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Olympia 2012: Groß, Britannien!

The party is over! Zwei Wochen befand sich London im olympischen Ausnahmezustand. Und hat jetzt keine Lust, aus dem Goldrausch aufzuwachen.

Von Cornelia Fuchs, London

Zuletzt feierten sich die Briten selbst. Sie ließen in der Eröffnungszeremonie Tote auferstehen und Bands sich vereinen, die eigentlich gar nicht mehr gemeinsam auftreten wollten - von den Spice Girls bis The Who. Während im Olympiastadion ein Ohrwurm den nächsten jagte, feierten hunderttausend Zuschauer im Hyde Park mit der Popgruppe Blur gleich ein zweites Abschlusskonzert. Die Stadt bekam einfach nicht genug von Großveranstaltungen an diesem Sonntag. Beim Marathon am Mittag waren die Straßen noch voller Zuschauer, die überall die Läufer anfeuerten. Am Abend war alles dagegen wie leergefegt. In den Pubs und durch die Wohnzimmer-Fenster flimmerten auf Bildschirmen die letzten Bilder des olympischen Flammenkelches, dessen großartiges Design auch nach zwei Wochen immer noch Gänsehaut erzeugen kann.

"Tu es nicht, Boris!", tweeteten die Londoner, als ihr Bürgermeister die olympische Fahne an die nächste Olympiastadt Rio übergeben wollte. "Nimm sie und lauf!", riefen sie ihm virtuell via Twitter zu. Doch die Party musste nach 16 Tagen zu Ende gehen.

Mo Farah, ein neuer Nationalheld

An diesem Wochenende hatte London noch einmal losgelegt. In Soho, im hippen Shoreditch und im Hyde-Park sammelten sich die Menschen in der Nacht zu Sonntag und wollten nicht nach Hause gehen. Die Brasilianer hielt es nicht in ihrer Basis im Somerset Haus. Sie nahmen sich Sambatrommeln, hängten sich Fahnen über die Schulter und wanderten über die Waterloo Bridge, singend und tanzend. Am Themseufer vermischten sie sich mit Pubgängern. Es war nur eine der spontanen Straßenfeiern. Im belgischen Haus mitten im mittelalterlichen Temple-Bezirk, dem Viertel der Anwälte, Richter und Tempelritter, tranken Besucher bis in die frühen Morgenstunden. London wollte nichts verpassen von den letzten Stunden ihres Sommermärchens. Immer wieder legte einer die Hände auf den Kopf wie der Langstreckenläufer Mo Farah. "Mobot" nennen sie diese Geste jetzt - benannt nach dem zweifachen Goldmedaillen-Gewinner. Es ist eine Erinnerung, die bleiben wird.

Ein neues britisches Nationalgefühl ist das andere Souvenir dieser Spiele. Das Land hatte sich ans Verlieren gewöhnt. Die Schotten drohten mit Abspaltung, der Londoner Bürgermeister Boris Johnson drohte den Londonern in seinen U-Bahn-Durchsagen mit Chaos in der Hauptstadt, und immer noch droht die größte Rezession der neueren Geschichte den Wohlstand ganzer Schichten zu zerstören.

Die Grantler sind verstummt

Dann kam die Eröffnungszeremonie und ein Goldrausch, den die Elfmeter-gebeutelte Nation so niemals erwartet hätte. Fahnen-schwenkende Briten kamen aus dem Klatschen und La-Ola-Welle-Tanzen gar nicht mehr hinaus. Alle waren plötzlich Gewinner. Die Beilagen der Wochenendzeitungen hatten nicht genug Platz, alle neuen Olympiahelden in voller Größe abzudrucken: Mo Farah, Bradley Wiggins, Chris Hoy, Jessica Ennis, Andy Murray. Dazu kam ein Rekord nach dem nächsten: die erste Goldmedaille im Weitspringen seit fast 100 Jahren, im Bantamgewicht-Boxen, im Frauen-Boxen, im Dressur- und Springreiten. Und zu all diesen Schlagzeilen hat London auch noch ein paar herausragende ausländische Athleten quasi zwangsadoptiert: den Sprinter Usain Bolt, den Schwimmer Michael Phelps, den hürden-hüpfenden Diskuswerfer Robert Harting, den perfekten Reiter Michael Jung. "Nun, das war mal eine gute Art, neun Milliarden Pfund in den Wind zu blasen!", schreibt Jeremy Paxman, der Claus Kleber der BBC. Er gilt den Briten eigentlich verlässlich als grummeliger Dauer-Misanthrop, der seine Gesprächspartner im Livestudio auseinandernimmt. Während der Spiele saß Paxman dagegen als Zuschauer im Olympiastadion und litt mit, als die britische Hochspringerin Holly Bleasdale aufgeben musste. Der Sarkasmus war ihm vergangen. Überhaupt ließen diese Spiele die britischen Grantler verstummen.

Stattdessen wurde viel geweint in den vergangenen Wochen. Die britische "stiff upper lip" hat sich durch sämtliche Wettbewerbe gezittert. London fand sich in einer emotionalen Achterbahn wieder, nicht unähnlich dem kollektiven Zusammenbruch nach dem Tod von Diana. War es damals im Jahr 1997 unbändige Trauer angesichts des plötzlichen Verlusts, ist es heute die fassungslose Rührung angesichts des unerwartet großen Erfolgs. Es ist wie eine Art nationaler Schluckauf, der zwischendurch von Lachern über Mr. Bean unterbrochen wird.

Jetzt ist der Kater da

Und natürlich nehmen sich die Briten trotz ihrer 65 Medaillen weiter nicht ganz ernst. Sie lassen während der Abschlusszeremonie Eric Idle die Hymne "Always look on the bright side of life" singen zu schottischen Dudelsackspielern und indischen Tänzern. Und zur Freude des amerikanischen Medienpartners NBC sang das Monty-Python-Urgestein den vollen Text inklusive Schimpfwörtern in der Zeile: "Life’s a piece of shit when you look at it - Das Leben ist ein Stück Scheiße, wenn du es genauer betrachtest."

Für London bedeutet dieses Leben am Tag nach den olympischen Spielen vor allem einen enormen emotionalen Kater. Gegen die Entzugserscheinungen kaufen viele Briten Eintrittskarten für die paralympischen Spiele, deren Verkaufszahlen rasant nach oben schnellen. Sie wollen weiter feiern. Und sie wollen vor allem den Nachrichtengreueln entfliehen, von schlechten Arbeitslosenzahlen bis Eurokrise. Jeremy Paxman, der grummelige BBC-Moderator, schreibt dazu: "Ich nehme an, dass der reguläre Betrieb so bald wie möglich wieder aufgenommen wird. Und hoffe in Wirklichkeit, dass wir uns damit eine ganze Weile Zeit lassen."

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