppchen". Tofu, Teigtaschen, Pilze, ein bisschen Schwein, ein bisschen Huhn. Und scharfen Fisch, versteht sich. Dazu verschiedene Gemüse, Pekinger Allerlei. Jinyi erweist sich als eine resolute, lebenstüchtige, wohlgenährte Frau um die vierzig. Wie sich herausstellt, handelt sie nebenbei mit Antiquitäten und schreibt gerade an ihrem dritten Buch. Außerdem berät sie Liebes- und Ehepaare, sofern sich diese eben soweit zu vereinzeln getrauen, dass sie ihre Nöte vor laufender Kamera auf den Tisch legen. Wobei sie laut Jinyi so individualistisch gar nicht sind.

Denn bei 85 Prozent aller Partnerschaften gehe es um das Gleiche. Um Liebe? Falsch. Um Sex? Auch falsch. Um Macht vielleicht, oder um Eifersucht, oder um die grässliche, nicht auszuhaltende Einsamkeit, die andernfalls droht? Alles falsch, bescheidet sie in ihrer forschen Art und angelt nach den Lotoswurzeln. Bei 85 Prozent aller Partnerschaften gehe es ums Geld. Nicht immer offensichtlich vielleicht, und nicht immer gleich von Anfang an, aber unausweichlich.

Jinyi greift sich einen Löffel, dreht ihn um und streicht mit der hohlen Hand darüber hin. "So fühlt sich eine gute Beziehung an. Rund und geschmeidig. Du bleibst nirgendwo hängen, du verletzt dich nicht." Ein schönes Bild, lächle ich. "Eine schöne Illusion", erwidert sie und rangiert den Löffel aus. "Neun von zehn Ehen sind wie Gabeln oder Messer."

Beziehung als Joint Venture

Bislang lebte ich in der Vorstellung, dass eine Partnerschaft, eine Ehe gar, ein lustvolles Bündnis zwischen zwei Individuen darstelle. Doch Jinyi öffnet mir die Augen: Eine Ehe ist ein Joint Venture zwischen zwei Familien, punktum. Ein Geschäft zum beiderseitigen Vorteil, das jedoch leicht zum beiderseitigen Nachteil gereichen kann. Ihr Menschenbild ist durch ihre 15 Jahre als Scheidungsanwältin geprägt. Wie das mit dem Antiquitätenhandel, den Psycho-Ratgebern und der Fernsehshow zusammengeht? Ach, meint sie, multiple Karrieren seien inzwischen nichts Besonderes mehr, schon gar nicht für Frauen.

Womit wir bereits beim nächsten Problem wären. Es ist nicht ihr Problem, sondern das der chinesischen Männer: Die Frauen sind heute viel unabhängiger als früher. Das behagt den Männern nicht. Wozu werden sie dann noch gebraucht? Jinyi schielt nach dem Löffel, zuckt aber mit den Schultern. Fest steht: Die Männer stecken in der Krise. Wie reagieren sie darauf? Sie verhalten sich erst recht so wie früher. Denn was tun sie seit den 90er Jahren, kaum dass sie etwas Geld gescheffelt haben? Sie kaufen sich ein Auto? Falsch. Sie gehen auf Reisen? Auch falsch. Nein, sie legen sich als erstes eine Geliebte zu. Wie zur Feudalzeit und auch noch in den Jahren der Republik. Nicht etwa zum Spaß, obwohl man das nicht ausschließen sollte. Sondern aus Pflichtgefühl. "Mehr Geld, mehr Sex", meint Jinyi und schiebt mir die geschnetzelten Schweinelenden zu. Ab einem gewissen Status werde das einfach erwartet.

Während ich über meinen Status und die damit einhergehenden Verpflichtungen nachsinne, überlegt Jinyi, ob wir nicht doch noch Nudeln bestellen sollten? Au ja, ermuntere ich sie, obwohl ich längst satt und zufrieden bin. Doch wie das alte Sprichwort sagt: Keine Liebe ist aufrichtiger als die zu gutem Essen.

Mit dieser Kolumne endet unsere Serie "Peking privat".


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