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Kampfrichter-Debakel: Zwischen Videobeweis und Unvermögen

Silber! Disqualifiziert! Nein, doch Silber! Das Chaos um Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf ist eine Blamage für die olympischen Kampfrichter. Und bei Weitem nicht die erste bei den Spielen in London.

Von Swantje Dake

Die silberne Medaille hing um ihren Hals. Lilli Schwarzkopf lächelte noch ein wenig zaghaft. Während das proppenvolle Olympiastadion die Siegerin des Siebenkampfes, die Britin Jessica Ennis, frenetisch feierte, vergewisserte sich die deutsche Siebenkämpferin mehrfach mit einem Handgriff, dass ihr Edelmetall wirklich da war. Nicht nur auf Grund ihres Überraschungserfolgs, sondern vor allem wegen der turbulenten Stunde zwischen abschließendem 800-Meter-Lauf und Siegerehrung. Die 28-Jährige erlebte ein Wechselbad der Gefühle und die XXX. Olympischen Spiele erneut eine blamable Kampfrichterleistung.

Mit guten Aussichten auf die Bronzemedaille war Schwarzkopf in den 800-Meter-Lauf gestartet. Sie lag auf Rang 5. Nur 0,6 Sekunden musste sie schneller sein als die auf dem dritten Platz liegende Ukrainerin Ljudmyla Josypenko. Das war im Bereich des Möglichen. Die Athletin der LG Rhein-Wied lief ein couragiertes Rennen, erhöhte schon nach 500 Metern das Tempo, attackierte die auf Platz zwei liegende Tatjana Tschernowa. Zwar zog die Russin erneut an ihr vorbei und auch Ennis überholte sie im Schlussspurt, aber Schwarzkopfs 2:10,50 Minuten reichten. Sogar für Silber. Eigentlich.

Disqualifiziert - aber warum?

Denn der eigentliche Kampf um die Silbermedaille begann erst danach. Erschöpft und ausgepumpt ging Schwarzkopf mit den anderen Athletinnen auf die Ehrenrunde, winkte den Zuschauern, strahlte und freute sich. Und bekam nicht mit, was die Fernsehzuschauer vom Moderator erfuhren: "Schwarzkopf ist disqualifiziert." Doch auf Grund welches Regelverstoßes?

Minutenlang wurden die Bilder des 800-Meter-Laufes wiederholt. Und sie belegten: Schwarzkopf war weder zu früh gestartet, noch hatte sie die Bahnbegrenzung in einer Kurve übertreten. Sie war nicht zu früh von ihrer Startbahn auf die Innenbahn gekehrt. Auch verlief ihr Überholen ohne Rempler gegen die Konkurrentinnen. Rätselraten bei den Kommentatoren - und irgendwann auch bei der Athletin. "Das kann doch nicht sein, das ist nicht die richtige Liste", war sich die gebürtige Kasachin sicher.

Zwei blonde Athletinnen, eine aufgeregte Kampfrichterin

Lilli Schwarzkopf nahm die Aufklärung in die Hand. Fragte den ersten Kampfrichter, einen zweiten. Die sagten ihr, dass sie ihre Bahn in einer Kurve übertreten hatte. Doch Schwarzkopf war sich sicher, dass sie die weißen Linien nicht übertreten hatte. Die deutsche Mannschaft legte Protest ein. Und auf den Fernsehbildern war auch deutlich zu sehen: Schwarzkopf war in ihrer Bahn gelaufen. Die neben ihr laufende Russin Kristina Sawizkaja hatte die weiße Linie berührt. Wie eine Verwechslung der beiden Läuferinnen überhaupt möglich ist, bleibt ein Rätsel. Selbst auf Schwarz-Weiß-Bildern ist zu erkennen, dass Schwarzkopf in einem schwarzen Trikot läuft, die Russin in einem deutlich helleren hellblauen. Und die Startnummern der beiden Athletinnen sahen sich auch nicht zum Verwechseln ähnlich. Schwarzkopf trug die 1965, die Russin die 2891. Einzige Gemeinsamkeit: Beide Sportlerinnen waren blond.

Die in Paderborn lebende Sportlerin war also wieder in der Wertung. Mit Silber dekoriert! Doch nun legten die Ukrainer Protest ein. Denn die bislang auf dem dritten Platz liegende Ukrainerin Ljudmyla Josypenko wurde dadurch aus den Medaillenrängen gedrängt.

Der britische Humor

In den Katakomben des Olympiastadion wurde diskutiert, beratschlagt und Fernsehbilder wieder und wieder in Zeitlumpe angeschaut. Man rechnete schon gar nicht mehr mit einer Siegerehrung am Samstagabend. Aber die 82.000 Zuschauer wollten ihre Siegerin Ennis feiern und Schwarzkopf endlich eine Medaille für ihre neue persönliche Bestleistung von 6649 Punkten in Empfang nehmen.

Wie kann so etwas passieren? Schwarzkopf hatte nach der Schocknachricht einen kühlen Kopf bewahrt. Sie ließ sich nicht von den Kampfrichtern abwimmeln, auch nicht von der Behauptung, es gebe einen Videobeweis. Den ließ sich die Siebenkämpferin umgehend zeigen und konnte strahlend behaupten: "Auf der Bahn bin ich gar nicht gelaufen." Woraufhin die Kampfrichterin sagte: "Oh, da habe ich einen Fehler gemacht."

Schwarzkopf nahm das Hickhack erstaunlich gelassen. "Die Briten haben eine neue Art von Humor. Damit komme ich nicht klar", sagte sie, lachte aber. Obwohl sie noch immer im Unklaren darüber gelassen wurde, welchen Platz sie denn nun belegt. Nach einer Nacht drüber schlafen sagte Schwarzkopf: "Das kann man nicht mal mit der Hölle vergleichen. Man fällt in ein Riesenloch."

Kampfrichter, die nicht wissen, was sie tun

Lilli Schwarzkopf wurde der emotionalste Moment ihrer Karriere genommen. "Für meine grauen Haare hat sich keiner bei mir entschuldigt", sagte Schwarzkopf. Doch nachtragend oder böse ist die Siebenkämpferin nicht. Dennoch: So etwas darf nicht passieren - auch wenn irren menschlich ist. Es sind ja keine Kreismeisterschaften, die in London ausgetragen werden. Wie auch bei internationalen Fußballturnieren entsenden die Teilnehmernationen Kampfrichter, die in den jeweiligen Sportarten als eben solche auch in der Heimat aktiv sind und entsprechend geschult sein sollten.

Dass das nicht immer der Fall ist, war bereits mehrfach während der Spiele in London offensichtlich. Im Weitsprung Finale der Männer sorgte der Kampfrichter am Absprungbalken für Verwirrung. Sobald ein Athlet die Absprunglinie übertreten hat, muss er eine rote Fahne heben. Doch am Samstagabend verwechselte der ältere Herr rot und weiß einige Male.

Ringrichter und defekte Fecht-Uhren

Den größten Kampfrichtereklat gab es bislang beim Boxen. Der turkmenische Ringrichter Ischanguli Meretnijasow hatte im Bantamgewichtskampf den Aserbaidschaner Magomed Abdulhamidov zum Punktsieger (22:17) erklärt, obwohl dieser in der dritten Runde sechs Niederschläge hinnehmen musste. Die Boxweltverband AIBA korrigierte tags darauf das Urteil und erklärte den Japaner Satoshi Shimizu zum Sieger. Meretnijasow musste die Koffer packen. Ein deutscher Ringrichter wurde hingegen lediglich fünf Tage suspendiert. Er hatte den Iraner Ali Mazaheri in einem Schwergewichtskampf gegen einen Kubaner fälschlicherweise drei Mal verwarnt und disqualifiziert.

In anderen Disziplinen konnten die Sieger nur per Videobeweis und nach minutenlangem Wälzen des Regelwerks ausgemacht werden. Eine an den Nerven zehrende Angelegenheit für die Athleten. Bester Beleg der Spiele: das Degen-Drama zwischen Britta Heidemann und der Südkoreanerin Shin A Lam. Im Halbfinale hatte es beim Stand von 5:5 die kuriose Situation gegeben, dass die Athletinnen mehrfach einen Doppeltreffer landeten. Die Uhr aber einfach nicht auf Null sprang. Schiedsrichterin Barbara Csar ließ die Uhr überprüfen und die letzte Sekunde des Gefechts wiederholen. Dabei landete die zuvor passivere Britta Heidemann den entscheidenden Treffer und zog ins Finale ein. Csar wurde im Netz von wütenden Fans als "Schiedsrichtermiststück" angegriffen.

Verlass auf den Videobeweis

Schon mehrfach musste der Videobeweis in London über die Vergabe der Medaillen entscheiden. Im Bahnrad-Teamsprint kamen die deutschen Fahrerinnen Kristina Vogel und Miriam Welte nur so ins Finale. Ihre Konkurrentinnen hatten einen Wechselfehler begangen. Den im Finale schnelleren Chinesinnen wurde Minuten nach dem Ende wegen eines Wechselfehlers die Goldmedaille wieder aberkannt, sodass Vogel und Welte vom Silberjubel in den Goldrausch umschwenken konnten.

Auch im Triathlon der Damen dauerte es qualvolle Minuten bis klar war, dass die Schweizerin Nicola Spirig die Siegerin ist. Zuvor war sie mit der Schwedin Lisa Nordén nach 1,5 Kilometer Schwimmen, 43 Kilometer Radfahren und 10 Kilometer Laufen nach 1:59,48 Stunden zeitgleich über die Ziellinie gelaufen. Das Kampfgericht ließ sich Zeit mit der Auswertung des Zielfotos und entschied dann, dass Spirig mit ihrem Oberkörper zwar weniger als 15 Zentimeter vor Nordén durchs Ziel kam, aber doch die Siegerin ist. So vergaben die Schiedsrichter die Möglichkeit, im Sinne des olympischen Geistes zu entscheiden und eine Doppel-Goldmedaille zu verleihen. Womöglich dachten sie auch wie Lilli Schwarzkopf. Der war es zwischenzeitlich schon egal, welche Medaille sie bekommen würde. "Hauptsache es glänzt - egal, welche Farbe."

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