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Olympia 2012 begeistert Gastgeber Rule Britannia!


Es ist das Ende des britischen Understatements: Mit dem Goldregen am Wochenende fühlt sich die Nation schon jetzt als Sieger der Olympischen Spiele.
Von Cornelia Fuchs, London

Um 22.42 Uhr am Samstagabend war es endgültig vorbei mit der berühmten Zurückhaltung der Kommentatoren des BBC-Fernsehens: Sie hüpften auf ihren Stühlen, rissen die Arme in die Höhe bis die Mikrophone aus den Ohren fielen und brüllten sich die Seele aus dem Leib. Es war der Moment, als der Brite Mo Farah den 10.000-Meter-Lauf gewann. Und Großbritannien das sechste Gold an einem Tag. So etwas hatte die Inselnation niemals zuvor erlebt, war sie doch von Weltmeisterschaften bis Tennis-Turnieren eher daran gewöhnt, ihre Niederlagen zu verarbeiten.

Die Boulevard-Zeitung "The Sun" nannte den Goldrausch "The Six Pack". Neben der Schlagzeile war der muskulöse Torso der Siebenkämpferin Jessica Ennis zu sehen. Sie ist der neue Liebling der Briten. Am Sonntag wurde sie von tausenden Fans im Hyde-Park gefeiert. Wie ein Rockstar spazierte sie auf einer Bühne auf und ab und präsentierte ihre Goldmedaille. "Ennis, Ennis, Ennis" rief die Menge. "Ich habe mit der Medaille an meiner Seite geschlafen", sagte die Athletin: "Es war ein unglaubliches Gefühl heute Morgen aufzuwachen und zu verstehen, dass dies alles nicht nur ein Traum war."

Murray vergisst sein Schotten-Dasein

Kurz vor ihrem Auftritt im Hyde-Park hatte Ennis ihrerseits den Tennisspieler Andy Murray in Wimbledon angefeuert. Nach seinem Sieg, hängte sich der Schotte den Union-Jack um die Schultern und sang "God save the Queen". Vergessen schien im Überschwang der Gefühle die Möglichkeit, dass sich die Schotten vom Vereinigten Königreich verabschieden könnten. Ein Referendum soll in den nächsten Jahren klären, ob die Menschen im hohen Norden unabhängig werden wollen.

Die Gastgebernation hat sich gefunden in diesen Wettkämpfen. Und es ist, als höre man die Menschen aufatmen. Sie mussten viel aushalten in den vergangenen Jahren: Steuererhöhungen, eine nicht enden wollende Rezession, Angst um Jobs, explodierende Studiengebühren, Skandale um Politiker, die Polizei und Journalisten, die ihre Mitmenschen abhörten. Und vor genau einem Jahr brannten in den Großstädten Häuser und wurden Geschäfte geplündert. Der Premierminister sprach von "Broken Britain", einer kaputten Gemeinschaft in einem Land, das sich am Abgrund sah. Übertrumpft von China und Deutschland, abgehängt von den Vereinigten Staaten und gehasst von Ländern wie Iran und Russland.

"TeamGB" vereint das Köngreich

Der Erfolg der Olympischen Spiele wird sich außer in der Menge der Medaillen am Ende nicht in Zahlen zeigen lassen - auch, wenn den Briten viel versprochen wurde in dieser Hinsicht, mehr Jobs, mehr Investitionen, größere Gewinne. Der Erfolg ist tatsächlich ein Gefühl. Wo ansonsten bei der Fußball-WM oder im Rugby-Stadion die weiß-rote englische Fahne geschwenkt wird oder die blau-weiße schottische, da sieht man heute eine rot-weiß-blaue Menschenmenge. Das Vereinigte Königreich oder - nach neuer Olympia-Definition - "TeamGB", hat die Inselnation zusammenrücken lassen.

Es wirkt, als schaue sich das Vereinigte Königreich an, erkenne sich - und zum ersten Mal nach langer Zeit scheinen die Menschen zu mögen, was sie da sehen. Die Kolumnistin Jackie Ashley schreibt auf der Guardian-Webseite: "Mo Farah kam mit acht Jahren zu uns aus Mogadischu und ist ein britischer Held. Jessica Ennis' Vater wurde in Jamaica geboren und ihre Mutter in Derbyshire, eine sehr britische Heldin. TeamGB umfasst Mitglieder der königlichen Familie, Internatsschüler, Immigranten und Kinder aus den Ghettos der Großstädte. Wir sollten uns einfach darüber freuen!"


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