HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

Horst von Buttlar: Der Capitalist: Die Lehman-Rechnung: Warum die USA 48 Milliarden Plus machten - und Deutschland 46 Milliarden verlor

Zehn Jahre nach der Finanzkrise gibt es im Grunde nur eine Lektion: Bei der nächsten Bankenkrise muss man schnell, riskant und brutal retten. So wie die Amerikaner es uns vorgemacht haben.

Lehman Brothers

Die Zentrale der US-Investmentbank Lehman Brothers in New York. Das Foto wurde am 15. September 2008 aufgenommen, dem Tag des Konkurses, der die Finanzkrise auslöste.

DPA

Bestimmt werden Sie in diesen Tagen, zehn Jahre nach der Pleite von Lehman Brothers, mit allerlei Was-haben-wir-gelernt-Kommentaren und Die-Banker-zocken-wieder-Klagen überhäuft. Damit werde ich Sie verschonen, weil es nach dieser Jahrhunderterschütterung im Kern nur eine Erkenntnis gibt: Wir werden die nächste Krise nicht verhindern; wir sind nur besser darauf vorbereitet - weil wir schmerzhafte Erfahrungen sammeln durften und eine Art Handwerkkasten und Leitfaden für die nächste Krise haben.

Viel spannender ist es, sich ein paar Zahlen der Bankenrettung einzuprägen, weil wir aus ihnen lernen können, wie man die nächste Finanzkrise (die irgendwann kommen wird) besser managt. Das haben ein paar meiner Kollegen vom Wirtschaftsmagazin "Capital" getan, also eine Art Gesamtabrechnung nach zehn Jahren. (animierte Grafiken finden Sie hier).

Hier die Kernerkenntnisse, wie viel die Steuerzahler in den USA und Deutschland 2008 zahlen mussten – und was die Ergebnisse waren:

  • In Deutschland gab es insgesamt 340 Milliarden Dollar an Staatshilfen (davon 281 Milliarden in Form von Garantien, 59 Milliarden in Form einer Kapitalisierung der Banken)
  • Die USA zahlten insgesamt 782 Milliarden Dollar an Staatshilfen (davon 424 Milliarden an Garantien, 358 Milliarden an Kapital)
  • Die Deutschen verloren rund 46 Milliarden Dollar. Bund und Länder setzten vor allem auf Garantien, was weniger riskant wirkte - sich aber nicht auszahlte
  • Die USA kamen mit einem Plus in Höhe von 47,8 Milliarden Dollar raus. Denn als sie sich von ihren Anteilen an den Banken, die sie kurzerhand und schnell rekapitalisiert hatten, trennten, waren die Kurse wieder gestiegen.

Die Deutschen reden, die Amis machen

Die Lektion: Man muss die Banken schnell und brutal "retten", in Form von frischem Kapital.

Während die Deutschen damals wochenlange Grundsatzdiskussionen führten, ob man Banken in Teilen zwangsverstaatlichen darf, machte die US-Regierung kurzen Prozess und beteiligte sich auch an Banken, die scheinbar gar keine Hilfe benötigten (eine Chronik finden Sie hier). Die Idee: Wenn man in alle großen Institute einen Kapitalpuffer steckt, sorgt man für weniger Unruhe und Spekulationen.

Die Bankenrettung in Deutschland dagegen wurde eine gruselige Endlosgeschichte, die im Grunde immer noch nicht abgeschlossen ist: Der Hilfsfonds SoFFin des Bundes stützte damals die Hypo Real Estate mit insgesamt 143 Milliarden Euro an Garantien und Kapital - was sicherlich der größte Brocken war. Der Commerzbank half er mit insgesamt 23 Milliarden Euro, hier ist der Staat immer noch beteiligt, und das Institut ist weit davon entfernt, eine rosige Zukunft vor sich zu haben. Ein Großteil der Rettungslast fiel ohnehin auf die vielen Landesbanken, die entweder abgewickelt wurden (West LB) oder bilanziell gesehen immer noch vor sich hin gammeln, wie die HSH Nordbank. Der deutsche Bankensektor ist heute immer noch ein Schatten seiner selbst. Und das ist die Ironie der Bankenkrise: Wir müssen lernen, dass man der Branche, auch wenn sie nach dem Eindruck vieler Menschen voller Zocker und Hasardeure ist, so schnell wie möglich wieder auf die Beine helfen muss (und erst später bestrafen), weil eine gesunde Wirtschaft einen starken Kapitalmarkt braucht. Das hatten die Amerikaner verstanden.  

Das Rein-Raus-Prinzip

Das führt zur zweiten Lektion: In einer Finanzkrise muss man Regeln brechen. Das haben wir auf europäischer Ebene getan, aber 2008 hat unser Land zu lange gezögert, ob ein Staat sich zwangsweise an Banken beteiligen darf. In den USA dauerte es wenige Stunden. Das beherzte Rein-Raus-Prinzip führte auch dazu, dass der Bankensektor in den USA heute viel stärker und gesünder ist, obwohl die Regierung die Institute einige Jahre später hart bestrafte: Allein die Bank of America musste gut 76 Milliarden Dollar Strafe zahlen, JP Morgan Chase 43,7 Milliarden Dollar und die Citigroup 19 Milliarden Dollar. 

Der staatliche Regelbruch ist eine komplizierte Angelegenheit, über die sich Ökonomen und Historiker seit Jahrhunderten den Kopf zerbrechen. "Es gibt Zeiten, in denen dürfen Regeln (…) nicht gebrochen werden; und es gibt andere, in denen sie nicht angewendet werden dürfen, ohne Gefahren heraufzubeschwören", schrieb schon der britische Banker Thomas Joplin, einer der Vordenker des Bankwesens, nach einer großen Krise in England 1825. Und Walter Bagehot, Gründer und Herausgeber des "Economist", sagte: "Rigide Regeln sind immer gefährlich. Die Kräfte des Feindes ändern sich, also dürfen die der Verteidigung nicht immer die gleichen sein."

Der MIT-Ökonom Charles Kindleberger hat dem Thema sogar einen ganzen Essay gewidmet. Er heißt "Rules vs. Men", und darin stellt er die These auf, dass Extremsituationen die Verantwortlichen sogar verpflichten, Vorschriften und Gesetze zu brechen - die Lösung müsse pragmatisch sein, nicht ideologisch (mehr dazu lesen Sie hier).

Walter Bagehot schrieb übrigens noch einen anderen schönen Satz: "Über Ausbrüche von Manien und Panik ist schon viel geschrieben worden", notierte er 1856. "Weit mehr, als selbst ein weit gespannter Geist verfolgen oder begreifen kann. Doch eines ist sicher: dass eine stattliche Menge dummer Menschen eine stattliche Menge dummen Geldes besitzt."

Vielleicht merken Sie nun, dass die Was-haben-wir-gelernt-Essays nur bedingt weiterhelfen. 

Die tatsächlichen Kosten sind höher

Die Bilanz der Bankenrettung klammert zudem die Kosten aus, die die Krise die gesamte Wirtschaft gekostet hat - der Einbruch bei den Unternehmen, die Millionen an Arbeitslosen und zerstörten Existenzen. Adam Tooze, Professor an der Columbia University in New York, hat das in einem jüngst erschienenen Buch mit dem Namen "Crashed" noch mal eindrucksvoll dargelegt. Seine These: Damals wurde das Vertrauen in die Kraft der globalen Wirtschaftsordnung weit mehr erschüttert, die Mittelschicht weit stärker zerstört, als die großen Zahlen wie das BIP heute zeigen - was in vielen Ländern den Keim für den Aufstieg der Populisten legte.

Konkret: Viele Länder haben den Krater, den die Finanzkrise in der Wirtschaftskraft verursacht hat, längst überwunden. Deutschland gelang das schon im Jahr 2010, das BIP ist seit dem Einbruch auf 2,46 Billionen im Jahr 2009 auf heute 3,38 Billionen Euro gestiegen. Doch die Löhne stagnierten in vielen Ländern nach der Krise. In den USA wurde dieser Tage gemeldet, dass die Löhne erst jetzt wieder das Niveau von 2007 erreicht haben. Dazwischen liegen viele unerfüllte Träume und große Ängste, Häuser, die nicht gebaut oder abbezahlt wurden, zu viele Jobs bei Starbucks, die keinen Aufstieg bedeuteten.

Dies führt zur letzten Erkenntnis: Bankenkrisen sind lang und schmerzhaft. Sie führen, das hat der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff vorgerechnet, in der Regel zu einem Abschwung der Wirtschaft von vier bis sechs Jahren. Insofern ist der "Gewinn", den die USA aus der Bankenrettung zogen, zwar besser als der Verlust der Deutschen - aber er ist bitter und teuer erkauft.