Chinas Finanzwirtschaft "Goldrausch" - trotz hoher Risiken


Chinas Finanzsystem birgt Risiken, aber das schreckt ausländische Banken nicht ab. Die Rede ist von einem neuen "Goldrausch" - trotz fragwürdiger Kreditvergaben.

Niemand kann die Gefahr richtig einschätzen, die von hunderten Milliarden US-Dollar an faulen Krediten in Chinas Finanzsystem ausgeht. Doch ausländische Banken, die Milliarden in die großen Staatsbanken investieren, nehmen das Risiko unbesorgt in Kauf. Vertrauen sie etwa darauf, dass die Regierung schon dafür sorgen wird, dass die Börsengänge der Bankhäuser nicht schief gehen? "Absolut", antwortete ein Vorstandsmitglied, das verantwortlich für eine solche Milliardeninvestition zeichnet, aber namentlich nicht genannt werden wollte. "Das reduziert das Risiko ganz klar."

Wie schwer kalkulierbar die Gefahren sind, offenbarte jetzt eine Studie von Ernst & Young. Die Wirtschaftsprüfer schätzen den Berg fauler Kredite von Banken, Anlageverwaltungsfirmen, Investmenthäusern und Kreditkooperativen in China sogar auf gewaltige 900 Milliarden US-Dollar. Die vier großen Staatsbanken besäßen zwei Mal mehr Problemkredite, als offiziell angegeben: 358 Milliarden US-Dollar. "Fragwürdige Kreditvergaben und die Risikoüberzeichnung im völlig überhitzten Immobilienbereich" ließen eine weitere Welle fauler Kredite in den nächsten Jahren erwarten, wird gewarnt.

Neuer "Goldrausch"

Ausländische Finanzinstitute kauften sich "zu einem gewissen Grad auf Vertrauen" ein. Es mangele an vollständigen Informationen und Zugang zum Management. Doch Chinas Banken winken mit attraktiven Konditionen, um strategische Investoren an Bord zu holen, die ihrem Börsengang die nötige Seriosität geben. Für die Investoren lohnt es sich zunächst - zumindest in den Büchern. Sie kauften zum Beispiel Anteile der China Construction Bank für das 1,15 bis 1,19fache des Buchwertes. Nach dem Börsengang stiegen sie auf das 1,95fache. In diesem Jahr folgen die anderen Flaggschiffe Bank of China und Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) an den Aktienmarkt.

Rund eine Milliarde US-Dollar steckte in diesen Tagen der deutsche Versicherungskonzern Allianz in die ICBC. Zusammen mit Goldman Sachs und American Express bildet Allianz ein Konsortium, das 8,89 Prozent der Anteile übernimmt. Der Kaufpreis wurde zuletzt mit 3,8 Milliarden US-Dollar beziffert. Schon ist von einem neuen "Goldrausch" die Rede. Alle wollen einen Fuß in Chinas Finanzmarkt bekommen, der 2013 zum drittgrößten der Welt aufsteigen soll, wie die Unternehmensberatung McKinsey verheißt. Einerseits wird der freie Markt eingefordert, andererseits setzen Investoren auf die "Schlüsselrolle" des Staates. "Ohne den Einfluss der Regierung würde es nicht funktionieren", sagte ein Beteiligter. Und schon wegen der Olympischen Spiele 2008 werde die Regierung "alles tun, um die Wirtschaft stabil zu halten".

Völlig spekulativer Markt

Doch die größten Risiken entstehen im selbst für Peking schwer kontrollierbaren Immobilienmarkt. Nach offiziellen Angaben sind hier 12 Prozent oder 13 Milliarden US-Dollar an Krediten faul. Doch gehen Ernst und Young schon vom Fünffachen aus. Der Markt ist völlig spekulativ. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden 20 Prozent mehr in den Bau neuer Wohnungen und Büros gepumpt. Der Leerstand legte aber um fast 24 Prozent zu.

Die Preise sind derart hoch, dass sich viele den Wohnungskauf nicht mehr leisten können. Die Regierung warnt, denn wenn die Immobilienblase platzt, wird es eng für die Banken. Wie eng, weiß keiner. Ein US-Experte kommentierte die 900-Milliarden-Schätzung für die faulen Kredite mit den Worten: "Egal wie hoch sie ist, es ist nicht unmöglich, dass sie immer noch zu niedrig ist".

Andreas Landwehr, DPA DPA

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