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stern-Klinikliste In besten Händen: So gut können Krankenhäuser sein

Niemand muss sich in die erstbeste Klinik einweisen lassen, sondern man darf sich eines aussuchen
Niemand muss sich in die erstbeste Klinik einweisen lassen, sondern man darf sich eines aussuchen
© Getty Images
Der medizinische Fortschritt hat vieles, was in Kliniken einst undenkbar war, möglich gemacht. Unsere gute Tradition der Versorgung für alle bewährt sich. Doch vieles ginge besser. Exzellente Kliniken machen es vor.

Die gesamte stern-Klinikliste finden Sie hier.

Populär zu sein ist angenehm, wird mitunter aber auch zum Problem. Die Klinik-Notaufnahmen in Deutschland – regional auch Rettungsstellen genannt – zählen zu denen, die eine solch schmeichelhafte Sorge plagt: Sie sind gefragt wie nie. Schon vor Corona füllten sich die Express-Zugänge zum Krankenhaus zunehmend mit Patientinnen und Patienten, die den Weg zum Hausarzt gar nicht erst antraten und auch die Notfallpraxen der Kassenärztlichen Vereinigungen links liegen ließen. Auf direktem Wege zog es sie in die Klinik, oft in die größte und renommierteste am Ort. Dort brennt immer Licht. Dort ist immer ein Parkplatz frei. Dort darf jeder kommen.

Wer in der Vormaskenzeit zum Beispiel in die extrem geschäftige Zentrale Notaufnahme des Campus Benjamin Franklin der Charité in Berlin-Lichterfelde kam, sah damals schon ein Wimmelbild, Menschen mit jedem denkbaren medizinischen Problem, vielsprachig Hilfe suchend, dann professionell sortiert, diagnostiziert, teils stationär aufgenommen, oft aber alsbald beruhigt, es ist nichts Wüstes, es ist Routine, keine Angst.

Beruhigt dank einer klaren Diagnose, keineswegs aber kurzerhand – das ist entscheidend, denn es entspricht dem ärztliches Ethos. In seinen Vorlesungen vor Berliner Medizinstudierenden lehrt Rajan Somasundaram, der Chefarzt der "ZNA CBF" (so steht die Abkürzung der Notaufnahme auf ihren Krankenliegen und Geräten), sein Prinzip: Niemals sollen des Professors Schüler im künftigen Beruf einem Patienten einen Vorwurf daraus machen, dass er sich fälschlich selbst als Notfall empfunden habe. Und keiner werde je abgewiesen. Darauf gibt Deutschland sogar Garantie: Paragraf 76 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch verbrieft das Recht auf vollkommen freie Arztwahl im Notfall. Sie steht uns zu, und das heißt für Menschen mit einem gesunden Bürgersinn letztlich auch: Wir sollten verantwortungsbewusst mit ihr umgehen und als informierte Patienten wohlbedacht entscheiden.

Patienten hätten Zeit, sich Kliniken auszusuchen

Eine Befragung von mehr als 2000 Patienten, die sich selbst in die Obhut von Somasundarams Team und das ihrer Kollegen in Berlin-Buch begeben hatten (also nicht mit dem Rettungsdienst kamen), ergab 2016, dass neun von zehn glaubten, sie seien ein wirklich ernster Fall. Eine Diagnose der ZNA klärt es – und oft ist sie eine erleichternde. Wenn es also nicht direkt auf Station geht, gibt es Rat, wie es jetzt weitergehen sollte und das Gefühl, dass nun ganz sicher nicht mehr alle Stricke reißen werden, wie kurz zuvor noch befürchtet. Man fühlt sich in deutschen Kliniken auf sicherem Boden, selbst wenn manches nervt, die Wartezeit wächst und es für die Profis vor Ort ersichtlich ein fordernder Leistungssport ist, inmitten des Chaos die Ruhe zu bewahren und konsequent Medizin zu machen. Am Ende aber müssen sie niemandem eine Rechnung in die Hand drücken, die einen kranken Menschen in den persönlichen Ruin stürzt.

2018 kamen übers Jahr knapp 20 Millionen Hilfesuchende in die Notaufnahmen deutscher Krankenhäuser. Das sind etwa so viele, wie es insgesamt Behandlungsfälle in unseren Krankenhäusern gibt. Von dieser Riesenschar der stationär Behandelten bliebe einem Großteil Zeit, sich genau zu überlegen, wo und wie sie behandeln lassen möchten, was ihr niedergelassener Arzt diagnostiziert hat.

Nicht selten nämlich haben wir – auch oder sogar gerade bei ernsten und belastenden Erkrankungen – eine Wahl: zwischen Herzkatheter oder Bypass, zwischen Knieoperation oder der oft gleichwertigen konservativen Behandlung, zwischen brusterhaltender Krebschirurgie oder radikalem Eingriff. Solch eine Entscheidung umfasst stets zwei Komponenten. Denn obwohl gleich gut unterrichtet, unterscheiden sich zum Ersten die individuellen Patientenpräferenzen deutlich. Manch einer wünscht sich intuitiv und für die Seelenruhe eine einschneidende Maßnahme – und fährt gut damit. Manch anderer setzt hingegen auf aufmerksames Abwarten. Die zweite Komponente kommt durch die Beantwortung der zwingenden Folgefrage hinzu: Wer soll das, was ich brauche und wünsche, denn nun medizinisch umsetzen? Wohl jedermann möchte so behandelt werden, dass schlicht "alles passt". Wünscht sich Ärztinnen und Ärzte des Vertrauens und ein Krankenhaus, das eine Mut machende Atmosphäre, innovative Behandlungsansätze und gute Nachsorgestrategien für die Zeit nach der Entlassung miteinander verbindet.

Gute Recherche zahlt sich ein Leben lang aus

Das alles gibt es. Aber nicht überall; "Das Einfache ist einfach, und das Schwierige ist schwierig", lautet eine alte Medizinerbinse. Sie soll, in die Patientenperspektive übertragen, uns sagen: Wer eine kleine Plombe braucht, wird kaum zwei Monate über der Wahl der europaweit führenden Zahnklinik brüten. Wer sechs Implantate und eine Kiefergelenk-OP benötigt, dem wäre dringend zu raten, wählerisch zu sein. Ähnliches gilt für eine komplett neue Schulter mit 50 Jahren, ein schwer zu beurteilendes Prostatakarzinom oder ein vielfach vorgeschädigtes Herz.

Listen studieren, Kliniken vergleichen, nachfragen und gegebenenfalls auch einen weiteren Weg in Kauf nehmen, das kann sich ein Leben lang auszahlen. Denn umfassende individuelle Wahlmöglichkeiten bestehen in Deutschland eben nicht allein in Notlagen, sondern auch bei der allgemeinen Klinikwahl. Niemand muss sich daher in ein erstbestes Krankenhaus einweisen lassen, man darf sich vielmehr eines aussuchen. Dies gilt, bis auf exklusive Privatkliniken, nicht nur für Reiche, es gilt für alle. Und das ist ein international gar nicht so häufiges Privileg.

Wer es in seinem besten Interesse nutzen möchte, kommt um ein wenig Arbeit nicht herum: Nach einer – oft sehr erhellenden – ärztlichen Zweitmeinung muss man meist aktiv fragen, selbst wenn sie jedem zusteht und der Erst-Diagnostiker zur Kooperation verpflichtet ist. Und nicht jede Empfehlung aus dem Bekanntenkreis ist so belastbar wie das gesammelte Urteil von niedergelassenen Medizinern über die Kliniken in der Region oder die über Jahre geführten Statistiken der Operations-Erfolgsquoten. Deswegen, unter anderem, bieten wir die Kliniklisten in diesem stern-Extra an, gegründet auf mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung des Recherche- und Redaktionsteams von MINQ (siehe Seite 14).

Kliniklisten sind ein mittlerweile gut etabliertes und wertvolles Entscheidungshilfe-Werkzeug. Und Qualitätstransparenz hilft in der Tat allen. Denn eine kluge Klinikwahl ist nicht einfach nur ein Dienst an sich selbst. Sie könnte durchaus auch gemeinnützige "Nebenwirkungen" entfalten: Wer sich nach reiflicher Abwägung für eine optimal gewählte Operation entscheidet und diese obendrein noch von Spezialistenteams ausführen lässt, die besonders gute Resultate und besonders geringe Quoten an notwendigen Nach- und Revisionsbehandlungen erreichen, erspart der Solidargemeinschaft womöglich erhebliche Nachbesserungskosten.

Uni-Kliniken führen die Spitzenliste an

Der Wettbewerb der Kliniken, seit Langem eine Forderung der Politik, nützt Patientinnen und Patienten am meisten und letztlich erst dann auch nachhaltig, wenn er kein bloßer Effizienzkampf mehr ist, sondern auf dem wirklich entscheidenden Spielfeld ausgetragen wird: dem der Qualität. Sie ist die Königsvariable in der Bewertung der Dienstleistungen, die Kliniken für uns erbringen.

Es ist ganz gewiss kein Zufall, dass die Spitzengruppe innerhalb der Top 100 unserer in diesem stern-Extra versammelten Einrichtungen von Universitätskrankenhäusern dominiert wird: Diese medizinischen Zentren der Hochschulen sind schließlich die führenden Maximalversorger im Lande. Sie tragen in internationalem Maßstab zur Erforschung neuer Therapien und zu deren Bewertung in kontrollierten Studien bei. Sie bilden den eigenen professionellen Nachwuchs aus und sind oft in Metropolregionen zu Hause, die medizinisches Personal aus vielen Ländern locken. Bei der Charité etwa kommt es aus 119 Nationen. Die Charité zu sein, mit einem global geläufigen Namen, einer mehr als 300-jährigen Geschichte, einer historischen Fernsehserie mit drei Staffeln und gegenwärtig mehr als 100 Einzelkliniken, ist ein klarer Wettbewerbsvorteil. Umso deutlicher spricht es andererseits für die Kliniken, die einen solchen nicht genießen, es ebenfalls auf bundesweite Spitzenränge geschafft zu haben.

Und: Jeder Vorzug ist auch Verpflichtung, besonders dann, wenn der Träger einer Klinik die öffentliche Hand ist, was bis auf eine Ausnahme auf alle deutschen Universitätskliniken zutrifft. Viele Marktführer der Medizin sind engagiert dabei, Mehrwert an die Gesellschaft zurückzugeben. So ist neben dem Charité-Vorstandsvorsitzenden Heyo Kroemer auch Notaufnahme-Chef Rajan Somasundaram als Experte in die neue Krankenhausreform-Kommission beim Bundesgesundheitsministerium berufen worden. Dort wird er dabei mitwirken, Strategien für die Herausforderungen zu finden, vor denen der Krankenhaussektor steht. Hier ist Innovation für Personal und Patienten im ganz großen Stil gefordert. Aber auch im kleinen und im mittleren Maßstab ist sie in Berlin-Lichterfelde alltäglich. So hat Somasundarams Team etwa mit einem führenden Medizingerätehersteller ein klinikweites Ortungssystem für medizinische Ausrüstung erprobt, das über Bluetooth ermittelt, wo jedes Gerät, wo jede Liege eigentlich abgeblieben ist – in jeder größeren Klinik sucht sich Ausrüstung gern ein neues Zuhause auf anderen Stationen oder macht sich ganz unsichtbar. Dass der Professor obendrein rasch zum öffentlich präsenten und gefragten Covid-19-Experten wurde, versteht sich schließlich fast schon von selbst.

"Gewinner dieses Green Hospitals sind am Ende die Umwelt und der Mensch"

Im Universitätsklinikum Essen hingegen wird seit Jahren intensiv an einer Optimierung der Krankenhaus-Digitalisierung gearbeitet, dem "Smart Hospital", einem der wichtigsten Zukunftsthemen, wie die Pandemiezeit nochmals gezeigt hat. Damit aber nicht genug: "Noch ist das Thema Nachhaltigkeit insbesondere in Krankenhäusern deutlich unterentwickelt", sagt Professor Jochen A. Werner, zugleich Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender in Essen. "Das Krankenhauswesen belastet durch hohen Ressourceneinsatz die Umwelt. Allein von den weltweiten CO2-Emissionen entfallen fast fünf Prozent auf das Gesundheitswesen, das Uniklinikum produziert pro Tag acht Tonnen Müll. Wir stehen also als ressourcenintensiver Großverbraucher in der Verantwortung beim Thema Nachhaltigkeit, genau wie die Industrie. Das verstehen wir auch als unseren gesellschaftlichen Auftrag. Deshalb muss die Medizin aus meiner Sicht nicht nur digitaler, menschlicher und damit in Summe besser werden, sondern auch umweltverträglicher und spürbar nachhaltiger. Gewinner dieses Green Hospitals sind am Ende die Umwelt und der Mensch."

Auch das zeigt: Es sind dicke Bretter, die die moderne Medizin zu bohren hat. Und es sind viele zugleich. Und dennoch überlagern sich auch im Blick auf die Klimagas-Bilanz der Krankenhäuser Gemeinsinn und Selbstsorge in einer für gute Medizin ziemlich typischen Weise. Gelingt es nämlich nicht, die Erderwärmung zu dämpfen, drohen unserer alternden Gesellschaft massive Gesundheitsgefahren allein schon durch die zu befürchtenden Glutsommer. Und Investitionsmittel würden statt für Therapie und Diagnostik für die Klimatisierung der Krankenzimmer auf eine der menschlichen Gesundheit zuträgliche Temperatur gebunden.

Die vergangenen zweieinhalb Jahre sind für Medizinerinnen und Mediziner und ganz besonders auch für das Pflegepersonal ungewohnt und ungeheuer fordernd gewesen. Sie erlebten eine sehr harte Zeit. Viele Pflegende haben den Beruf verlassen, für immer, muss man leider wohl befürchten.

Für die stern-Redaktion war und bleibt es auch vor diesem Hintergrund wichtig, nicht nur Einblicke in das Gesundheitswesen zu präsentieren und verlässlichen Nutzwert, gründlich recherchierte Berichte und wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zu publizieren. Wir möchten auch dazu beitragen, dass eine sozial verantwortliche, medizinisch exzellente und auch für die Beschäftigten im Gesundheitssektor erfüllende Patientenversorgung etwas ist, worauf Deutschland zu Recht stolz sein darf. Neben der systematisch erarbeiteten Datenbasis und den Reportagen, Interviews und Berichten in diesem Heft bringen wir uns daher – mit gutem Zuspruch unserer Leserinnen und Leser – auch mit öffentlichen Einmischungen wie dem Ärzte-Appell "Mensch vor Profit" und der Petition "Pflege braucht Würde" für ein patientengerechtes Gesundheitswesen und für gute und wertschätzende Arbeitsbedingungen in Medizin und Pflege ein.

Jetzt werden Behandlungen aus der Pandemie-Zeit nachgeholt

Für dieses stern-Extra haben wir Kliniken der verschiedensten Fachrichtungen besucht, von der Geriatrie über die Herzchirurgie und die Sportorthopädie bis zur integrierten Betreuung von Brustkrebspatientinnen. Überall trafen wir dankbar auf offene Türen und ehrlichen Willen, potenziellen Patientinnen und Patienten bestes Wissen an die Hand zu geben.

Aus Gründen der Sorgfalt und der praktischen Vernunft war es bei der Erarbeitung unserer Kliniklisten zuweilen sinnvoll, sich auf Vor-Corona-Daten zu stützen. Auch das zeigt, wie umwälzend und erschütternd die unverhoffte Pandemie und ihre gewaltigen Herausforderungen für uns alle waren und womöglich auch noch bleiben werden.

Dieser Tage werden in den Praxen und Krankenhäusern Untersuchungen und aufgeschobene Behandlungen aufs Neue eingeplant. Wie vieles, was 2019 selbstverständliche Normalität war, sind sie "Corona zum Opfer gefallen". Eine Lücke in der Früherkennung gilt es jetzt zu schließen, und unweigerlich wird es dabei zu belastenden Diagnosen kommen. Operationen werden nachzuholen sein, und für manch eine Patientin und manch einen Patienten mag ein unverhoffter Aufschub auch ein Anlass sein, das nun Anstehende noch einmal zu überdenken, inklusive der Auswahl der anzusteuernden Klinik. Insofern sind unsere Kliniklisten des Jahres 2022 womöglich – hoffentlich – von ganz besonderem Wert.

Erschienen in stern Sonderheft Kliniken

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