HOME
TV-Kritik

"Lehman. Gier frisst Herz": Ein Doku-Drama erklärt, wie es zur Jahrhundertpleite kam

Mit einem spannenden Doku-Drama versucht Das Erste zu erklären, was immer noch schwer zu erklären ist: Die Jahrhundertpleite der Investmentbank Lehman Brothers vor zehn Jahren.

Von Thomas Ammann

Gier frisst Herz

Szene aus dem Dukudrama "Gier frisst Herz" mit Richard van Weyden (l.) und Isaak Dentler

ARD

Nach dem riesigen Erfolg des ZDF mit "Bad Banks" kümmert sich jetzt die ARD um die "worst bank", die vermutlich schlimmste Bank des Planeten, deren Pleite vor fast genau zehn Jahren, im September 2008, die verheerende Finanzkrise ausgelöst hat, die Regierungen wanken ließ und die ganze Weltwirtschaft in den Abgrund zu reißen drohte: Lehman Brothers.

"Gier frisst Herz" heißt das packend erzählte Doku-Drama, das sich den Ursachen der Lehman-Pleite zu nähern versucht und dabei geschickt mit der Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit spielt. Es tauchen unter anderem auf: Banker, einfache Berater ebenso wie die Strippenzieher aus der internationalen Finanzwelt, die Milliarden und Abermilliarden verzockt haben und bis heute nicht von "Schuld" sprechen wollen, schon gar nicht von ihrer eigenen; die Profiteure aus den Finanzinstituten, die jahrelang für ihre faulen Kreditgeschäfte märchenhafte Boni einstrichen, ebenso wie die geschädigten Kunden, die bei ihrer Sparkasse eine Alterssicherung suchten und dabei ihr gesamtes Vermögen verloren; und damals verantwortliche Politiker wie der ehemalige bundesdeutsche Finanzminister Peer Steinbrück, der in frappierender Offenheit zugibt, dass er selbst "wie viele andere" seiner Kollegen "nicht zu denen gehört habe, die diese Finanzkrise vorhergesehen haben." 

Diese realen Personen sind eingebunden in eine Rahmenhandlung mit Schauspielern, die zu erklären versucht, was der Goldrausch in einer völlig entfesselten und enthemmten Finanzwelt in den Köpfen ihrer Akteure bewirkte. 

Bankberater werden zu skrupellosen Verkäufern

So lernt man einerseits ahnungslose Bankkunden wie die Wirtsleute Claudia und Torsten Büttner (gespielt von Susanne Schäfer und Oliver Stokowski) kennen, die durch die Bankenpleite sämtliche Ersparnisse verlieren, und andererseits Bankberater, oft nicht minder ahnungslos, die zu skrupellosen Verkäufern werden. Darunter der biedere Sparkassenangestellte Arno Breuer (Joachim Król), der auf Druck der Chefin und gegen sein Bauchgefühl Lehman-Zertifikate verkauft und sogar seine Stammkunden verrät, oder die junge Onlinebankerin Nele Fromm (Mala Emde), die aus übertriebenem Ehrgeiz und der Jagd nach fetten Prämien bereit ist, buchstäblich über Leichen zu gehen.

Obwohl die Charaktere der Spielhandlung etwas holzschnittartig wirken, entwickelt der Film schon nach kurzer Zeit einen regelrechten Sog. Dass Spannung aufkommt, liegt vor allem daran, dass es den Autoren gelungen ist, ihre Gesprächspartner in den Interviews zu sehr bemerkenswerten Aussagen und Geständnissen zu bewegen. So bekennt Jean-Cluade Trichet, der der damalige Chef der Europäischen Zentralbank: "Es war eine verheerende Mischung aus fehlendem Durchblick und mangelndem Risikomanagement, die diese Zeit ausgemacht hat." 

Und die letztlich zur Katastrophe führte. Als Lehman Brothers, eine der weltweit größten Investmentbanken, am Montag, den 15. September 2008 pleite ging, fiel eine Entscheidung, die wie ein Brandbeschleuniger auf die bereits schwelende Finanzkrise wirkte. Die politisch Verantwortlichen in den USA retteten Lehman Brothers nicht und lösten damit "die schwerste Finanzkrise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus", wie Trichet rückblickend sagt.

Peer Steinbrück erinnert sich

Der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat an das Wochenende vor der Jahrhundertpleite nur die angenehmsten Erinnerungen. "Der Finanzministerrat tagte damals in Nizza", erzählt Steinbrück im Filminterview, "und da gab es ein abendliches Essen. Danach kam ich auf eine wunderbare Dachterrasse und genoss mit einigen Journalisten einen wunderbaren Weißwein und eine leichte Meeresbrise, die über das Mittelmeer wehte." Über die drohende Lehman-Pleite sei damals nicht gesprochen worden.

Später musste Steinbrück zusammen mit Kanzlerin Angela Merkel vor die TV-Kameras treten, um eine Massenpanik unter den deutschen Sparern zu verhindern. Auch diese Szene taucht im Film noch einmal auf.

Bis heute hat die Folge dieser Krise mehr als sieben Billionen Euro gekostet. Der 15. September 2008 bedeutete für viele der 50.000 Anleger, die ihr Geld in vermeintlich sichere Lehman-Zertifikate investiert hatten, den Verlust ihrer Altersabsicherung, des Spargroschens der Kinder, ihres Ersparten. 

"'A&D Kunden' - alt und doof"

"Der größte Teil der Geschädigten waren ältere Leute", berichtet die ebenfalls geprellte Sparkassenkundin Claudia Bickert im Film. "Und das hieß ja auch 'A&D Kunden' - alt und doof. Bei denen hat man das ausgenutzt. Und das 'D' traf dann bei mir zu." Claudia Bickert, damals Anfang 40, verlor den größten Teil ihres Ersparten, das sie sich nach ihrer Scheidung als Alterssicherung beiseitelegen wollte.

Wer verstehen will, wie es zu dieser Pleite kommen konnte, und warum es überhaupt nicht ausgeschlossen, dass sich eine ähnliche Katastrophe wieder ereignet, sollte sich "Gier frisst Herz" ansehen. Zum Abschluss warnt Ex-Zentralbank-Chef Jean-Claude Trichet: "Wir sind jetzt in einer Situation, die man als noch gefährlicher betrachten könnte als die von 2007/ 2008. Und ich mache mir große Sorgen, dass wir nichts daraus gelernt haben."

"Gier frisst Herz", Das Erste, 23. September 2018, 21.45 Uhr nach dem "Polizeiruf 110"