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Analyse: Der Börsenbär beherrscht das Parkett

Hoffnung keimt: Nach dem schwärzesten Aktienjahr seit der Währungsreform von 1948 wagen sich wieder die ersten Optimisten auf das Börsenparkett.

In einem Jahr soll der Deutsche Aktienindex DAX wieder bei 3.800 Punkte stehen - das zumindest schätzen einige Geldhäuser im Durchschnitt. 2002 brach das Kursbarometer allerdings zunächst um gut 40 Prozent ein und kämpft zur Jahreswende um den Erhalt der 3.000-Punkte-Marke.

Schlimmstes Börsenjahr seit Kriegsende

Seit drei Jahren regiert der Bär - Symbol für fallende Kurse - auf dem Parkett. Das hat es seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr gegeben. Kein einziger DAX-Wert verbuchte in diesem Zeitraum Kursgewinne. Am Montag (23. Dezember) konnte sich der DAX nur hauchdünn über der 3.000-Punkte-Marke behaupten. Der Leitindex schloss bei 3.000,84 Punkten und damit um 0,77 Prozent unter dem Vortagesschluss.

Seitwärts-Bewegung höchstes der Gefühle

Ein DAX-Endstand zum Jahresende 2003 von 3.800 Punkten würde einen Kursanstieg von gut 25 Prozent voraussetzen. «Woher sollte das kommen», fragt sich Richard Zellmann von Helaba Trust. Der Aktienmarkt-Spezialist der Tochter der Hessisch-Thüringischen Landesbank erwartet höchstens 3.500 Punkte. Im Lager der Skeptiker sind auch große Institute wie die Deutsche Bank oder das US-Haus Merrill Lynch vertreten. Sie meinen, dass der DAX im kommenden Jahr nicht vom Fleck kommt, sich also - im Börsenjargon - «seitwärts bewegt».

Optimistenw glauben an Trendwende

Eine Konjunkturerholung in der zweiten Jahreshälfte, steigende Firmengewinne und Fortschritte beim Schuldenabbau könnten nach Meinung der Optimisten zu einer Trendwende führen. Die HypoVereinsbank argumentiert zudem mit Vermögensumschichtungen der Anleger zurück in Aktien. Besonders optimistisch ist die DZ Bank, die mit einem Jahresendstand des DAX von 4.200 Punkten rechnet.

Irak-Krieg ist unbekannter Faktor

Doch ein langer Irak-Krieg könnte aus allen Prognosen einmal mehr Makulatur machen. 2002 Jahr verdarben zum Beispiel ungeheure Bilanzfälschungen großer US-Konzerne sowie das Ausbleiben der konjunkturellen Wende den Börsianern den Appetit auf Aktien. 2003 könnten es explodierende Ölpreise in Folge eines eskalierenden Irak- Konflikts und weitere Terroranschläge sein. Solange die US-Konjunktur nicht Tritt fasst und die Kurse an der Wall Street nicht wieder nach oben zeigen, haben auch Anleger in Deutschland nichts zu lachen. Die europäischen Aktienmärkte sind weit davon entfernt, sich von der Entwicklung der US-Börsen zu emanzipieren.

US-Markt gibt immer noch Takt vor

Speziell der deutsche Aktienmarkt koppelte sich allenfalls nach unten ab. Der wichtigste US-Börsenindex Dow Jones verlor beispielsweise gerade einmal 15 Prozent an Wert. Deutschland verzeichnete nicht nur die geringsten Wachstumsraten der Eurozone, auch die Kurseinbrüche fielen am stärksten aus. In London, Paris und Tokio lagen die Aktien-Einbußen zwischen 20 und 30 Prozent.

Vertrauen erschüttert

Skandalgeschichte in Deutschland schrieb der Telematik-Spezialist ComRoad, bei dem fast die gesamten Umsätze frei erfunden waren. Das erschütterte das Investoren-Vertrauen in Wirtschaftsprüfer und Bilanzen auch hier zu Lande. Im Herbst trug die Börse schließlich den skandalumwitterten Neuen Markt zu Grabe.

Umsätze brachen ein

Größter Flop im DAX war die Aktie des Finanzdienstleisters MLP, die in Neuer-Markt-Manier 87 Prozent verlor. Der Aktienwert der Allianz - lange ein Muster an Stabilität - halbierte sich unter anderem wegen großer Verluste bei der Tochter Dresdner Bank. Die Umsätze an den deutschen Aktienmärkten verringerten sich 2002 nach Angaben der Börse um rund 10 Prozent auf ein Billion Euro.

Crash dauert länger

«Der aktuelle Börsencrash ist zwar in etwa genauso stark wie der von 1987, aber er dauert länger - das setzt sich in der Psychologie der Anleger viel massiver fest», erklärt der Direktor des Deutschen Aktieninstituts (DAI), Franz-Josef Leven. «1987 hatten wir es mit einem reinigenden Gewitter zu tun, heute mit einem veritablen Orkan.»

Verluste dämpfen Konsumlust

Längst ist aus dem Kurssturz ein ökonomischer Belastungsfaktor geworden. Die Verluste im eigenen Wertpapierdepot dämpfen die Konsumlust der Verbraucher und schränken den finanziellen Spielraum der Unternehmen ein, hat die Bundesbank festgestellt. Kursverluste von 30 Prozent genügen, um das Wachstum um 0,1 Prozentpunkte zu dämpfen, schätzt die Notenbank.