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Ärztehonorare: Der Doktor und das liebe Geld

Noch vor ein paar Wochen feierten Deutschlands Ärzte die Honorarreform. Jetzt gehen Tausende dagegen auf die Straße. Die Branche ist tief zerstritten: Im Westen bangen viele Mediziner um ihre Existenz, im Osten bejubeln sie das neue Regelwerk.

Von L. Heiny, E. Spanner, M. Carlin und C. Kade

Seit 28 Jahren behandelt Michael Oertel Kassenpatienten. Halsschmerzen, Grippe, Scharlach, Rückenleiden. Oertel ist Allgemeinmediziner. Er öffnet seine Praxis in Stuttgart-West um acht Uhr morgens und verlässt sie elf Stunden später. Er verzichtet auf Mittagspausen, um Hausbesuche zu machen, rund 25 jeden Monat. Nun reicht es ihm. "Wir stehen hier in Baden-Württemberg und Bayern wie die größten Deppen da", sagt der schnauzbärtige Mediziner mit ruhiger Stimme. "Was hier vor sich geht, ist der blanke Hohn."

Seit Anfang Januar, seit der umstrittenen Honorarreform, zahlen ihm die Kassen für jeden seiner rund 800 Patienten nur noch gut 35 Euro Regelleistung pro Quartal, für alle Standarduntersuchungen. Viel zu wenig, sagt Oertel. "Ich arbeite nun fast ein Drittel meiner Zeit, ohne dafür Geld zu bekommen. Teilweise mache ich Hausbesuche für weniger als drei Euro. " Am Mittwoch will er mit Tausenden anderen Medizinern in Stuttgart demonstrieren - für mehr Geld.

Gitta Kudela hat ihre Arzttasche schon in der Hand, sie ist auf dem Sprung. Auch die Magdeburger Ärztin hat einen Hausbesuch vor sich, und auch sie schimpft. Seit Tagen verfolgt sie den erbitterten Streit in den Medien, liest die Protestaufrufe der Kollegen aus den westlichen Bundesländern, hört sich deren Wehklagen an - und schäumt. "So etwas Unsolidarisches verschlägt mir die Sprache", sagt sie. Rund 17 Prozent mehr Honorar als bisher sollen die Ärzte im Osten dank der Reform erhalten. Noch ist nicht klar, ob es wirklich so kommt. Und schon empören sich die Westkollegen über die angebliche Benachteiligung.

Die Ärzte rebellieren

Deutschlands Ärzte rebellieren. Selten war ihre Wut so groß wie in diesen Tagen. Eigentlich sollte die Honorarreform für mehr Gerechtigkeit sorgen. Tatsächlich aber fühlen sich Tausende Mediziner übervorteilt. Und so eskaliert der Streit: mit der Politik, den Krankenkassen - und vor allem innerhalb der Ärzteschaft.

Rund 30 Milliarden Euro werden die gesetzlichen Krankenkassen in diesem Jahr für die ambulante Gesundheitsversorgung ihrer rund 70 Millionen Versicherten zahlen. Das Geld geht zunächst an die 17 regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), die es dann an die rund 149.000 niedergelassenen Ärzte und Therapeuten verteilen. Doch nun gerät dieses seit Jahrzehnten stabile Versorgungssystem ins Wanken.

Höchste Honorarsteigerung in der Geschichte

Dabei waren die Ärzte noch im Herbst so hoffnungsfroh. Einen satten Zuschlag von 2,7 Milliarden Euro hatten sie den Kassen abgetrotzt. Hatten die komplexen Formeln durch ein einfaches, kalkulierbares Abrechnungssystem nach Euro und Cent ersetzt. Hatten ihre langjährige Forderung nach gerechter Bezahlung in Ost und West durchgeboxt. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler, jubelte über "die höchste Honorarsteigerung in der Geschichte der KBV".

Heute ist von der Aufbruchstimmung nichts mehr zu spüren. Rein rechnerisch bedeutet die Honorarsteigerung für jede Praxis ein Plus von 18.000 Euro. Doch das Geld kommt nur ungleich in den Praxen an. Während die Ost-Ärzte im Mittel rund 17 Prozent mehr verdienen sollen, erhalten die im Westen durchschnittlich nur 2,2 Prozent mehr. Vor allem Ärzte in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Bayern und Baden-Württemberg fühlen sich als Verlierer.

Deutlich weniger als bisher bekommen insbesondere Facharztgruppen wie Orthopäden oder Unfallchirurgen, die bislang von der Umverteilung der Kassenärztlichen Vereinigungen profitiert hatten. Die hessischen Dermatologen befürchten gar einen Absturz um 25 Prozent.

Im kleinen Städtchen Leonberg, 20 Autominuten westlich von Stuttgart, hält der Orthopäde Robert Heger seine Praxis geschlossen: aus Protest. Wegen der Honorarreform erhält der Doktor in diesem Quartal 24 Prozent weniger Geld als bisher. Einer seiner neun Mitarbeiterinnen habe er kündigen, zwei weitere auf Teilzeit herabstufen müssen, erzählt Heger. Zwar sei ihm bewusst, dass Kollegen im Norden und Osten Deutschlands durchaus von der Reform profitieren, dass sie seinen Protest als unsolidarisch empfinden. Er selbst will jedoch nicht dafür büßen. "Die sollen ihr Geld ja bekommen", sagt Heger. "Aber sie sollen es nicht von mir bekommen."

Im Osten wundern sich die Ärzte über solche Töne. Zuletzt verdienten sie immer noch 25 Prozent weniger als ihre Westkollegen, fast zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung. Ganze Landstriche klagen über Ärztemangel, weil freie Stellen nicht wieder besetzt werden konnten. Die Honorarerhöhung könne diesen Trend endlich umkehren, hofft die Magdeburger Ärztin Kudela: "Das läuft doch über Geld."

Patienten in Streit involviert

Besonders verärgert ist Hans-Joachim Helmig, Chef der KV Brandenburg und Sprecher der Ost-KVen. Schon vor Wochen warf er den bayerischen Ärzten wegen ihrer Forderungen "Realitätsverlust" vor. Die von Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder geforderte Bundesratsinitiative gegen die Honorarreform nennt er zutiefst egoistisch. "Diese Form der Besitzstandswahrung ist ignorant", sagt Helmig. Am Ende würden auch die Patienten im Osten leiden.

Schon heute werden die Patienten in den Streit hineingezogen - um den politischen Druck auf Kassen und Politik zu erhöhen. Manche Ärzte verschieben Behandlungstermine oder sagen sie ganz ab, "um sich mehr Freiraum für die lukrativeren Privatpatienten zu schaffen", wie der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Michael Jaumann aus dem baden-württembergischen Göppingen sagt. Bei ambulanten Operationen stelle er Patienten entgegen allen Gepflogenheiten inzwischen einen Kostenvoranschlag, den sie bei ihrer Kasse genehmigen lassen sollen. "Wenn in den AOK-Geschäftsstellen jeden Tag genug Patienten stehen, die sich beschweren, kommen die sicher schnell ins Schwitzen", hofft Jaumann. Die Deutsche Angestellten-Krankenkasse berichtet von bundesweit 1500 Beschwerden gegen Mediziner, die ihre Patienten - zu Unrecht - nur noch gegen Vorkasse behandeln.

Mit Kanonen auf Spatzen

Nun drohen den Ärzten Konsequenzen. Nachdem drei Orthopäden und vier Augenärzte in Schleswig-Holstein unverhohlen Bares von ihren Patienten verlangt hatten, wollen ihnen die Kassen ihre Zulassung entziehen. In einer Woche soll ein Expertenausschuss der KV über die Anträge entscheiden - und damit über die berufliche Zukunft der Mediziner. Denn ist die Zulassung einmal weg, dürfen die betroffenen Ärzte sechs Jahre lang keine Kassenpatienten mehr versorgen. Den Ärzten bliebe nur ein Bruchteil ihrer Einkünfte.

Bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung warnt man vor allzu rigiden Sanktionen gegen aufmuckende Ärzte. "Man sollte nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen", heißt es. Einen groß angelegten Entzug von Kassenzulassungen werde es nicht geben. Die KBV steckt im Dilemma: Einerseits muss sie widerborstige Ärzte auf Linie bringen. Andererseits muss sie die flächendeckende Versorgung gewährleisten. In Ländern wie Schleswig-Holstein mit weiten ländlichen Regionen wäre die Versorgung gefährdet, würde die KBV hart gegen rebellierende Mediziner durchgreifen.

Kassenärztliche Vereinigung verliert an Macht

Politisch rüttelt der Aufstand der Ärzte inzwischen an den Grundfesten des Systems. Im Zentrum der Kritik steht die KBV als Wegbereiter der neuen Regelung. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert wegen der misslungenen Reform bereits die Abschaffung des KV-Systems. Nach der Bundestagswahl könne es eine Mehrheit für ein neues System geben, sagt er. KBV-Chef Köhler tat das am Dienstag als "populistische Polemik" ab. Doch unwohl dürfte auch ihm angesichts des Sturms sein.

Längst haben die Zweifel an der Macht der Kassenärztlichen Vereinigung auch die Basis erreicht. In Bayern tobte vergangenes Jahr ein erbitterter öffentlicher Streit um den Ausstieg der bayerischen Hausärzte aus dem System. In Baden-Württemberg haben Ärztegruppen einen direkten Versorgungsvertrag mit der AOK geschlossen - und so erstmals die KV umgangen. Gefeiert wurde das nicht nur im Bundesgesundheitsministerium, sondern auch unter den Ärzten.

"Solche Verträge sind unsere einzige Chance, uns zu schützen", sagt der Stuttgarter Hausarzt Michael Oertel. Natürlich hat er sich in das neue Vertragsmodell bereits eingeschrieben - auf die KV zählt er nicht mehr. "Seit Jahren verteilt die nur Geld um; helfen tut sie uns nicht", sagt er. "Die KV hätte längst die Reißleine ziehen müssen. Nun machen wir es eben selbst."

Mitarbeit: Katharina Grimm

FTD