VG-Wort Pixel

Gaskrise Der deutsche Lehman-Moment? Warum eine Uniper-Pleite so gefährlich wäre

Erdgasspeicher von Uniper im bayerischen Bierwang
Erdgasspeicher von Uniper im bayerischen Bierwang
© Frank Hoermann / SVEN SIMON/ / Picture Alliance
Die deutsche Gaskrise spitzt sich zu. Energieriese Uniper ist von der Pleite bedroht und könnte eine Kettenreaktion auslösen. Wie lässt sich das verhindern?

Wenn Ökonomen vor einem drohenden "Lehman-Effekt" warnen, dann herrscht Alarmstufe rot. Schließlich war es die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, die 2008 den amerikanischen Häusermarkt kollabieren ließ und eine globale Finanzkrise auslöste. Die Lehman-Pleite war der Auslöser, der ein im Verborgenen bereits länger marodes System schlagartig einstürzen ließ. In der Folge gerieten auch andere Banken in Schieflage, die Regierungen mussten massiv eingreifen, um einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern.

Nun könnte eine drohende Pleite des Energieriesen Uniper zum deutschen Lehman-Moment werden. Zum Auslöser, der das bedenklich wackelnde Kartenhaus der deutschen Gasversorgung – und des daran hängenden Wirtschaftssystems – zum Einsturz bringen könnte. Der renommierte Ökonom Jens Südekum warnte gerade im Deutschlandfunk vor einer Art Lehman-Effekt für den deutschen Gasmarkt. Und auch Wirtschaftsminister Robert Habeck hat das L-Wort vor einigen Tagen in den Mund genommen, als er allgemein vor einer Pleite deutscher Energieversorger warnte. 

Uniper braucht Staatshilfe

Am Donnerstag hat der größte deutsche Gasimporteur Uniper die ganze Dramatik der Situation mit der Öffentlichkeit geteilt. Weil Russland die Liefermengen stark reduziert hat und die Preise extrem gestiegen sind, ist das Unternehmen in erhebliche Schieflage geraten. Ohne Hilfe vom Staat wird es nicht mehr lange weitermachen können.

Seit Mitte Juni erhält Uniper nur noch 40 Prozent der vertraglich vereinbarten Gasmengen aus Russland. Um die Kunden, darunter zahlreiche Stadtwerke, weiter beliefern zu können, muss Uniper am Spot-Markt kurzfristig Gas zu einem Vielfachen des Preise zukaufen. Das verursacht tägliche Millionenverluste, denn weitergegeben wird das Gas – noch – zu den viel günstigeren Preisen, die vor der Gaskrise vereinbart wurden.

Sollte Uniper nicht mehr wie vereinbart liefern können, wären nicht nur große Industriekunden betroffen, sondern eben auch Stadtwerke und in der Folge Millionen Privathaushalte. Es droht eine Kettenreaktion, die den gesamten Gasmarkt erschüttern würde. 

Drohende Kettenreaktion

Die Bundesregierung arbeitet daher hinter den Kulissen fieberhaft an Lösungen. Die naheliegendste Reaktion wäre, dass Wirtschaftsminister Robert Habeck Paragraf 24 des Energiesicherungsgesetzes aktiviert. Dieser würde es Uniper erlauben, trotz bestehender Verträge die Preise entsprechend der gestiegenen Beschaffungskosten anzuheben. Allerdings würde das Problem dadurch in der Kette nur weitergeschoben.

Der Verband kommunaler Unternehmen warnt, viele Kunden würden die sprunghaft höheren Preise schlicht nicht zahlen können. "Das wiederum würde auch viele unserer eigentlich kerngesunden Stadtwerke in Liquiditätsnöte und schlimmstenfalls an den Rand der Insolvenz bringen", sagte VKU-Chef Ingbert Liebing der "Rheinischen Post". "Wenn dann eine kritische Masse an Stadtwerken kippen würde, könnte das eine Kettenreaktion auslösen. Das könnte zu chaotischen Zuständen am Energiemarkt führen, die definitiv die gesamte Energiewirtschaft in die Bredouille bringen und die Versorgungssicherheit quasi von Grund auf gefährden würde." 

Alarmstufe Gas: Das sieht der staatliche "Notfallplan Gas" vor

Neues Umlagesystem als Lösung?

Aus diesem Grund scheut sich auch Robert Habeck den Paragrafen 24 zu ziehen. Stattdessen arbeitet die Bundesregierung an alternativen Lösungen. Neben möglichen massiven direkten Staatshilfen in Form von KfW-Krediten und einer Teilverstaatlichung erwägt die Regierung auch, in das Energiesicherheitsgesetz die Option eines Umlagesystems einzubauen. Statt die höheren Preise geballt an einen Teil der Gaskunden weiterzuleiten, könnte das neue Solidarsystem sie an die Breite der Verbraucher verteilen. Gasimporteure, die besonders stark leiden, könnten so einen finanziellen Ausgleich dafür erhalten, dass sie die Preise nicht weitergeben können. Der Stadtwerkeverband VKU und der Energieverband BDEW unterstützen eine Umlagelösung, deren Details allerdings hinter den Kulissen noch fieberhaft erarbeitet werden müssen.

Noch vor der parlamentarischen Sommerpause soll eine mögliche Lösung durch den Bundestag, denn die Zeit drängt. Ab 11. Juli wird die Ostseepipeline Nordstream 1 planmäßig gewartet, sodass erstmal gar kein Gas mehr aus Russland geliefert wird. Am 21. Juli soll das Gas planmäßig wieder fließen, doch ob das wirklich passiert, daran gibt es massive Zweifel. Robert Habeck sagt, es wäre nicht "superüberraschend", wenn der Gashahn zu bleibt. Nun muss er dafür sorgen, dass der 21. Juli nicht der Lehman-Moment der deutschen Energieversorgung wird.

mit Agenturmaterial

Mehr zum Thema



Newsticker