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Börse: Die Rückkehr der Gier

An der Börse locken wieder hohe Gewinne. Doch mit der Gier wächst das Risiko. Ein Warnruf von stern-Reporter Stefan Schmitz.

Das Gefühl, fast vergessen, ist plötz lich wieder da: Gier auf das schnelle Geld. Auf Aktiengewinne, die einem in den Schoß fallen, wenn man seinem Anlageberater magische Worte am Telefon zuraunt. Zum Beispiel: "Zeichnen Sie Q-Cells für mich." Damit konnte jeder, der etwas Mut und Losglück hatte, vergangene Woche ein paar hundert oder tausend Euro einstreichen. Einfach so. Denn der Solarzellenhersteller gab seine Aktie beim Börsengang für 38 Euro aus - und wer sie sofort verkaufte, bekam 49 Euro zurück. Macht 29 Prozent Gewinn an einem Tag.

Das Risiko war gering, denn im außerbörslichen Handel zeichnete sich früh ab, dass die Nachfrage gewaltig sein würde. Eigentlich gab es gar kein Risiko. Nur böse Erinnerungen an die verrückten Jahre 1999 und 2000, als die Welt noch so viel rosiger und freundlicher aussah als heute. Da schossen die Aktien der Internetfirmen alle gleich am ersten Tag durch die Decke. Wer nicht mitmachte, musste sich von seinem Bäcker, dann von von Kollegen aus der Buchhaltung mit Bausparvertrag und am Ende selbst von seiner Mutter verspotten lassen. Da wurde es gefährlich. Kurz darauf hatten viele die Ersparnisse von Jahren vernichtet, schworen sich, diesen Wahnsinn nie wieder mitzumachen, und bunkerten ihr Geld sicher und renditeschwach.

Wieder falsch. Erst kletterte der Dax über 3000, dann über 4000, dann über 5000. Jetzt noch kaufen? Es ist ein teuflisches Spiel. Und wir sind die Deppen darin. Die Deutschen sitzen auf ihrem aus Angst um den Job gehorteten Geld und trauen sich nicht. Abends vor der "Tagesschau" sehen sie, wie der Herr Lehmann von der ARD die Zahlen aus Frankfurt meldet. Selbst die Ungewissheit nach der Bundestagswahl kann den Dax nicht aufhalten. Vergangene Woche stieg er auf ein Dreijahreshoch. Vor allem, weil Ausländer erkannt haben, dass die Deutschland AG weit unterbewertet war und vielleicht noch immer ist.

Selbst grundsolide Papiere wie Aktien der Deutschen Bank legten in den vergangenen zweieinhalb Jahren um weit mehr als 100 Prozent zu. Wer sich an Branchen wie die Solarenergie herantraute, konnte seinen Einsatz, zum Beispiel mit Anteilen der SolarWorld AG, in nur einem Jahr leicht verfünffachen. Mit Indien- und China-Fonds, auch alles andere als Geheimtipps, stieg der Depotwert scheinbar unaufhörlich. Nur trauen musste man sich. Und kann nicht morgen alles vorbei sein? Müssen wir so ein Desaster wie 2000 wirklich noch einmal erleben? Haben wir denn nichts dazugelernt?

Q-Cells war 40fach überzeichnet; das heißt, die Gierigen dieser Welt haben 40-mal mehr Aktien bestellt, als das Unternehmen ausgegeben hat. Da nutzte es auch nichts, dass der Ausgabepreis wegen des Ansturms erhöht wurde. Am Ende entschied das Los, wer Aktien bekam und wer nicht. Nur jede sechste Order kam zum Zuge - zumindest teilweise. Geklappt hat die Spekulation, weil das mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnete Unternehmen ein vergleichsweise kleiner Fisch ist. Nur rund 300 Millionen Euro hat der Solarzellenhersteller eingesammelt. Da konnten die Aktien knapp und teuer gehalten werden.

Noch sind die Gierigen in der Minderheit - doch es werden mehr. Erfolgreiche Börsengänge galten lange als unmöglich, jetzt vertrauen immer mehr Firmen auf den Stimmungsumschwung und hoffen auf einen Geldsegen durch die Ausgabe von Aktien. Wer bei Q-Cells nicht dabei war, konnte gleich am nächsten Tag bei der Sunline AG Aktien zeichnen.

Die Neuemissionen werden sich häufen. Denn die Alteigentümer aussichtsreicher Firmen hoffen ebenso auf das große Geschäft wie die Zeichner der Aktien. Mit der Gier aber kommt irgendwann die Angst und dann vielleicht wieder die Panik. Wer die Fehler von 2000 nicht wiederholen will, sollte auf seinen Bäcker, die bausparenden Buchhalter und seine Mutter achten. Empfehlenswert ist auch der Besuch eines Kegelklubs, in dem sich ganz normale Leute treffen. Reden sie über Fußball, kann man Aktien fair bewerteter Firmen kaufen. Reden sie über Aktien, muss alles raus aus dem Depot. Aber ganz schnell.

Stefan Schmitz / print
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