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British Virgin Islands: Insel gut, alles gut

Die Queen hat hier das Sagen, doch bezahlt wird in US-Dollar. Auf den British Virgin Islands in der Karibik ist Nichtstun die schönste Beschäftigung.

Von Ulrike von Bülow

British Virgin Islands

Traumhafter Anblick: Der Strand entlang der British Virgin Islands. 

Er hat sie einmal verlassen, seine Insel, da war er noch jung, Anfang 20. "Ich war in einem Alter, in dem du denkst: Jetzt musst du aber mal das Leben kennenlernen!", sagt Quito Rymer, heute Ende 50, und lacht. Rymer, der ein wolliges Bärtchen trägt und Rastalocken, ging damals nach New York, keine verkehrte Stadt, um etwas zu erleben, aber er sagt, er habe dort vor allem gelernt, "wie sehr ich meine Insel liebe". Er hatte Heimweh, nicht zu knapp, und es dauerte nicht lange, da war er zurück auf den British Virgin Islands. Hier auf Tortola, einem Fleckchen Erde in der Karibik mit schwarzwaldgrünen Bergen und butterfarbenen Sandstränden.

Tagsüber sieht man am Smuggler's Cove kaum Menschen: Man kann hier in aller Ruhe in der Sonne liegen und die Graureiher beobachten, die wie ein Terrorregime drei, vier Meter über dem Wasser kreisen, das Meer scannen - und im Sturzflug hinabjagen, sobald sie fischige Beute entdecken. Ein Schauspiel, Brehms Tierleben live.

Kein Feindesland sind für Aktivurlauber

Die British Virgin Islands sind zumeist vulkanischen Ursprungs und darum ziemlich bergig und hügelig. Sie bestehen aus mehr als 60 Inseln, 21 davon sind bewohnt. Die British Virgin Islands sind ein wunderbarer Ort zum Nichtstun, was aber nicht bedeutet, dass sie Feindesland sind für Aktivurlauber. Man kann hier bestens tauchen und wandern und ist schon mit der Anreise gut beschäftigt: Die Inseln liegen etwa 100 Kilometer (oder 35 Flugminuten) östlich von Puerto Rico, sie haben einen Miniflughafen, der nur mit Minimaschinen zu erreichen ist; man muss in San Juan umsteigen oder auf St. Maarten, um hierherzukommen, was etwas anstrengend sein mag, aber einen großen Vorteil hat: Der Massentourismus bleibt fern - die British Virgin Islands sind auch dann nicht überlaufen, wenn sie Hochsaison haben, im Winter.

Die Hälfte ihrer Gästebetten befinden sich auf Booten, in Kojen: Die British Virgin Islands sind als Segelrevier berühmt, weil es hier immer Wind gibt und Temperaturen zwischen 25 und 32 Grad, und die Inseln nicht weit auseinanderliegen. Und während die sogenannten Yachties sich in den Buchten um die besten Ankerplätze balgen, kann man an Land ganz entspannt urlauben: Auf den British Virgin Islands herrscht diese karibische Gelassenheit, die Urlauber gleich einfängt; das Leben geht langsam und gemütlich voran, es riecht nach Rum und Marihuana - peace!

"Fremde sind hier überall willkommen", sagt Quito Rymer, der Besucher gern persönlich begrüßt, mit Handschlag. Er ist in Cane Garden Bay zu Hause, einer Bucht im Norden von Tortola, wo er ein kleines Hotel betreibt und Quito's Gazebo, ein Restaurant, in dem eine Bühne steht, über der aufgeblasene Gummigitarren hängen: Hier tritt Rymer viermal in der Woche auf, mal mit Band, mal solo. An diesem Abend hat er frei, sitzt an der Bar, trinkt ein
Schlückchen Rum und denkt über seine Insel nach. Vieles, sagt Rymer, ist hier noch so, wie es früher einmal war - nur dass es inzwischen Straßen gibt und Autos: "Als Kinder mussten wir noch mit dem Esel nach Road Town reiten." Er grinst.

Im balinesischen Stil auf den British Virgin Islands errichtet: Sir Richard Bransons Unterkunft auf der Privatinsel Necker Island.

Im balinesischen Stil auf den British Virgin Islands errichtet: Sir Richard Bransons Unterkunft auf der Privatinsel Necker Island.

Mehr als ein Steuerparadies

Road Town ist die Hauptstadt der British Virgin Islands, besser: das Hauptstädtchen, denn Road Town, keine Hochhäuser, kaum Stau, ist ziemlich überschaubar. Und angenehm zurückgeblieben: McDonald's, Starbucks oder H & M sieht man hier nicht. Und auch nicht die mehr als 400.000 Firmen, die nur als Adresse existieren: Die British Virgin Islands zählen zu jenen Finanzparadiesen, von denen die Rede ist, wenn es um Briefkastenfirmen und Steuerflüchtlinge geht. Die Inseln stehen seit mehr als 200 Jahren unter britischem Protektorat, very british sehen sie aber nur im Pusser's aus, einem Pub am Hafen in Road Town, in dem es viel dunkles Holz gibt, rund 40 Biersorten und "Old English Style Fish & Chips", die aber leider schmecken wie ein alter Schuhkarton: pappig.

Die Queen, das Staatsoberhaupt der British Virgin Islands, war in ihrer langen Königinkarriere erst zweimal hier; vermutlich ist es ihr etwas zu warm in der Karibik: Majestät ist ja eine Freundin des schottischen Wetters und gern in Gummistiefeln unterwegs.

Das private Inselparadies Necker Island

Dafür schaut der britische Geldadel häufig auf den Inseln vorbei; Sir Richard Branson, der Unternehmer, der Necker Island sein Eigen nennt seit 30 Jahren, ein Eiland, das er einst für 180.000 Dollar erwarb und auf dem er einen hübschen Spielplatz für seinesgleichen erbaute: mit einem Hubschrauberlandeplatz, 17 Villen und 50 Angestellten, die jungfräulich weiße Gewänder tragen und Staubwedel, mit denen sie Gästen hinterherwischen. Larry Page, Gründer von Google, mietete die Insel für seine Hochzeit, Brad Pitt, Mel Gibson oder Oprah Winfrey machten hier Urlaub, dito Prinzessin Diana, die lieber im Leopardenbadeanzug an Mr. Bransons Strand saß als mit ihrer Schwiegermutter durch schottischen Matsch zu waten.

Wenn es Sir Richard auf seinem Inselchen einmal langweilig wird, dann steigt er in sein Motorboot und düst nach Virgin Gorda, zum Bitter End Yacht Club, in dem es alles andere als bitter zugeht: Hier kann man in Luxusholzhäuschen absteigen, die sich an einem Hang entlangziehen und eine prächtige Aussicht bieten auf das türkisfarbene Meer. Man kann aber auch einfach nur im Open-Air-Restaurant sitzen, sich eine Languste gönnen und reich urlaubenden Amerikanern, die Stars-and-Stripes-Badehosen tragen, bei ihren ersten Surfversuchen zuschauen, die meist mit einem Platschen enden. Ein Schauspiel, Pleiten, Pech und Pannen live.

Wie ein Weltwunder am Wasser

Richard Branson wird hier öfter gesehen - oder auch nicht, denn er sei ein "average Joe", wie die Leute vom Bitter End Yacht Club sagen, ein Typ, der nicht weiter auffällt. Zwar erinnert Branson mit seinem vollen Haarschopf und seinem ausgeprägten Kinnbartwuchs ein bisschen an Alf, den zotteligen Außerirdischen aus dem Fernsehen, aber hier laufen ziemlich viele blond gebräunte Zottelchen umher: Surflehrer halt.

Virgin Gorda ist vielleicht die schönste aller Inseln. Hier geht es so kuschelig zu, dass die Mietwagenfirmen raten, den Schlüssel des Wagens stecken zu lassen, weil sie eher fürchten, dass Mieter den Schlüssel verlieren, als dass der Wagen geklaut wird: Wer hier ein Auto braucht, der hat schon eines, so lautet die Vertrauensformel.

Auf Virgin Gorda gibt es eine Hauptstraße, auf der viele Hühner unterwegs sind und Ziegen, aber wenig Autos. Sie führt bergauf, bergab über die Insel, und egal, wo man anhält: Die Aussicht ist kitschpostkartenartig. Das Meer funkelt bläulich in der Sonne, die weißen Segel darauf schauen aus wie Kokosraspeln, und die umliegenden Inseln erscheinen wie grüne Flecken in einem frisch geöffneten Tuschkasten: unbenutzt und rein.

Und dann gibt es auf Virgin Gorda ja noch "The Baths", ein "Weltwunder, das du gesehen haben musst!", wie Quito Rymer sagt: mächtige Granitfelsen, gelegen am Wasser, die bizarr miteinander verformt sind und Höhlen bilden und Planschbecken. Man kriecht durch diese Felslandschaft wie durch ein Zwerghaus: mit geducktem Kopf. Am Ende, nach 20 Minuten der Kriecherei, wird man belohnt und gelangt in eine kleine Bucht, die "Devil's Bay", nicht zu verteufeln, mit Palmen und einem Sandstrand, der danach schreit, sich hinzulegen. Und was zu tun? Nichts.

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