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Olympia 2012: "Super Saturday" Das britische Sommermärchen


Es war ein "Super Saturday" für die Gastgeber: Sechs Goldmedaillen gewannen die britischen Sportler. Drei davon innerhalb von 47 Minuten im Olympiastadion. 82.000 Zuschauer tobten auf den Rängen.

Nach dem erfolgreichsten britischen Olympia-Tag seit 104 Jahren steht das Empire Kopf. Die Gold-Party am Super-Samstag versetzte das Königreich in den olympischen Ausnahmezustand und sorgte für ausgelassene Hochstimmung auf der Insel. Sechs Olympiasiege innerhalb weniger Stunden rissen den begeisterten Premierminister David Cameron vor dem heimischen Fernseher von der Couch und ließen die Edel-Fans Paul McCartney sowie Prinz William samt Kate in Ekstase geraten. "Vergesst den "Super Saturday", das war "Spectacular Saturday"! Was für ein Abend! So so stolz", twitterte Londons Bürgermeister Boris Johnson.

Im Rad-Velodrom schwenkte Beatles-Ikone McCartney beim Sieg der Verfolgerinnen das "Union Jack"-Fähnchen und intonierte mit der begeisterten Menge lauthals sein "Hey Jude - na na na na". Später verwandelten die Leichtathleten Jessica Ennis, Greg Rutherford und Mo Farah mit dreimal Gold das Olympiastadion in ein Tollhaus, in dem Sir Paul "All you need is Love" mitgrölte. Zuvor hatten die Ruderer auf dem Dorney Lake in Eton zweimal triumphiert.

Vom Velodrom ins Stadion

Später schwang Paul McCartney auf der Tribüne des Olympiastadions den "Union Jack" und tanzte und sang zu seinem eigenen Welthit "All you need is love." Das Gebrüll, das Mo Farah auf der letzten Runde des 10.000 Meter-Rennens begleitete, war nicht ohrenbetäubend, sondern gesundheitsschädlich. Und als Sebastian Coe zur Siegerehrung mit Jessica Ennis schritt, feierten die 80.000 die Siebenkampf-Heldin und den Olympia-Cheforganisator, als hätten die beiden die Welt gerettet. Great, Britain! Dreimal Gold - und die Gastgeber bescherten der Sportwelt in London einen unvergesslichen Abend.

"Hep, hep, Hooray", titelte "The Sun" am Tag danach. Die "Sunday Times" schrieb: "Team GB feierte gestern seine größte Stunde, als die Athleten drei Goldmedaillen in nur 47 erstaunlichen Minuten einheimsten und einem der größten Tagen in der britischen Sportgeschichte ihr Siegel aufdrückten."

Die Briten erleben ihr Sommermärchen. Dabei hatten die ambitionierten Gastgeber einen Fehlstart hingelegt und fünf lange Tage auf das erste Gold warten müssen. "Erinnert sich noch jemand daran, als einige über zu wenige britische Medaillen gejammert haben? Das erscheint nun sehr lange her!", twitterte Sir Chris Hoy.

Der britische Fahnenträger und Bahnrad-Superstar hat in London schon einmal Gold gewonnen und will sich am Dienstag im Keirin mit seinem sechsten Olympiasieg zum alleinigen Rekord-Olympioniken Großbritanniens krönen.

Der "Sunday Mirror" hat im Königreich eine völlig neue Stimmung ausgemacht. Die Menschen seien überwältigt von ihren Emotionen "weinen - zu Hause, in der Kommentatoren-Kabine, auf dem Podium, auf den Zuschauerrängen, im Auto am Radio." Das Blatt jubelt: "Wir alle haben die Olympischen Spiele gewonnen." Die "Sunday Times" beschrieb die Stimmung so: "Die britischen Fans haben einen exzentrischen neuen Patriotismus entdeckt und feuern jeden an - sogar Deutschland."

Rotschopf Rutherford hat Angst vorm Erwachen

Als Weitspringer Greg Rutherford seinen Olympiasieg feierte, dröhnte wieder - wie schon beim Einmarsch des britischen Teams bei der Eröffnungsfeier - David Bowies "Heroes" durchs Stadion. "Davon habe ich mein ganzes Leben geträumt und dies in London zu schaffen, ist einfach unglaublich", sagte der fassungslose Rotschopf und hatte nur eine Angst: "Ich werde womöglich in einer Minute aufwachen."

Kurz davor hatten die britischen Fans Ennis beim abschließenden 800-Meter-Lauf förmlich ins Ziel getragen. Als die Siebenkampf-Heldin bei der Siegerehrung mit den Tränen kämpfte, da brach im BBC-Studio Denise Lewis, die Olympiasiegerin von Sydney 2000, in Tränen aus. "Manchmal gibt es keine Worte, einfach wundervoll, zauberhaft", schluchzte sie in ein Taschentuch.

Düsenjet im Stadion

Auch Silbermedaillengewinnerin Lilli Schwarzkopf schwärmte von der Riesenparty: "Das war bombastisch, die gigantische Atmosphäre in sich aufzusaugen. Das war genau das, wovon ein kleiner Sportler über Jahre insgeheim träumt." Seit der WM 1993 in Stuttgart hat die Leichtathletik tatsächlich keinen solchen mitreißenden Abend mehr erlebt. Allenfalls magische Minuten wie 2000 in Sydney, als Australiens Star Cathy Freman über 400 Meter zu Gold rannte, und 2004 in Athen, als alle Zuschauer vor dem 100-Meter-Finale und selbst einige Sprinter Sirtaki tanzten.

Farah sagte später, es sei das Lauteste, was er in 20 Jahren Leichtathletik jemals erlebt hatte. In der letzten Runde setzte sich der in Mogadischu/Somalia geborene Brite an die Spitze des Feldes und man hätte meinen können, die ansonsten so übermächtigen Läufer aus Äthiopien und Kenia rennen gegen eine Schallmauer.

"The Daily Telegraph" vermeldete am Sonntag, dass der Lärm, als Ennis ins Ziel kam, 110 Dezibel betrug - wie bei einem startenden Hubschrauber. Als Farah die letzte Runde absolvierte, war es ungefähr so laut, als sei ein Düsenflugzeug direkt übers Olympiastadion geflogen. "Es war ein einziges Gebrumme", beschrieb der 29-Jährige die Stimmung schon beim Start. "Es war, als ob mir jemand zehn Tassen Kaffee gegeben hat. Ich war so aufgedreht und ich wusste, ich muss etwas tun."

Hinter der Ziellinie riss der Olympiasieger die Augen auf, fasste sich an den Kopf und ließ sich wie erschlagen zu Boden fallen. Dann machte sich "Magic Mo" auf die Ehrenrunde, als plötzlich seine Tochter Rihanna quer durch den Innenraum auf ihn zustürmte. Und plötzlich war auch seine schwangere Frau Tania bei ihm, und er umarmte sie vor unzähligen Kameras und Augen. "Ohne dieses Publikum und diese Unterstützung hätte ich nicht gewonnen. Das ist der beste Moment meines Lebens", sagte Farah später.

Ulrike John/DPA DPA

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