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Harnstoff für Dieselfahrzeuge Deutschlands größter Adblue-Hersteller über drohende Knappheit: "Wir laufen trocken"

Anlagen der SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH
Beim größten Adblue-Produzenten in Deutschland, der SKW Piesteritz in Sachsen-Anhalt, stehen seit etwa zwei Wochen wegen der hohen Gaspreise die Anlagen still
© Sebastian Willnow
Die hohen Gaspreise ziehen weitere Kreise und wirken sich nun auch auf die Herstellung von Adblue, ein wichtiger Stoff für neuere Dieselfahrzeuge, aus. Es droht ein Mangel. Deutschlands größter Hersteller warnt: "Wir laufen trocken." Das Wirtschaftsministerium widerspricht.

Vor rund drei Wochen sagte ein Unternehmenssprecher von den SKW Stickstoffwerke Piesteritz in Wittenberg, dass aufgrund der extrem hohen Gaspreise und der Gasumlage ein Produktionsstopp und Kurzarbeit drohen. Es hieß, dass man spätestens zum 1. Oktober gezwungen sei, in Kurzarbeit zu gehen, sollte die damalige Situation anhalten.

Am Mittwoch teilte das Unternehmen nun mit, dass seine Lagerbestände an Adblue fast aufgebraucht seien. "Wir laufen trocken. Wir leeren unsere Lagerbestände, weil wir nicht mehr produzieren", sagte ein Sprecher des größten Adblue-Herstellers in Deutschland gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. SKW hatte seine Produktion aufgrund der hohen Gaspreise vor zwei bis drei Wochen eingestellt – Gas wird zur Herstellung der Harnstofflösung benötigt. Damit besteht jetzt die Sorge, dass es zu einer Adblue-Knappheit in Deutschland kommen könnte. Dem Unternehmenssprecher zufolge werde SKW nun seine Bestände verkaufen, um weitere Verluste zu vermeiden.

Vorstandssprecher beim Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), Dirk Engelhardt warnte gegenüber der "Bild" vor einem Engpass bereits in zwei Wochen. "Kein Adblue bedeutet keine Brummis. Und das bedeutet keine Versorgung in Deutschland", so Engelhardt gegenüber der Zeitung. Er forderte die Bundesregierung zum Handeln auf.

Ein Adblue-Mangel würde große Folgen haben. Denn der Stoff findet zur Abgasnachbehandlung nicht nur in modernen Autos Einsatz, sondern auch in einem Großteil aller Lkws und Busse mit Dieselantrieb Anwendung. Da der Bestand an Dieselfahrzeugen in Deutschland sehr groß ist, ist der Bedarf an AdBlue entsprechend hoch. Darüber hinaus benötigen auch Baumaschinen und Schiffe die Harnstofflösung. Auch vergangenen Herbst hatte es schon Berichte über AdBlue-Mangel gegeben.

Wirtschaftsministerium: "Noch keine wirkliche Verknappung" von Adblue festgestellt

Indes widerspricht das Wirtschaftsministerium einem möglichen Adblue-Mangel. "Wir haben noch keine wirkliche Verknappung feststellen können, aber wir sind darauf vorbereitet und werden gegebenenfalls Maßnahmen ergreifen, um diesen wichtigen Stoff verfügbar zu halten", sagte ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums gegenüber Reuters und fügte hinzu, dass die Regierung die Märkte beobachtet, die stark auf Gas angewiesen sind. Dem Sprecher zufolge könnten Importe aus dem Ausland eine Option sein. Außerdem könnten die Hersteller eine staatliche Notfinanzierung erhalten.

Neben SKW stellt auch der Chemie-Riese BASF sowie das norwegische Unternehmen Yara Ammoniak, den Grundstoff von Adblue her. BASF erklärte, dass es die Adblue-Industrie weiter beliefern wird. Ob der Chemiekonzern den Mangel seiner Konkurrenz ausgleichen kann, wollte er nicht sagen. Anfang der Woche hatte BASF jedoch bekannt gegeben, dass es seine Ammoniakproduktion in Europa aufgrund steigender Gaspreise reduziert und einen Teil davon von externen Lieferanten bezieht. Auch Yara hatte vergangenen Monat mitgeteilt, wegen der hohen Gaspreise nur etwa 35 Prozent seiner europäischen Ammoniakkapazitäten zu nutzen.

Ammoniak und der verwandte Harnstoff sind wichtig für die Herstellung von Stickstoffdüngern und haben damit Einfluss auf die Ernährungsbranche – sowie für einige technischen Kunststoffen. Als Nebenprodukt entsteht hochreines CO2, das in der Fleisch- und Getränkeindustrie benötigt wird.

Quellen: Reuters, Bild, mit Material der dpa

nk

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