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Olympische Gold-Ruderer: Große Party für stille Helden

Es war die erste echte Party im Deutschen Haus: Fans und Funktionäre feierten den Golderfolg des Ruder-Achters. Die Helden genossen bescheiden ihren Triumph. Nur einmal wurde es ernst.

Von Christian Ewers, London

Es sah so aus, als hätten sie im Deutschen Haus extra eine Nebelmaschine angeworfen für die Ruderer. Aber das waren bloß Rauchschwaden vom Grill, die über der Bühne hingen. Da standen sie nun oben auf dem Podest, acht große Männer und ein kleiner. Der Deutschland-Achter, der am Nachmittag Gold geholt hatte über die olympische Distanz von 2000 Metern. Die Bühne säumten viele Menschen in Anzügen und jubelten. Es jubelte der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich in Reihe eins, es jubelten die Vertreter der deutschen Botschaft in London, es jubelten nicht ganz so laut die englischen Gäste. Das Team Great Britain hatte sich gründlich verzockt im Finalrennen und musste sich mit Bronze bescheiden.

"Ich weiß gar nicht, warum ihr alle hier seid“

Nie war die Stimmung besser im Deutschen Haus als an diesem Mittwochabend. Britta Heidemanns Silbermedaille im Fechten am Montag war zwar auch begossen worden, aber das war keine richtige Party, es war mehr ein kollektives Aufatmen von Funktionären, Sponsoren und Sportlern. Heidemanns Silber bedeutete die erste Medaille für das deutsche Olympiateam – puh, noch mal gutgegangen, wir sind doch keine Volldeppen, wie die Zeitungen zu Hause schreiben. Und jetzt Gold für den Deutschland-Achter, ein wichtiger Triumph in einer wichtigen Disziplin. Das war mehr als eine Erlösung; das macht den Rücken gerade, das macht stolz. Wir sind Helden.

Das Gold für den Achter stellt bislang den emotionalen Höhepunkt der Sommerspiele in London dar – aus deutscher Sicht natürlich. Vielleicht auch, weil die Mannschaft es den Gästen im Deutschen Haus so einfach machte, sie ins Herz zu schließen. Sie hätten dort oben auf der Bühne kraftmeiern können, aber das Team um Steuermann Martin Sauer machte seine Witze wie immer: leise und mit feiner Ironie. Filip Adamski, der im Bug sitzt, sagte zur Begrüßung: "Ich weiß gar nicht, warum ihr alle heute Abend hier seid.“ Lukas Müller, der Hüne aus dem Mittelschiff, wurde vom Moderator nur so mit Komplimenten überschüttet. Wahnsinn, historischer Sieg, usw. Er antwortete darauf nur: "Ja. Hmm.“

Unten vor der Bühne und auf den Treppen schrie das Volk; war das der Achter oder war das Comedy?

"Ich kann keine Ruderboote mehr sehen“

Ernst wurde es nur am Ende des Abends, als Fragen zur Zukunft der Mannschaft kamen. Da gerieten sie alle ins Stottern, sogar der beredte Schlagmann Kristof Wilke. "Ein schnelles Boot wird nicht plötzlich langsamer“, sagte Wilke, "da macht es nichts, wenn ein paar neue Leute ins Team kommen."

Der deutsche Achter ist seit Mittwochmittag Geschichte. Auch wenn sie alle weitermachen würden – dieser Heldenepos von 36 Siegen in Folge, drei Weltmeistertiteln und einem Olympiasieg ließe sich nicht wiederholen. Vier Jahre lang hatte Ralf Holtmeyer die Spannung hochgehalten im Boot; er mischte das Team immer wieder durch, niemand sollte sich sicher fühlen. Alle sollten schuften für London, für Gold.

Jetzt hat der Achter nur noch ein Ziel. Raus aus Eton, dem Ruderzentrum am Dorney Lake, Grafschaft Buckinghamshire, und rein ins Olympische Dorf in London. Angeblich sind zu wenig Betten frei; die Mannschaft will trotzdem kommen. Warum? Max Reinelt sagt: "Ich kann keine Ruderboote mehr sehen.“

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