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Degen-Drama: Hassobjekt Kampfrichter

Kennen Sie Barbara Csar? Die Obfrau entschied im Halbfinale für die Fechterin Britta Heidemann. Seither sieht sich die Österreicherin übelsten Anfeindungen aus Fernost ausgesetzt.

Von Cord Sauer

Bis vor wenigen Tagen war Barbara Csar eine der unzähligen Unbekannten, die helfen, die Olympischen Spiele möglichst reibungslos über die Bühne zu bringen und für Fairness zu sorgen. Eine von denen, die ihren Sport lieben und ganz darin aufgehen. "Fechten ist Teil meines Lebens, seit ich diesen Sport mit sieben Jahren begonnen habe", sagt sie. Für die Weltspitze reichte es nicht, sie entschied sich für ein Studium. "Ganz mit dem Fechten aufhören wollte ich auch nicht, und so wurde ich Schiedsrichterin." Ihr Traum war die Teilnahme an Olympischen Spielen: "Für Olympia in Peking war das zu knapp, daher habe ich beschlossen: Ich ziehe das jetzt bis London 2012 durch". So kam es denn auch.

Csar gilt als starke Kampfrichterin mit tadellosem Ruf in der Szene. Deshalb durfte sie das Halbfinale zwischen Britta Heidemann und Shin A Lam leiten, in dem die Österreicherin in letzter Sekunde die Deutsche zur Siegerin erklärte. Seither hat sich viel getan im Leben der Barbara Csar, die junge Frau aus Salzburg ist weltbekannt und muss erklären, warum sie so und nicht anders entschieden hat. Das klingt dann so: "Die kleinste Zeiteinheit im Fechtsport ist die Sekunde, d.h. die Digitalanzeige/Sekundenzeiger springt so z.B. von 2 auf 1 und von 1 auf 0. Eine abgeschlossene Aktion zwischen 'Allez' und 'Halt' ist daher mehrmals möglich." Dass sie ihr Votum gefällt hat, wie sie es hat, stimmt sie "sehr traurig". Sie habe es "nach bestem Wissen und Gewissen getroffen". Diese Entscheidung machte die Südkoreanerin zur bislang tragischsten Figur der Spiele von London. Millionen TV-Zuschauer sahen, wie die weinende Südkoreanerin mit einem Sitzstreik auf der Planche protestierte. Das weckte rund um den Erdball Sympathien, natürlich vor allem in ihrer Heimat. Ganz anders Csar. Sie wurde zum Feindbild und Hassobjekt.

"Das hat es im Fechten noch nie gegeben"

Nach dem Halbfinale braute sich im Internet ein Shitstorm, eine Empörungswelle, zusammen. Unmengen von Beleidigungen prasselten auf Csar ein – vorwiegend aus Fernost. "Du bist eine Rassistin", schimpfte ein Nutzer auf der Internetplattform Twitter. Ein weiterer User schrieb: "Es machte den Eindruck, dass Csar nie die Kontrolle über das Gefecht hatte. Ein lächerlicher Skandal."

Die vielen Beiträge, die Csar hauptsächlich in koreanischer Landessprache erhielt, gipfelten in wüsten Beschimpfungen. Unter anderem ist von "Schiedsrichtermiststück" die Rede. Für eine Nation, die bekannt ist für ihren höflichen Ton und ihre moderate Sprache, sind derartige Formulierungen äußerst bemerkenswert. User "rlagustjg130" forderte gar dazu auf: "Bitte beschimpft Barbara Csar und hinterlasst ihr Beleidigungen!"

Kommentare dieser Sorte könnte die Salzburgerin ignorieren, doch seitdem ihre persönlichen Daten veröffentlicht wurden, hat die Obfrau keine ruhige Minute mehr. Nicht nur ihre private E-Mailadresse wurde nach Berichten österreichischer Medien verbreitet, auch ihre persönlichen Telefonnummern. Vergleichsweise harmlos polterte der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Südkorea: "Ich kann das nicht akzeptieren", sagte Park Jong Sung. Er fragte sich, was sich viele an jenem Abend fragten: Wie könne Heidemann binnen einer Sekunde drei Attacken ausführen?. "Das hat es im Fechten noch nicht gegeben", ereiferte sich der NOK-Präsident.

Was war passiert?

Dabei hatte Csar alles getan, eine korrekte Entscheidung zu fällen. Beim Stand von 5:5 im Sudden Death hatte es zwei Doppeltreffer innerhalb der letzten Sekunde gegeben. Die Kampfrichterin verlangte daraufhin die Überprüfung der Uhr, bei der jedoch ein Fehler festgestellt wurde. Csar entschied deshalb, die letzte Sekunde noch einmal zu fechten. Die zuvor passivere Heidemann traf, weshalb Shin verlor, die übrigens einverstanden gewesen sein soll, die Uhr abermals auf eine Sekunde zurückzudrehen. An der Tatsachenentscheidung gebe es nichts zu rütteln, erklärte wenig später auch die Kommission und das Technische Direktorium. Csar habe sich absolut "regelkonform" verhalten, wie sie selbst in einer schriftlichen Erklärung mitteilte.

Obfrau hat sich "regelkonform" verhalten

"Auf die Zeitnehmung und die in diesem Fall damit verbundene Problematik hatte und habe ich keinen Einfluss. Meine Konzentration gilt dem Gefecht und den Vorgängen, die ich zu leiten habe, nicht dem ablaufenden Sekundenzeiger", erklärte Csar später. Auch laut ihrem deutschen Kampfrichterkollegen Bodo Vogel treffe Csar "null Schuld".

Weder die noch in London weilende Csar noch der österreichische Fechtverband ÖFV, der sich kurz nach dem Sekunden-Drama geschlossen in den Urlaub verabschiedete, wie auf dem Anrufbeantworter zu hören ist, waren für eine Stellungnahme gegenüber stern.de zu erreichen.

Britta Heidemann versteht die Aufregung – und fordert Veränderungen

Heidemann nahm die Kamfprichterin in Schutz: "Das war kein menschliches, sondern technisches Versagen. Das darf nicht passieren." Der Beistand der Deutschen zeigt Größe. Shins bitterste Stunde ihrer Sportlerkarriere kann das nicht wettmachen. Auch nicht der Trostpreis, der ihr nun winkt. Die Südkoreanerin soll für "besonderen Sportsgeist" geehrt werden und "irgendeine Art von Medaille" erhalten, wie NOK-Präsident Sung erklärte. Initiator dieser Idee war der Internationale Fechtverband, der an Shins Fairness im Geiste der olympischen Bewegung erinnern wolle.

Csar hat derweil ganz andere Sorgen. Sie ist damit beschäftigt, sämtliche Pinnwandeinträge auf ihrer Facebook-Seite zu löschen.

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