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ANALYSE: Im Karnevalskostüm zur Hauptversammlung

Böse Zungen behaupten, Hauptversammlungen dienten einigen Aktionären vor allem als Bühne für die Selbstdarstellung: Langatmige Ausführung ziehen die Treffen nicht selten in die Läge.

Und in der Tat werden Vorstände und andere Aktionäre auf Hauptversammlungen nicht selten mit langatmigen Ausführungen zur politischen Lage im allgemeinen und im besonderen konfrontiert. Auch wenn die Mehrheit der Anteilseigner eine sachliche Information über den Stand der Dinge wünscht und dementsprechende Fragen stellt.

Umdenken gefordert

Kein Wunder also, dass der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, unlängst in einem Interview ein Umdenken forderte. Und auch Aktionärsschützer sind über das Verhalten mancher Anteilseigner nicht eben glücklich.

Fast schon Kabarett-reif

Selbst von kabarettistischen Einlagen bleiben manche Hauptversammlungen nicht verschont. So geschehen bei einem DaimlerChrysler-Aktionärstreffen vor einiger Zeit: Ein Anteilseigner trat im Glitzer-T-Shirt auf und trug eine Bahnhofsuhr unter dem Arm. Andere informierten sich über die Möglichkeiten von Probefahrten oder wollten einmal Mängel an ihrem Mercedes besprochen wissen.

Unsachliches Verhalten kritisiert

Kabarettistische Selbstdarstellungen oder Ausführungen, die nichts mit dem Thema zu tun haben, hätten auf Hauptversammlungen nichts zu suchen, sagt denn auch Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft für Kleinaktionäre. Ein derartiges Verhalten könne das Anliegen anderer Aktionäre in Misskredit bringen, die sich sachlich über das Unternehmen informieren wollten.

Angst vor deutschen Aktionären

Kopper riet den Unternehmen in der Wochenzeitung »Die Zeit« sogar: »Mein Rat an alle Firmen mit internationalen Anteilseignern: Ladet sie nicht zu einer deutschen Hauptversammlung ein. Sie könnten am nächsten Morgen voller Entsetzen ihre Papiere verkaufen.« Eine deutsche Hauptversammlung ist seiner Meinung nach eine Einladung zur Selbstdarstellung von Interessen- und Splittergruppen.

Ausufernde Redezeiten

Die Aktionärstreffen müssen zudem kürzer werden, forderte Kopper und richtete die Mahnung auch an die Vorstände. Die Vorstände redeten oft zu lange. Warum, sagte Kopper, »muss man einen einstündigen Vortrag halten, wenn man den Aktionären gerade einen Geschäftsbericht von 200 Seiten in die Hand gedrückt hat?« Zwei Stunden sollten auch in Deutschland für eine Hauptversammlung reichen. Doch selbst wenn viele Vorstandschefs dem Rat Koppers folgen sollten, so ist damit immer noch nicht ausgeschlossen, dass sich die Hauptversammlung bis in die Abendstunden zieht - auch wenn keine kritischen Punkte auf der Tagesordnung stehen. In der Hand haben es vor allem die Aufsichtsratschefs, die das Treffen leiten.

Aufsichtsratschef braucht Fingerspitzengefühl

Der Verlauf des Aktionärstreffens hängt nicht zuletzt auch vom diplomatischen Geschick und Fingerspitzengefühl des Versammlungsleiters ab, sagt Petra Krüll von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Sobald es eine Form der Öffentlichkeit gebe, gebe es auch Selbstdarstellung. Dies könne im Einzelfall die Stimmung zwar auflockern, doch müsse der Versammlungsleiter dem Ganzen Grenzen setzen.

Kaum Saalverweise

Als Beispiel nennt sie eine generelle zeitliche Begrenzung des Rederechts und im Einzelfall die Aufforderung an den Aktionär, doch zur Sache zu sprechen. Vom Einsatz des schärfsten Mittels, des Saalverweises, hält Krüll dagegen weniger. Damit würde dem Betroffenen und seinen Aussagen mehr Bedeutung gegeben, als ihnen zukommt, argumentiert die Expertin.

Friederike Marx