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Follow me: Als ich beinahe mit einem Tannenbaum flog

Für die Airline war es wohl nur ein Werbegag, für mich eine reizvolle Idee: Den Weihnachtsbaum am Check-in aufgeben. Doch dann kam alles anders. Und zwar viel besser.

Vor zwei Jahren machte mir eine große deutsche Fluggesellschaft ein unmoralisches Angebot: Sie bot an, gratis Weihnachtsbäume mitzunehmen. Das klang reichlich sinnlos, das wollte ich unbedingt machen! In Gedanken sah ich meinen Baum schon das Gepäckband in Köln/Bonn vollnadeln, irritierte Blicke der Business-Elite inklusive. Ein kurzes, überzeugendes Telefonat mit den Eltern später stand fest: So machen wir das. Der Weihnachtsbaum würde dieses Jahr aus Hamburg einfliegen.

Buchen konnte man den Transport nur am Schalter der Airline. Dort herrschte Hilflosigkeit. "Das bieten wir wirklich an?", fragte mich die freundliche, aber skeptische Frau am Schalter. Ich wedelte grinsend mit dem entsprechenden Newsletter. Sie fragte Kollegen: Schulterzucken. Ich war ganz offensichtlich der erste, der das weihnachtlich-werbende Angebot in Anspruch nehmen wollte. Schließlich klärte ein Anruf bei der Zentrale die Dame nebst Kollegen auf. Und ich bekam eine Buchungsbestätigung. Sperrgepäck: Weihnachtsbaum. Kostenlos.

Baumkauf mit EC-Karte? Vergiss es!

Die Tage vor dem Abflug vergingen schnell, Geschenke kaufen, Glühwein vernichten, arbeiten - und am vorletzten Tag auf dem Rückweg schnell den Baum einsacken. Dachte ich. Doch in meinem nicht mehr ganz jugendlichen Leichtsinn hatte ich die Preise der Tannen ganz schön unterschätzt. Ich trage selten viel Bargeld mit mir herum, mit 30 Euro in der Tasche war am Weihnachtsbaumstand nichts zu machen. "Nehmen sie keine Karte?", fragte ich hilflos. Der Verkäufer konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Mein Flug ging am nächsten Tag direkt nach der Arbeit. Mein Plan: Auf dem Weg vom Verlag zum Flughafen einen Baum mitnehmen. Oder notfalls am Airport selbst, da würde es ja bestimmt auch einen Baumverkauf geben - schließlich bekam man dort sogar Sexspielzeug. In weiser Voraussicht hob ich extra Bargeld ab. Das Wetter am Abend war absolut weihnachtlich: Bei sieben Grad regnete es in Strömen. In der Bahn zum Flughafen verspürte ich keinerlei Lust auszusteigen und mit meinem Gepäck einen nichtüberdachten Weihnachtsbaumverkauf aufzusuchen.

Blieb der Baum-Shop am Flughafen. Würde wohl teuer sein, wie alles dort, aber das war mir der Spaß dann wert. Genauer gesagt: Er wäre es mir wert gewesen. Es gab keinerlei Weihnachtbäume am Airport zu kaufen. Warum auch? Wer kauft schon einen Baum vor dem Abflug? Mein ganzer schöner sinnloser Plan hatte sich erledigt. Traurig schlich ich zum Check-in.

Kein Platz für den Baum - kein Platz für mich

"Nach Köln?", fragte mich die Dame am Schalter. "Ja, aber ohne Baum", entgegnete ich ernst. Sie ignorierte das. "Wir haben ein technisches Problem, bitte gedulden Sie sich noch etwas." Die Minuten zum Abflug verstrichen, nichts tat sich. Gemeinsam mit rund 30 anderen ungeduldigen Passagieren saß ich vor dem Schalter. Fast zwei Stunden später dann endlich eine verschämte Erklärung: Der Flug war ohne mich abgehoben. Die Maschine war defekt und hatte kurzfristig gegen eine kleinere getauscht werden müssen.

Es hatte also zu wenig Platz gegeben - vor allem für meinen Beinahe-Baum. Ich wurde umgebucht. Mit drei Stunden Verspätung erreichte ich schließlich mein Ziel. Ohne Baum, aber mit Gewinn. Denn als Entschädigung musste die Airline einen Fluggutschein ausgeben. Der Betrag überstieg die ursprünglichen Kosten meines Tickets deutlich. Monate später konnte ich es mir deshalb leisten, kurzfristig und überraschend zur Abschiedsparty meines Bruders vor dessen Auslandsjahr zu reisen. Mein fast fliegender Weihnachtsbaum hatte sich am Ende also mehr als gelohnt.

PS: Den Baum fürs Wohnzimmer holten mein Bruder und ich am Heiligabend vom benachbarten Förster. Wie jedes Jahr.

Die Geschichte wurde erstmals im Dezember 2013 auf stern.de veröffentlicht.

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