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Schmiergeld-Affäre Gribkowsky Die Gier des Bankers


Hat Gerhard Gribkowsy als Vorstand der BayernLB Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe von Promis wie Formel-1-Boss Ecclestone erhalten? In München hat der Prozess gegen den Banker begonnen.
Von Malte Arnsperger

Das soll die Hauptfigur in einer der größten Bestechungsaffären Deutschlands sein? Dieser etwas dickliche Mann mit dem Bubi-Grinsen und den Grübchen in den Wangen? Der auf Fotos stolz wie ein Kind in den Formel-1-Boxengassen neben dem Rennfahr-Boss Bernie Ecclestone steht und die unvermeidlichen Vollgas-Luder angafft? Dieser Mann ist Gerhard Gribkowksy, ehemaliges Vorstandsmitglied der Bayern-LB. Er soll rund 44 Millionen Dollar Schmiergeld von Ecclestone bekommen haben, demnächst muss er sich wegen dieses angeblich schmutzigen Geschäfts vor dem Münchner Landgericht verantworten. Ein spektakulärer Fall, der die schier grenzenlose Gier in diesen Kreisen aufzeigt und Methoden, die von der Justiz nur schwer zu durchschauen sind.

Gerhard Gribkowsky, Jahrgang 58, hat eine typische Bankerkarriere hinter sich. Geboren in Hamburg, Abitur in Bremen, Zeitsoldat, Lehre zum Industriekaufmann, Jurastudium. Dann ein Job bei der Deutschen Bank, zuletzt im Kunden- und Kreditgeschäft. 2002 wechselt er zur Bayern LB in den Vorstand als "Chief Risk Officer", empfohlen von Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu. Gribkowsky soll frischen Finanzmarkt-Wind aus Frankfurt in die biedere Landesbank nach München bringen und überhaupt erst ein richtiges Risikomanagement für heikle Geschäftsbeziehungen aufbauen. Das vergleichsweise junge neue Vorstandsmitglied war fortan für die schwierigen Fälle zuständig. Auch für die Anteile der Bayern an der Formel-1. Dazu war das Institut wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Denn nachdem Medienmogul Leo Kirch für seinen Einstieg in die Formel 1 2001 knapp eine Milliarde Euro Kredit von der Bayern LB bekommen hatte, ging er 2002 pleite. Die Bank erbte mit zwei anderen Instituten plötzlich die Mehrheit an der Formel-1-Holding SLEC.

"Überheblichkeit und das kleine-Mann-Syndrom"

Formel 1? Passte irgendwie nicht zur Bayern LB, deshalb sollte Gribkowsky die Anteile verkaufen - möglichst teuer natürlich. Keine ganz einfache Aufgabe, schließlich galt es, einen Mann mit übergroßem Ego in Schach zu halten. Bernie Ecclestone, der selbsternannte Formel-1-König, der alles daran setzte, die Kontrolle über sein Baby nicht zu verlieren. Die beiden Männer spielten "hardball", testen den Gegenüber. Ecclestone versuchte, die Banker aus den Entscheidungsgremien zu drängen, Gribkowsky wiederum klagte erfolgreich gegen diese Winkelzüge. Der Bär aus München ließ sich einfach nicht einschüchtern von dem englischen 1,60-Meter-Mann. 2005 dann die überraschende Wende: Die Formel-1- Rennställe drohten mit der Gründung einer eigenen Rennserie. Schlecht für Ecclestone, schlecht für den Wert der Bayern-LB-Anteile. Aus erbitterten Feinden wurden Partner. Prompt tritt ein Investor auf. Der Private Equity Fonds CVC will die Anteile haben und sichert Ecclestone weiterhin die Macht zu. Kaufpreis 839 Millionen Dollar, kein schlechtes Geschäft für die Bayern LB, so schien es. In der Bank gibt es Lob für Gribkowsky, obwohl er - entgegen seiner Gewohnheiten - den Deal laut Anklage im Alleingang durchgezogen hat.

Einer, der Gribkowsky kennt, als er noch bei der Deutschen Bank war, bescheinigt ihm "Eitelkeit gepaart mit Erwerbssinn". Diese Eigenschaften haben ihm offensichtlich im Ringen mit Ecclestone geholfen. Aber der Insider sagt auch, bei Gribkowsky käme "Überheblichkeit und das kleine-Mann-Syndrom" dazu. Diese Mischung wiederum kann schon mal gefährlich werden. Und dies ist offensichtlich bei Gribkowsky passiert. Weil er das ganz große Rad drehen wollte und ihm seine 500.000 Euro Jahresgehalt nicht genug waren, sitzt der Mann seit Januar in U-Haft.

Nach Lesart der Anklageschrift verlangte Gribkowsky nämlich vor dem Deal, von dem auch Ecclestone profitierte, plötzlich Geld. Viel Geld. 50 Millionen Dollar wollte er von dem Formel-1-Zampano haben. Ecclestone und seine Familienstiftung hätten sich dieses Geld zusätzlich von der Bayern-LB geholt, als Provision für die Vermittlung des Investors. Schaden für die Bank laut Anklage: 66,5 Millionen Dollar. Über zwei Briefkastenfirmen - Sitz natürlich in der Karibik - flossen dann 2006 und 2007 insgesamt 44 Millionen Dollar an Gribkowsky. Natürlich nicht auf sein deutsches Privatkonto, sondern auf das Konto von Beratungsfirmen und Stiftungen, die er zwischenzeitlich in Österreich gegründet hatte. Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Untreue, Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung in Deutschland. Mögliche Folge: Gribkowsky wird wegen allen Punkten verurteilt, kommt jahrelang hinter Gitter und muss der Bank ihren Millionen-Schaden ersetzen.

Zu Unrecht am Pranger?

Nach Ansicht der Verteidigung von Gribkowsky war alles ganz anders. Der Deal sei ohne Bestechung abgelaufen, Ecclestone habe seine Provision ohnehin verlangt. Einen Schaden der Bank gebe es nicht. Gribkowsky habe erst nach seinem Abschied von der Bank einen Beratervertrag von Ecclestone gewollt. Warum der darauf einging, lässt die Verteidigung offen. Andere Medien sprechen jedoch davon, dass Gribkowsky Ecclestone womöglich erpresst habe - mit Wissen über dessen Steuertricks. Mögliche Folge: Gribkowsky wird zwar als Erpresser und Steuerhinterzieher verurteilt, bekommt aber eine geringere Strafe und muss der Bank keine Millionen zurückzahlen.

"Dieser Fall spielt in der obersten Liga", sagt Uwe Dolata vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Nicht nur, was die angebliche Schmiergeldsumme angeht. Auch die Methoden, wie der Weg der Millionen offensichtlich verschleiert wurde, nötigt dem Korruptionsexperten Dolata Respekt ab. "Da kann selbst die Mafia noch was lernen." Denn bei Geschäften dieser Art seien die Ermittlungen noch komplizierter als bei der organisierten Kriminalität. "Die Geldströme sind schwer nachzuvollziehen und die Gesetze sind unscharf. Und man kann bei einer Bank auch niemanden einschleusen oder sie einfach abhören, so wie bei der Mafia." Ecclestone würde solche Worte sicher als Lob auffassen. Hat er doch mal verkündet "Wir sind nicht eine Art von Mafia, wir sind die Mafia" und stolz ein Gespräch mit Ferrari-Gründer Enzo Ferrarierwähnt: "Der alte Herr sagte einmal zu mir: 'Ecclestone, passen Sie auf. Hier', und dabei zeigte er auf die Tischplatte, 'findet der Sport statt.' Dann schob er die Hand unter den Tisch und sagte: 'Da werden die Geschäfte gemacht.'"

Kick ohne Nebenwirkungen

Gerhard Gribkowsky wird über solche Worte momentan nicht wirklich schmunzeln können. Schließlich steht er, nicht Ecclestone, vor Gericht. Über seine Anwälte ließ er wissen, die Verdächtigungen seien "konstruiert und an den Haaren herbeigezogen". Gribkowsky, "eine Person des öffentlichen Lebens", sei zu Unrecht "an den Pranger gestellt worden".

Ob zu Recht oder zu Unrecht, am öffentlichen Pranger steht Gribkowsky tatsächlich. "Gierbanker" wird der Mann, der bei der Bayern-LB 500.000 Euro im Jahr verdiente, vom Boulevard genannt. Uwe Dolata ist diese Gier nicht neu. "Früher dachte man immer, ein Mensch wird aus Geldnot korrupt. Mittlerweile weiß man, dass sich vor allem die schmieren lassen, die schon sehr viel Geld haben und bei denen die Gier einsetzt. Die brauchen das Geld nicht, sondern wollen den Kick."

Wenn es Gribkowsky wirklich um diesen Kick ging, dann kam er offensichtlich nicht ganz ohne Nebenwirkungen. Als 2006 und 2007 die Gelder aus der Karibik flossen und in Österreich heimlich Firmen und Stiftungen gegründet wurden, nahm ihn das doch ganz schön mit. Wegen "Vorhof-Flattern" wurde er am Herzen operiert, wie er damals jedem gleich erzählte. Wer steht da bald vor Gericht: Ein zarter Bubi oder ein gewissenloser Gierbanker? Wahrscheinlich beides.

Mit Recherchen von Georg Wedemeyer


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