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Enttarnung von Steuersündern in der Schweiz: Der Mann, der 104 Millionen Dollar einsackte

Bradley Birkenfeld saß im Knast, weil er Amerikanern half, ihr Schwarzgeld in der Schweiz zu bunkern. Aber er verpfiff sie auch. Und wurde dafür reich belohnt.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Dies ist die Ballade vom nicht wirklich armen B.B.. Seine Kunden hatten in ihm einen, auf den sie letztendlich nicht bauen konnten.

Man fängt diese Ballade am besten mit einem kleinen Dialog an. Am Sonntag im "Tatort". Kommissarin zum Geiselnehmer: "Warum machen Sie das eigentlich"?
"Ich will Gerechtigkeit."
"Ihnen geht es doch nur um Rache!"
"Ist das nicht das Gleiche?"

So ähnlich nämlich könnte es sich auch zugetragen haben, nachdem der Bank-Manager Bradley Birkenfeld an einem Julitag im Jahr 2006 von Genf in die USA geflogen war. In seinem Gepäck: streng vertrauliche Unterlagen der Schweizer Großbank UBS; Mails, Kundendaten, Handbücher, Präsentationen und Informationsmaterial, wie man verschlüsselte Laptops nutzt oder Tarnfirmen gründet, um Schwarzgeld zu parken. Kurz: Alles, was US-Ermittler brauchten, um illegale Praktiken der UBS und ihrer amerikanischen Kunden im sogenannten Offshore-Geschäft nachzuweisen.

Diamanten in der Zahnpastatube

Bis zu diesem Zeitpunkt war der gebürtige Bostoner Birkenfeld, Jahrgang 1965, ein flott funktionierendes Rad im gut geschmierten Schweizer Banken-Getriebe gewesen. Ein Mann, der seine Skrupel, so er solche hatte, gerne im Interesse seiner Geschäftskunden hintanstellte. Seit 2001 arbeitete für die UBS und half schwerstreichen US-Amerikanern, ihre Millionen am Fiskus vorbei zu schleusen. "Ich war von der UBS angestellt, habe ein hohes Salär bekommen und bin dazu angespornt worden, diesen Job zu tun", sagte Birkenfeld. Allein dem Immobilien-Tycoon Igor Olenicoff half er, rund 200 Millionen Dollar auf Schweizer und Liechtensteiner Konten zu verstecken.

In der distinguierten Schweizer Bankerszene galt US-Bürger Birkenfeld als ungewöhnlich auffallender Hund – mit BMW M5 (Neupreis: schlappe 100.000 Euro), Chalet in Zermatt, Dreitagebart und öfter wechselnden Damen an seiner Seite. Er soll, berichtete die "NZZ", immer wieder im Zusammenhang mit einem Korruptionsskandal in Kenia genannt worden sein. Selbst gab Birkenfeld vor laufenden Fernsehkameras preis, welche Dienste er seinen Klienten auch angedeihen ließ, Diamanten transportieren etwa - in einer Zahnpastatube. Natürlich alles ganz legal. "Wie würden Sie denn Diamanten transportieren?"

Erst Banker, dann Whistleblower

Alles in allem: nicht eben die Art Zeuge, die man sich erträumt. Aber sometimes, kommentierte die "New York Times", "it takes a thief to catch one". Sinngemäß: Manchmal muss man sich eben von einem Brandstifter helfen lassen, um ein Feuer zu löschen. Auf jeden Fall dürfte Bradley Birkenfeld als der Mensch in die Geschichte eingehen, der am Anfang vom Ende der Schweiz als Schwarzgeldparadies steht und der viel dazu beigetragen hat, dass das Schweizer Bankgeheimnis bald so löchrig sein dürfte wie ein schöner Emmentaler. In der Eidgenossenschaft hat Birkenfeld es deshalb im Ranking der bestgehassten Zeitgenossen auf einen der Spitzenplätze gebracht - deutlich vor NRW-Finanzminister und Steuer-CD-Käufer Norbert Walter-Borjans.

Sein Motiv: Ärger? Geplagtes Gewissen? Oder schnöde Geldgier? Von Anfang an spekulierte Bradley jedenfalls darauf, mit einer ordentlichen Belohnung aus dem Whistleblower-Programm der US-Regierung nach Hause zu gehen. Man sagte ihm nach, er habe aus Rache ausgepackt, weil die UBS ihm eine Bonuszahlung verweigert habe. Andere warfen ihm vor, er habe erst ausgesagt, als die Ermittler ihn selber im Visier gehabt hätten. Birkenfeld selbst sagte aus, er habe doch vorher seine Kunden nicht verraten können. Das Bankgeheimnis. Alles ziemlich merkwürdig.

Die Wahrheit? Ziemlich schwer herauszufiltern.

Behörden nahmen fünf Milliarden Dollar ein

Birkenfeld legte mit den Dokumenten und seinen Aussagen jedenfalls das System UBS praktisch lahm. Die Bank kaufte sich gegen 780 Millionen Dollar von weiterer Verfolgung frei und lieferte den US-Behörden zusätzlich die Daten von 4450 Kontoinhabern, gegen die nun ermittelt wird. 35000 US-Bürger zeigten sich aus Angst selbst an. Fünf Milliarden Dollar nahmen die US-Steuerbehörden allein an Bußgeldern und Steuernachzahlungen ein. Immobilien-Igor Olenicoff war allein schon mit 52 Millionen Dollar dabei.

Die Mission war also ein voller Erfolg. Nur für ihn selbst nicht, zunächst jedenfalls. Wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung wurde Birkenfeld 2008 zu 40 Monaten Haft verurteilt. 31 Monate davon saß er ab im Gefängnis Schuylkill in Minersville, Pennsylvania. Erst am 1. August kam er wegen guter Führung vorzeitig frei – am Nationalfeiertag der Schweiz, soviel Spaß muss sein. Seither steht er unter Hausarrest und verlangt, dass Barack Obama ihn begnadigt.

Wer hat noch nicht, wer will nochmal?

Einen späten Lohn für seine Informationen erhält er nun auch. Die US-Steuerbehörde zahlt ihm, Achtung, festschnallen bitte: 104 Millionen Dollar, umgerechnet 83,1 Millionen Euro. Soviel hat noch nie ein Wistleblower erhalten. Okay, der Mann muss seine Belohnung versteuern, seine Anwälte kriegen auch einen hochprozentigen Anteil, eine ordentliche Summe will er spenden, aber am Ende wird Bradley Birkenfeld immer noch genügend Geld bleiben, um sich ein paar schöne ruhige Tage jenseits der Schweiz zu machen. Und ein paar Bodyguards zu bezahlen.

Für Birkenfelds Anwalt dagegen besteht der späte Geldsegen aber auch aus "104 Millionen Botschaften an amerikanische Steuerhinterzieher: Wir kriegen euch." Naja, und ein paar der Botschaften dürften auch an B.B.s Ex-Kollegen in der Schweiz gerichtet sein. Und die lauten: Wer hat noch nicht, wer will noch mal whistlen. Bitte melden!

Brecht und die Banken

Nur Bertolt Brechts Einwurf "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank" muss womöglich leicht modifiziert werden: Was ist die Arbeit in einer Schweizer Bank gegen das Verpfeifen einer Schweizer Bank…

Ob das gerecht ist? Gute Frage. Aber schön ist es schon.

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